Zwischen Impulsivität und Isolation

Kaum bekannt: Erwachsene mit ADHS-Syndrom / Selbsthilfegruppe in Siegen geplant

pebe Siegen. Anja (Name geändert) ist ständig in Bewegung. Sie schiebt die Pulloverärmel in die Höhe, sie bewegt sich unruhig auf ihrem Stuhl hin und her, sie fällt ihrer Mutter ins Wort, sie kratzt sich immer wieder auf dem Handrücken, wühlt durch ihre Haare und dreht die Daumen hektisch umeinander. »Ich merke das gar nicht, weil ich von klein auf daran gewöhnt bin«, sagt die 25-Jährige, als sie darauf angesprochen wird. Die junge Frau leidet unter einer Krankheit, deren Symptome von Kindern her weit eher vertraut sind: »ADHS«, »hyperkinetisches Syndrom« oder, verkürzend, »Hyperaktivität« sind die landläufigen Bezeichnungen für diese Krankheit, die für die Betroffenen Ausgrenzung und vielfältige Diskriminierung bedeutet.

Denn die Umwelt fühlt sich durch die teilweise recht heftigen Aktionen der Betroffenen gestört – das Krankheitsbild dahinter bleibt verborgen. Noch vor 25 Jahren war das Krankheitsbild fast unbekannt. Die betroffenen Kinder fielen auf, weil sie unruhig und scheinbar sozial unangepasst waren, Lernprobleme hatten und ihre Impulsivität nicht zügeln konnten. Anjas Mutter beschreibt das so: »Schon als Kleinkind war sie lebhaft und auffällig. Im Kindergarten blieb sie lang isoliert, weil sie nicht mit den anderen Kindern spielte, und sie kam auch in der Schule nicht mit anderen Kindern klar.«

Die Folge: Isolation und – als deren Steigerung – Gewaltformen: »Ich wurde oft gehänselt, weil ich anders bin«, erinnert sich Anja. Mehrmals sei sie wegen ihrer spontanen Handlungen sogar verprügelt worden. Dazu kam das Unverständnis der Lehrer: »Anja war monatelang gar nicht in der Schule, weil sie in den Pausen alles aufmischte, Klingeln abstellte usw.«, erinnert sich ihre Mutter. Eine weitere Folge: keine abgeschlossene Schulausbildung, kein Beruf, keine Perspektive. Die 25-Jährige: »Aber ich bin ja nicht dumm. Vom Kopf her hätte ich z.B. die Realschule oder das Abi schaffen können. Es ist nur so schwer für mich, Denken und Verstehen konzentriert in Handeln umzusetzen.«

Das mangelnde Wissen über die Krankheit tat ein Übriges: viele misslungene Therapieversuche, Leidensreisen von Pontius zu Pilatus, Fehlbehandlungen. Das heute viel eingesetzte Ritalin wurde bei ihr nur kurz angewandt, dann abgesetzt. Bei der erwachsenen Frau wirkt es nicht mehr – »ein Skandal«, meint ihre Mutter.

Die Erfahrungen mit ihrer Umwelt haben der jungen Frau den Mut genommen, sich um Kontakte und Beziehungen zu bemühen. Diese Mutlosigkeit macht sie einsam und unglücklich, denn sie will ihren eigenen Platz in der Welt in einer lebendigen Gemeinschaft finden. So aber lebt die 25-Jährige ziemlich isoliert und bleibt mit den Symptomen ihrer Krankheit allein. »Ich erlebe mich anders als viele andere. Ich bin unaufmerksam und impulsiv, langes, konzentriertes Arbeiten fällt mir unglaublich schwer.« In starker Spannung dazu steht Anjas Selbsteinschätzung: »Was ich will, weiß ich, aber ich bin nicht so, wie ich will.« Therapeuten, die mit ihr zusammen entwickeln würden, wie sie genau das besser schaffen könnte, gebe es nicht, winkt ihre Mutter resigniert ab.

Entspannung von der Anspannung gibt es für die 25-Jährige nur im Schlaf. Auf Hektik und Unruhe reagiert sie selbst höchst sensibel. Kürzlich hatte sie telefonischen Kontakt zu einer hyperkinetischen Erwachsenen, »da bin ich schon am Telefon selbst nervös geworden«. Diese Erfahrung aber lässt sie eher begreifen, was den geduldigen Kontakt zu Hyperaktiven für Außenstehende schwer macht.

Um ihre Isolation zu durchbrechen und Perspektiven zu entwickeln, sucht Anja den Kontakt zu weiteren Erwachsenen, die an ADHS leiden oder möglicherweise davon betroffen sind. An einer ADHS-Selbsthilfegruppe Interessierte können sich für weitere Informationen an die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen im Kirchenkreis Siegen (KISS), Tel. (0271) 2502850 wenden.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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