SZ

Heimische Pädagogen winken ab
Zusätzliches Corona-Schuljahr nicht nötig

Auch für die Schulen ist Corona eine absolute Ausnahmesituation. Trotzdem hinkt der normale Unterricht aktuell nicht hinter dem Lehrplan hinterher.
  • Auch für die Schulen ist Corona eine absolute Ausnahmesituation. Trotzdem hinkt der normale Unterricht aktuell nicht hinter dem Lehrplan hinterher.
  • Foto: Pixabay (Symbolbild)
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

bw Siegen/Bad Laasphe/Erndtebrück. Ein zusätzliches Schuljahr durch die Probleme in der Corona-Pandemie? Diesen Vorschlag äußerte nicht irgendwer, sondern mit Heinz-Peter Meidinger immerhin der Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Für viele Eltern und Schüler werde diese Möglichkeit, das Schuljahr auf freiwilliger Basis zu wiederholen, enormen Druck aus dieser schwierigen Situation herausnehmen. Die Corona-Pandemie lasse auch das laufende Schuljahr kein normales werden, betonte der ehemalige Schulleiter aus Deggendorf (Bayern). Meidinger betonte, es werde nicht gelingen, die Lehrpläne zu erfüllen. Auch das Problem des Notendrucks, den manche Elternverbände beklagen, könne so entschärft werden.

bw Siegen/Bad Laasphe/Erndtebrück. Ein zusätzliches Schuljahr durch die Probleme in der Corona-Pandemie? Diesen Vorschlag äußerte nicht irgendwer, sondern mit Heinz-Peter Meidinger immerhin der Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Für viele Eltern und Schüler werde diese Möglichkeit, das Schuljahr auf freiwilliger Basis zu wiederholen, enormen Druck aus dieser schwierigen Situation herausnehmen. Die Corona-Pandemie lasse auch das laufende Schuljahr kein normales werden, betonte der ehemalige Schulleiter aus Deggendorf (Bayern). Meidinger betonte, es werde nicht gelingen, die Lehrpläne zu erfüllen. Auch das Problem des Notendrucks, den manche Elternverbände beklagen, könne so entschärft werden. Die freiwillige Wiederholung des Schuljahres solle in dieser Situation aber nicht als „Sitzenbleiben“ gewertet werden. Bleibt allerdings die Frage, ob die Idee auf eine positive Resonanz vor Ort stößt.

Darjana Sorg von der Realschule Erndtebrück lobt ihre Schüler

Darjana Sorg, Schulleiterin der Erndtebrücker Realschule, findet: „Für die Motivation der Schüler wäre es nicht zuträglich und auch nicht nachvollziehbar.“ Sie kann ihre Schüler nur loben für die Mitarbeit im Unterricht und für die Disziplin in dieser schweren Zeit: „Die Schüler verhalten sich vorbildlich.“ Auch inhaltlich sei eine Wiederholung nicht notwendig, „wir sind voll im Stoff des Schuljahres“. Von Vorteil sei gewesen, dass die Schule nach dem ersten Lockdown im Frühjahr voll auf den Unterricht in den Hauptfächern gesetzt habe. Es gehe somit definitiv kein ganzes Jahr verloren, das die Schüler wiederholen müssten. Daran würde sich nach Ansicht Darjana Sorgs auch nichts ändern, wenn aus dem Präsenz- doch wieder Distanzunterricht werden müsste. „Denn auch der Online-Unterricht hat gut funktioniert, auch wenn der Präsenzunterricht natürlich das A und O ist. Wir freuen uns über jede Woche, in der wir normal unterrichten können“, betont die Realschulleiterin.

Normalbetrieb seit den Ferien am Gymnasium Bad Laasphe

Von einem kleinen „Wunder am Städtischen“ spricht Steffen Roth, stellv. Schulleiter des Bad Laaspher Gymnasiums. Die Schule ist bislang nämlich verschont geblieben von Quarantänemaßnahmen in ganzen Klassen und dementsprechend gut „im Stoff“. Der Unterrichtsausfall durch in Quarantäne befindliche Lehrkräfte hält sich seit Beginn des Schuljahres ebenfalls stark in Grenzen. „Alles in allem findet bei uns seit den Sommerferien, was das Vermitteln von Unterrichtsstoff angeht, ein Normalbetrieb statt.“ Ihm ist bewusst, dass es an anderen Schulen, gerade überregional, anders aussieht und es eklatante Unterschiede gebe. Indes gibt Steffen Roth zu bedenken: „Wenn es eine politische Entscheidung gäbe, alle Schullaufbahnen um ein Jahr zu verlängern, würde ganz sicher keine größere Gerechtigkeit erzeugt. Während sich unsere Schülerinnen und Schüler langweilen, müssten an anderen Schulen gewissermaßen für jede Klasse und jedes Fach ein Extralehrplan erstellt werden, der den Stoff, der zu kurz gekommen ist oder nur auf Distanz unterrichtet wurde, beinhaltet. Das stelle ich mir sehr schwierig vor.“

Die Defizite lassen sich heute noch nicht bemessen

Steffen Roth unterrichtet derzeit einen Mathematik-Leistungskurs in der Stufe Q2 – die Abiturienten des kommenden Jahres also. „Wir sind bedingt durch die Schulschließung und das Lernen auf Distanz im Frühling und Frühsommer im Vergleich zu früheren Jahren etwa um drei bis vier Wochen im Stoff zurück.“ Zusammen mit den veränderten Abiturvorgaben für 2021 mache er sich um eine adäquate Vorbereitung auf das Zentralabitur derzeit keine Sorgen. Natürlich gebe es Dinge, die in Zeiten von Corona zu kurz kämen: Erhebliche Teile des Sportunterrichts, Singen im Musikunterricht, Formen der Partner- und Gruppenarbeit, spielerische Lernformen, Teile von Experimentalunterricht, Klassenfahrten und Exkursionen, Schulfeste, Projektwochen und viele andere Aktivitäten fallen aus. Steffen Roth: „Wie groß die Defizite dadurch sind, kann man heute noch nicht bemessen. Ein zusätzliches Schuljahr explizit mit diesen Dingen zu füllen, ist vielleicht ein ganz spannendes Gedankenexperiment, aber dann doch realitätsfern.“

Keine Rede von einem verlorenen Schuljahr

Allenfalls als Option für Einzelfälle bezeichnet Frank-Martin Sünkel, Vorsitzender der Bezirksgruppe Siegen-Wittgenstein im Philologen-Verband Nordrhein-Westfalen, den Meidinger-Vorschlag. „Der reguläre Präsenzunterricht findet entsprechend der Vorgaben des Schulministeriums statt, sodass man bislang keinesfalls generell von einem verlorenen Schuljahr für alle Schüler sprechen kann.“ Es würde aus seiner Sicht auch auf Unverständnis bei vielen Schülern und Eltern und insbesondere bei den Kolleginnen und Kollegen stoßen, „wenn der geleistete hohe Einsatz unter erschwerten Bedingungen pauschal als verlorene Zeit quittiert würde“.

„Der Vorschlag ist ein Armutszeugnis“ Kein gutes Haar lässt Dr. Jörg Siewert, Akademischer Oberrat für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Schulpädagogik an der Universität Siegen, am Meidinger-Vorschlag. Dieser sei ein „Schlag ins Gesicht der Schüler, die sich im Homeschooling abmühen, bereit sind, über Wochen mit Masken und Abstandsregelungen, ohne vernünftige Pausen, Mittagessen und sportliche Abwechslung bis zu acht Stunden in der Schule zu verbringen und einen Unterricht mit eingeschränkten Sozialformen mitzumachen“. Zudem sei die Idee ein Schlag ins Gesicht der Lehrer, die ebenfalls unter mehr als schwierigen Bedingungen arbeiten. „Der Vorschlag ist ein Armutszeugnis, weil man das Lernen der Schüler mit intelligenten Konzepten auch in Pandemiezeiten gewährleisten kann“, sagt Siewert. Die Schulen, die schon seit Jahren auf das eigenverantwortliche und selbstständige Lernen ihrer Schüler setzten, „machen es vor“. In vielen Schulen sei aber die Präsenzzeit nicht mal dazu genutzt worden, die Schüler auf vorübergehendes selbstständiges Arbeiten mit digitaler Unterstützung vorzubereiten. Und es sei versäumt worden, Schulen, Lehrer und Schüler technisch auszurüsten. „Diese Versäumnissuppe haben nicht die Schüler gekocht, und insofern wäre es unfair, sie sie mit einem Schuljahr mehr auslöffeln zu lassen.“ Nicht zuletzt gebe für das zusätzliche Jahr auch gar nicht genug Lehrer.
Autor:

Björn Weyand (Redakteur) aus Bad Laasphe

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

2 folgen diesem Profil
Themenwelten
Die Siegener Zeitung begrüßt den Lenz mit einem Sonder-Abo: Sparen Sie drei Monate lang mit unserem Frühlings-Abo.

SZ+ informiert schnell und gut
Mit dem Frühlings-Abo drei Monate sparen

Der Frühling hat - kalendarisch- begonnen und die Siegener Zeitung begrüßt den Lenz mit einem Sonder-Abo: Sparen Sie drei Monate lang mit unserem Frühlings-Abo. Verlässliche Informationen trotz unruhiger Corona-LageIn diesem einmal mehr besonderen Jahr sehnen sich viele Menschen noch mehr nach den ersten Frühlingsboten. Ist doch mit den steigenden Temperaturen, den kräftiger werdenden Sonnenstrahlen und dem Aufblühen der Natur im zweiten Jahr der Corona-Pandemie noch mehr Hoffnung verbunden als...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen