Die "Hochzeit" der Sportfr. Siegen 3.
Aus der C-Kreisliga in die Bezirksliga marschiert

Der Moment, in dem alle Dämme brachen: Die „3. Welle“ der Sportfreunde Siegen bejubelt 2002 in Buschhütten den Aufstieg in die Bezirksliga.
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  • Der Moment, in dem alle Dämme brachen: Die „3. Welle“ der Sportfreunde Siegen bejubelt 2002 in Buschhütten den Aufstieg in die Bezirksliga.
  • Foto: Jan Krumnow
  • hochgeladen von Frank Kruppa (Redakteur)

krup Siegen. Fußball-Oberligist Sportfreunde Siegen leistet sich schon seit vielen Jahren keine 2. Mannschaft mehr, eine „3. Welle“ schon gar nicht. Es gab freilich Zeiten, in denen eine „Dritte“ des Vorzeigevereins aus dem Leimbachtal für reichlich Furore sorgte. Von 1998 bis 2002 schaffte das Team von Trainer „Kalla“ Jung den beinahe ununterbrochenen Durchmarsch aus den Niederungen der C-Kreisliga bis in die Bezirksliga!

35:1 Punkte in der Saison 1990/91

Um die Geschichte besser verstehen zu können, muss man in der Zeitmaschine noch ein paar Jährchen weiter zurück reisen. Ende der 1980er Jahre hatten die „Freunde“ schon mal eine „3. Garnitur“ unter der Regie von Trainer Karl-Hubert „Kalla“ Jung am Start, die in der Spielzeit 1989/90 zunächst Vizemeister der C-Kreisliga Südwest hinter der SG Oberschelden wurde und ein Jahr später mit 35:1 Punkten und 116:11 Toren die Meisterschaft in dieser Spielklasse errang.

Nach dem Aufstieg wurde das Team auf Anhieb Vizemeister der B-Kreisliga West und landete 1992/93 gemeinsam mit Aufsteiger 1. FC Türk Geisweid (beide 38:14 Punkte) auf Rang 1. Das fällige Entscheidungsspiel um die Meisterschaft verloren die Sportfr. Siegen 3. zwar vor rund 500 Zuschauern am Lindenberg mit 0:5, stiegen aber dennoch in die A-Kreisliga Süd auf, weil die Geisweider einen nicht spielberechtigten Akteur eingesetzt hatten. Siegen 3. holte im Kreisliga-„Oberhaus“ nur 15:41 Punkte, stieg als Vierzehnter ab und meldete das Team für die Folge-Saison 1994/95 nicht mehr zum Spielbetrieb – das war vorerst das Ende einer „3. Welle“ unter dem Dach der Sportfreunde.
Eines schönen Abends im Frühjahr 1998 jedoch trainierte „Kalla“ Jung mit den Alten Herren der Siegener, und nach der Übungseinheit entwickelte sich unter der Dusche in etwa folgender Dialog zwischen ihm und Rolf Bleck, damals Sportlicher Leiter der Sportfr. Siegen. Bleck: „Du Kalla, wir müssen reden.“ – Jung: „Okay.“ – Bleck: „Unser Trainer Ingo Peter ist der Meinung, dass ein Verein wie die Sportfreunde unbedingt wieder eine 3. Mannschaft braucht.“ – Jung: „Aha.“ – Bleck: „Ja, und diese Aufgabe kann meiner Meinung nach nur einer übernehmen.“ – Jung: „Soso.“ - Bleck: „Ja. Du.“
„Kalla“ Jung machte sich also ein zweites Mal ans Werk und scharte zunächst einmal ein paar seiner alten Spezies um sich: „Uwe Braun, Murat Serin und Thomas Lohse waren die Ersten, die ich angesprochen habe. Um sie herum ist dann die Mannschaft entstanden.“ Der aus der ehemaligen DDR nach Siegen gekommene „Tho-Loh“ nordete seinen Trainer freilich gleich mal ein: „Ich helfe dir gern – aber durch den Wald laufen werde ich nicht...“

Gleich bei der ersten Teamsitzung sollte der Coach jedoch erfahren, dass eine Menge Ehrgeiz in der Truppe steckte. Als er bekannt gab, dass zweimal wöchentlich trainiert werden sollte, meldete sich Hauke Röckinghausen zu Wort: „Trainer, ich habe keine Lust, zwei Jahre in der C-Liga zu kicken. Wir sollten also in der Vorbereitung viermal und in der Saison dreimal pro Woche trainieren, um besser als die anderen zu sein.“ Jung wunderte sich kurz, erfuhr aber alsbald: „Alle anderen hatte er vorher schon darauf eingeschworen.“

Nun, die Sportfr. Siegen 3. waren in der Saison 1998/99 tatsächlich besser als (fast) alle anderen, lediglich dem ungeschlagenen Meister Germania Mudersbach 2. (66 Punkte) musste man in der C-Kreisliga West den Vortritt lassen, mit 63 Zählern wurde Siegen 3. Vizemeister und stieg gemeinsam mit den „Germanen“ auf.

Durch die B-Liga durchmarschiert

Die B-Kreisliga West wurde 1999/2000 nur eine Durchgangsstation, die Siegener „Dritte“ wurde als Aufsteiger sofort Meister – mit 57 Punkten knapp vor „Kalla“ Jungs ehemaligem Verein SV Hubenfeld (55). „Die Hubenfelder haben in dieser Saison nur ein einziges Spiel verloren, und das war jenes bei uns in Siegen“, erinnert sich Jung, dem an diesem Tag ein sehr starkes Team zur Verfügung stand. „Unter anderem haben uns Tilman Waegner und Daniel Ruiz ausgeholfen, schon zur Halbzeit stand es 4:0.“ Am Ende hatten die Siegener mit 6:0 die Nase vorn, die 1:2-Niederlage im Rückspiel störte nicht mehr, war aber immerhin eine kleine Genugtuung für die Hubenfelder.

Mit frischem Elan ging es also ins Kreisliga-„Oberhaus“, in dem die Siegener „Dritte“ in der Spielzeit 2000/01 den respektablen 5. Rang belegte. Dabei sammelten die „Jung-Jungs“ in der Rückrunde (27) fast doppelt so viele Punkte wie in der Hinserie (14), in der sich einige Akteure doch erst einmal an das deutlich höhere Niveau gewöhnen mussten. In der Endphase der Saison durfte „Kalla“ Jung sogar Zoran Jonjic und Uwe Klein einsetzen, da beide im Regionalliga-Kader freigestellt waren und auch nicht in der Reservemannschaft spielen sollten, die seinerzeit den 4. Platz in der Verbandsliga belegte. „Gegen Vizemeister SpVg Anzhausen/Flammersbach haben wir 2:0 gewonnen, wobei beide Tore nach dem gleichen Schema fielen – Ecke Jonjic, Kopfball Klein“, schmunzelt Jung.

Haardt: "Ich halte mindestens vier..."

In der folgenden Saison 2001/02 setzte sein Team sogar noch einen drauf und sicherte sich die Vizemeisterschaft und damit die Teilnahme am Aufstiegsspiel der beiden A-Kreisliga-Zweiten. In Buschhütten lag Siegen 3. am 24. Mai 2002 gegen Nord-Vize FC Hilchenbach durch ein Kopfballtor von Goalgetter Daniel Schwank (32.) lange in Führung, ehe Torsten „Hans“ Meiser (73.) Hilchenbach in die Verlängerung rettete. Diese mussten die „Sportfreunde“ nach einer Gelb-Roten Karte für Christian Wehn (77.) komplett in Unterzahl absolvieren, „aber merkwürdigerweise waren wir es, die da mehr Körner zuzusetzen hatten“, wundert sich „Kalla“ Jung in der Nachbetrachtung rund 18 Jahre später.
Nach 120 Minuten blieb es beim 1:1, es ging also ins Elfmeterschießen. Nicht nur bei SZ-Redakteur Jan Krumnow, damals noch als blutjunger Freier Mitarbeiter „auf Achse“, lagen die Nerven blank, rückte doch der Redaktionsschluss immer näher. Nerven aus Stahl schien indes Siegens Torwart Tobias Haardt zu haben, der seinen unruhig herum tigernden Trainer beruhigte: „Mach dir keine Sorgen, Kalla: Ich halte mindestens vier...“ Nun, Haardt schien nahezu prophetische Gaben (oder ein riesiges Selbstbewusstsein) zu haben, parierte er doch tatsächlich die Elfmeter von Marcus Hering, Axel Pohlmann und Torsten Meiser. Lediglich Marc Wörster bezwang Haardt, für Siegen trafen Julian Heinz und Francesco Aquaro. Als Hilchenbachs Spielertrainer Werner Kornacker seinen Schuss in den Buschhüttener Nachthimmel jagte, stand es fest: Siegen 3. war Bezirksligist!

Dort behauptete sich das Team aus dem Leimbachtal im ersten Jahr (2002/03) „über dem Strich“, landete mit 34 Punkten bei 58:75 Toren auf dem 13. Rang – genau einen Zähler vor dem ersten Absteiger TuS Wilnsdorf/Wilgersdorf, den damals der SV 08 Langenau (19) und der SV Dreis-Tiefenbach (14) „nach unten“ begleiten mussten. Im Jahr darauf erwischte es aber dann auch die Siegener „Dritte“, die mit 25 Punkten neben dem VfB 07 Weidenau (30) und dem FC 08 Kreuztal (5) in den sauren Abstiegs-Apfel beißen musste.

„Kalla“ Jung weiß auch warum: „Den Spielern einer dritten Mannschaft kann man als Verein kein Geld bezahlen. Viele unserer Jungs waren aber so gut, dass sie in der Bezirksliga locker mithalten konnten – die haben dann Angebote von anderen Vereinen bekommen und sind halt gegangen. Ich mache ihnen da keinen Vorwurf, so ist eben der Lauf der Dinge.“ Die 3. Mannschaft musste daraufhin abgemeldet werden, eine Renaissance sollte es nie wieder geben.

Kalla Jung: "Ich bin froh und dankbar"

Missen möchte Jung, der später auch noch den 1. FC Türk Geisweid trainierte, seine Jahre mit der „3. Welle“ auf keinen Fall: „Das war eine sehr schöne Zeit. Vor allem haben wir all dies ohne finanzielle Unterstützung geschafft. Garnituren haben wir immer von privaten Sponsoren erhalten, nachdem wir zunächst die Trikots der 1. Mannschaft aufgetragen hatten – da waren dann die Spielernamen wie Saric, Cirba, Scholtysik oder Jonjic einfach schwarz überklebt“, schmunzelt Jung.
„Ohne meine Lebensgefährtin Heidi, die mir immer freie Hand für meine große Leidenschaft Fußball gelassen hat, hätte ich all das niemals realisieren können. Sie hat auch stets den Kreis der Spielerfrauen zusammengehalten. Ich möchte mich außerdem bei unserem damaligen Sportlichen Leiter Rolf Bleck, den Trainern Ingo Peter, Fanja Noll und dem leider schon verstorbenen Volker Oehm bedanken, die immer ein offenes Ohr für unsere Belange und Wünsche hatten. Ferner auch bei meinem langjährigen Mannschaftsbetreuer Franco Rubino und bei Gerd Grab, der sich stets nach unseren Ergebnissen erkundigt hat und immer auf dem Laufenden war – Menschen wie ihn wird es in Zukunft leider nicht mehr viele geben. Auch deshalb bin ich sehr froh und dankbar, dass ich in diesen Zeiten lebe, in denen ich solche Menschen kennen und schätzen lernen durfte“, blickt der mittlerweile 63-Jährige mit viel Empathie zurück.

Der Moment, in dem alle Dämme brachen: Die „3. Welle“ der Sportfreunde Siegen bejubelt 2002 in Buschhütten den Aufstieg in die Bezirksliga.
Der unermüdliche „Macher“ der Sportfr. Siegen 3. über viele Jahre: Trainer Kalla Jung.
Autor:

Frank Kruppa (Redakteur) aus Siegen

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