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Stadttauben
Zwischen Hass und falsch verstandener Tierliebe

Die Plagegeister der City stoßen sowohl auf Hass als auch auf falsch verstandene Tierliebe.
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js Siegen. Flatterhaftes Benehmen, aufdringliches Picken, unappetitliche Hinterlassenschaften auf Pflastersteinen, Bänken und Tischen der Außengastronomie: Der Ruf der Stadttauben ist ruiniert, nicht selten schlägt ihnen blanker Hass entgegen. „Flugratten“ und ähnliche Bezeichnungen haben sich eingebürgert. Auch in manchen Innenstadtbereichen von Siegen sind die Vögel wahre Plagegeister.
Ein Wirbeltier verhungern zu lassen, ist für mich keine Lösung.
Claudia Rommel
Vorsitzende Taubenhilfe Siegen
Besseres Zusammenleben von Mensch und Stadttaube
Eine, die sich bestens auskennt mit dem Problem der Stadttauben, ist Claudia Rommel. Im ersten Corona-Lockdown fand die in der Wildvogelhilfe erfahrene Studentin ein einsames Küken in der City.

js Siegen. Flatterhaftes Benehmen, aufdringliches Picken, unappetitliche Hinterlassenschaften auf Pflastersteinen, Bänken und Tischen der Außengastronomie: Der Ruf der Stadttauben ist ruiniert, nicht selten schlägt ihnen blanker Hass entgegen. „Flugratten“ und ähnliche Bezeichnungen haben sich eingebürgert. Auch in manchen Innenstadtbereichen von Siegen sind die Vögel wahre Plagegeister.

Ein Wirbeltier verhungern zu lassen, ist für mich keine Lösung.
Claudia Rommel
Vorsitzende Taubenhilfe Siegen

Besseres Zusammenleben von Mensch und Stadttaube

Eine, die sich bestens auskennt mit dem Problem der Stadttauben, ist Claudia Rommel. Im ersten Corona-Lockdown fand die in der Wildvogelhilfe erfahrene Studentin ein einsames Küken in der City. Sie nahm es mit, gab ihm Futter, päppelte es auf, behielt es bei sich. Inzwischen ist die 27-Jährige eine Expertin. Mit Gründung des gemeinnützigen Vereins haben die frisch gebackene Vorsitzende und ihre Mitstreiter nun vor, ein besseres Zusammenleben von Mensch und Stadttaube zu fördern.
„Ich möchte auf keinen Fall dafür sorgen, dass weitere Tauben hinzukommen“, räumt sie mit einem gängigen Vorurteil auf. Im Gegenteil: Die Population der gefiederten Städter einzudämmen und ihnen Qualen zu ersparen – das sind die wesentlichen Vereinsziele. „Ich habe in diesem Jahr mindestens 200 Eier getauscht und damit das Ausbrüten entsprechend viele Tauben verhindert.“

Claudia Rommel
  • Claudia Rommel
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Bahnhof und Apollo sind Tauben Hotspots

Während es in der Oberstadt nur vereinzelte Exemplare gibt, zeigen sich zwei Bereiche als wahre Hotspots: Im Bereich Bahnhofsvorplatz leben laut Zählung bis zu 200 Tiere; an die 100 haben sich rund um das Apollotheater eingenistet. Bei Stadttauben handelt es sich mutmaßlich um den Nachwuchs von Brief- oder Sporttauben, die sich irgendwie aus privaten Schlägen dorthin verirrten, wo sie Futter fanden. Auch weiße Tauben, wahrscheinlich Hochzeitsflüchtlinge, mischen sich immer wieder darunter. Sie aus der Stadt zu vergrämen, ist leichter gesagt als getan. Jagdversuche mit Greifvögeln seien nicht von Erfolg gekrönt, erklärt Claudia Rommel. „Das führt meist nur zu einer Verjüngung der Population, am Ende nimmt die Zahl der Tauben dadurch nicht ab.“ Einfangen und aussetzen? Auch das ist keine Option, die Standorttreue führt die Navigationsprofis auch aus großer Entfernung zurück zum angestammten Platz. Das Stadttaubenprojekt, das Siegen seit 2013 als Folge des Siegplatten-Abrisses betreibt – zahlreiche Tiere verloren damals ihre Nistplätze –, sei hingegen durchaus zielführend. Die Idee: Taubenschläge möglichst dort einrichten, wo die Tiere leben. In diesen geschützten Räumen ist es möglich, echte Eier gegen Plastikimitate auszutauschen und so die Bruterfolge einzudämmen. Zudem ist dort eine Fütterung mit artgerechter Nahrung möglich. „Ein Wirbeltier verhungern zu lassen, ist für mich keine Lösung“, findet Rommel. Sie hat Verständnis dafür, dass ihre Mitmenschen die Tauben in den Fußgängerzonen füttern, das ei „eine empathische Geste“. Gut sei es für die Tiere allerdings nicht: Denn das, was für sie abfällt, sind keine Körner – sondern Brotstücke, Pommes und Dönerreste. „Davon bekommen sie Durchfall.“ Und genau der sorge für das unschöne Bild in der Stadt.

Siegener Taubenschläge sind voll ausgebucht

Der erste Siegener Taubenschlag in einem Dachgeschoss an der Sandstraße wurde im April 2013 eingerichtet – offenbar an guter Stelle, er ist voll ausgebucht. Der Container an der Morleystraße wurde anfangs gut in Beschlag genommen. Inzwischen dient er nur noch als Futterstelle, müsste verlagert werden. Gleiches gilt für das Pendant in Geisweid. Hier wurde die Fütterung schon eingestellt, weil es zu einem Rattenproblem kam. Ein weiterer Taubenschlag befand sich an der Weidenauer Kläranlage. Der wurde aber nicht angenommen und wieder aufgegeben.
Der junge Taubenhilfeverein nimmt sich die Sache noch einmal konzentriert vor. Nicht nur der Eiertausch an der Sandstraße soll die Population eindämmen, auch andernorts muss weiter gesammelt werden – wenn Nester erreichbar sind. Weitere Taubenschläge würden das erleichtern – und zwar in den Innenstadtbereichen Bahnhofsplatz und Apollo. Städtische Zuschüsse sind nötig, die wichtigste Stütze ist bislang aber ehrenamtliches Engagement. Bislang war vor allem der Tierschutzverein aktiv, er ist Betreiber der Taubenschläge. Jetzt kommt noch die Taubenhilfe hinzu, die bereit ist, für künftige Schläge die Verantwortung zu übernehmen. Das ist mit viel Arbeit verbunden, weiß Rommel. Mit der regelmäßig nötigen Reinigung des Taubenschlags Sandstraße sei man anderthalb Stunden beschäftigt. Ein Taubenwart als kontinuierliche Unterstützung wäre aus ihrer Sicht sinnvoll.

Autor:

Jan Schäfer (Redakteur) aus Siegen

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