1999 Rückzug der TTG aus der 2. Liga
"Abenteuerland" war letztlich ein Dschungel

krup Netphen. Der freiwillige Rückzug der TTG Netphen aus der 2. Bundesliga im Jahre 1999 war keine spontane Entscheidung, sondern hat eine längere Vorgeschichte. „Schon die Entscheidung zur Teilnahme an diesem Abenteuer bzw. Experiment war im Vorstand mit einer äußerst knappen Mehrheit von nur einer Stimme gefallen“, heißt es dazu in einem Artikel in der Vereinszeitschrift „TTG Aktuell“ – man war sich also schon vor dem ersten Saisonspiel in der zweithöchsten deutschen Tischtennis-Liga sehr wohl des Risikos bewusst, das man einging.

Erste Warnsignale vernahm man bereits 1993, als nach der rasanten Aufwärtsentwicklung und den zahlreichen Erfolgen in den Vorjahren zunehmend gedämpftere Töne aufkamen.
Vieles wurde freilich durch den herausragenden Erfolg der 1. Mannschaft, die als Aushängeschild von einer Liga zur nächsten flog, übertüncht. In der 2. Liga erfüllte sich dann die große Hoffnung des Vereins, man würde weitere Zuschauer und finanzkräftige Sponsoren hinzu gewinnen können, nicht. Ganz im Gegenteil: „Die Zuschauerresonanz war gegenüber den Vorjahren eher geringer, und trotz größter Bemühungen wurden keine weiteren (zumindest wesentlichen) Sponsoren gewonnen“, lautet das ziemlich ernüchternde Fazit in einem Essay, in dem sich der Vorstand 1999 überaus gründlich – und entwaffnend selbstkritisch – mit dem Rückzug aus „Liga zwei“ auseinandersetzte.

"Akzeptanz nahm eher ab als zu"

Dort wird auch festgestellt, dass „die Akzeptanz bei den Vereinsmitgliedern eher ab- als zunahm“, sowohl von der Zuschauerseite als auch, was als noch gravierender empfunden wurde, von der Helferseite betrachtet. Aufgeschnappte Zitate wie „Alles dreht sich nur noch um die 1. Mannschaft“ oder „Warum sollen wir das für die fremden Profis tun?“ spiegeln das Stimmungsbild jener Tage recht anschaulich wider – sicherlich nicht allgemeingültig, aber doch repräsentativ. „Es gibt eine Ansammlung von einzelnen Gründen“, sagte der damalige 1. Vorsitzende und heutige Sportwart Dr. Gerhard Johnson nach dem freiwilligen Rückzug aus der 2. Bundesliga in einem Interview mit der Siegener Zeitung. „Wir haben dieses Abenteuer gewagt, weil wir den Spielern, die sich über drei, vier Jahre hochgearbeitet hatten, diese unter Umständen einmalige Chance nicht verwehren wollten. Auf der anderen Seite kannten wir das Risiko schon sehr deutlich, weil die Finanzen von Anfang an nicht gesichert waren. Es musste sehr viel an Know how aufkommen. Wir waren trotzdem bereit, weiter zu investieren in Arbeitszeit, in Geld, in Vorleistungen. Wir müssen aber heute sagen, dass diese Vorleistungen nicht honoriert wurden.“

In einer schonungslosen Analyse gestand der Verein zudem ein: „Eigene Fehler im Vorstand und Verein sind zahlreiche gemacht worden.“ Verwiesen wurde in diesem Kontext auf zu schnelles und letztlich „ungesundes“ Wachstum; zu hohe Erwartungen, die zwar systematisch geweckt, aber nicht erfüllt wurden; fehlende und/oder falsche Planungen (Einnahmen zu optimistisch eingeschätzt), fehlende personelle Basis (zu wenige Ehrenamtliche), fehlende Organisation und Know how in Bereichen wie Werbung, Steuern, Sozialversicherung, Verträge usw.; Fremdbestimmung nach dem Motto „Wer die Musik bezahlt, kann auch bestimmen, was gespielt wird.“

Alle Hoffnungen wurden enttäuscht

Alle Hoffnungen des Vereins – auf höhere Zuschauereinnahmen, mehr Sponsoren, auf weitere Helfer für die riesigen organisatorischen Aufgaben – wurden enttäuscht. Letztlich muss man festhalten, dass das „Abenteuerland“ 2. Bundesliga sich zu einem immer undurchdringlicheren Dschungel entwickelte, aus dem es am Ende nur noch einen Ausweg gab – die Reißleine. Gepaart mit der ebenso alarmierenden wie ernüchternden Erkenntnis, wie schnell ein Verein bei allem selbstlosen Einsatz einzelner Personen an seine finanziellen, personellen und logistischen (Belastungs-)Grenzen stoßen kann.

Autor:

Frank Kruppa (Redakteur) aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

2 folgen diesem Profil

Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen