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Erstliga-Footballer aus Siegen
Der Gegenentwurf zweier "Söldner"

In seiner Zeit bei den Siegen Sentinels zeigte Tim Göckus (Bildmitte) sein Potenzial. Seit 2019 spielt er bei den Marburg Mercenaries in der GFL.
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  • In seiner Zeit bei den Siegen Sentinels zeigte Tim Göckus (Bildmitte) sein Potenzial. Seit 2019 spielt er bei den Marburg Mercenaries in der GFL.
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pm Siegen/Marburg. Der Begriff des „Söldners“ ist in der Sportwelt in der Regel negativ behaftet. Fußball-Fans bezeichnen so beispielsweise Akteure, die in erster Linie den nächsten, noch höher dotierten Millionenvertrag im Auge haben, die dem Euro quer durch Europa von Station zu Station hinterherjagen und wenig Bindung zu einem Team, geschweige denn einem Verein, aufbauen. Die sprichwörtliche Ausnahme sind die American Footballer Tim Göckus und Calvin Schuld, die zum Erstliga-Team der Marburg Mercenaries – ins Deutsche übersetzt: Söldner – zählen.
Triathleten-Sohn auf "Abwegen"Vor gut einem Jahr wagte der bald 27 Jahre alte Göckus den Sprung vom damaligen Oberliga-Absteiger Siegen Sentinels nach Marburg in die Gruppe Süd der GFL, der German Football League.

pm Siegen/Marburg. Der Begriff des „Söldners“ ist in der Sportwelt in der Regel negativ behaftet. Fußball-Fans bezeichnen so beispielsweise Akteure, die in erster Linie den nächsten, noch höher dotierten Millionenvertrag im Auge haben, die dem Euro quer durch Europa von Station zu Station hinterherjagen und wenig Bindung zu einem Team, geschweige denn einem Verein, aufbauen. Die sprichwörtliche Ausnahme sind die American Footballer Tim Göckus und Calvin Schuld, die zum Erstliga-Team der Marburg Mercenaries – ins Deutsche übersetzt: Söldner – zählen.

Triathleten-Sohn auf "Abwegen"

Vor gut einem Jahr wagte der bald 27 Jahre alte Göckus den Sprung vom damaligen Oberliga-Absteiger Siegen Sentinels nach Marburg in die Gruppe Süd der GFL, der German Football League. Zuvor absolvierte der Sohn von Triathlet Marco Göckus, bekannt vom Ejot-Team des TV Buschhütten, auch ein Probetraining bei den Cologne Crocodiles in Köln. Das so genannte Try-Out bei Frankfurt Universe nahm er nach dem ersten Besuch in Marburg gar nicht mehr wahr. „Mir hat es gleich gut gefallen und ich hatte ein gutes Bauchgefühl“, blickt Göckus zurück.
Schnell kam die Zusage der Marburger, die in der Saison 2018 als Tabellen-Fünfter knapp die Play-Offs um die Meisterschaft verpasst hatten. „Ich bin dann auch sehr gut aufgenommen worden und habe schnell Freundschaften geschlossen. Mir ist es wichtig, dass ich mich im Team auch menschlich wohlfühle. Ich möchte nicht nur kommen, Football spielen und wieder fahren“, erklärt Göckus, weshalb sich seine Entscheidung für die Mercenaries schnell als goldrichtig erwies.

Auf Anhieb Stammspieler

Das erste Jahr in der hessischen Universitätsstadt hätte in der Folge kaum besser verlaufen können. Göckus, der in der Verteidigung als Linebacker spielt, gewöhnte sich schnell an das neue Niveau und profitierte dabei von seiner starken Athletik, die er sich im Fitnessstudio erarbeitet. Im Training präsentierte er sich wissbegierig, lernte schnell und insbesondere von den so genannten Import-Spielern wie dem US-Amerikaner Justus Moreland. Die Folge: Schon nach kurzer Zeit gehörte Göckus zur Startformation der Mercenaries. „Das war ein Wunschtraum, der da in Erfüllung ging“, sagt Göckus. 
Der Veranstaltungskaufmann, der bei der Firma effexx in Weidenau im Marketing tätig ist, trainiert drei Mal pro Woche individuell und fährt seit seinem Wechsel dienstags und donnerstags die gut 100 Kilometer nach Marburg, wo dann zwei Stunden hartes Pensum auf dem Platz sowie eine halbstündige Theorie-Sitzung auf dem Programm stehen. Der Aufwand ist enorm, in Summe müssen für einen solchen Trip gut fünf Stunden eingeplant werden – von den langen Auswärtsfahrten am Wochenende, wenn die Mercenaries unter anderem in München oder Kempten zu Gast sind, mal ganz zu schweigen.

Fahrgemeinschaft Göckus/Schuld

Da passt es gut, dass Göckus die Stunden im Auto nicht mehr allein verbringen muss, denn seit vergangenem November bildet er eine Fahrgemeinschaft mit dem 20 Jahre alten Calvin Schuld, der nach gut vier Jahren bei den Siegen Sentinels ebenfalls ins „Abenteuer GFL“ starten will und die Marburger Verantwortlichen im Try-Out überzeugte. „Der Wechsel ist mir sehr schwer gefallen, denn ich hatte das Gefühl, die Mannschaft fallen zu lassen. Ich habe mich dann viel mit meinen Freunden besprochen und alle im Verein haben mir dazu geraten, es zu machen“, schildert Schuld den Ablauf seines Wechsels.
Ein halbes Jahr ist der Setzener, der an der Uni in Siegen Bauingenieurwesen studiert, jetzt schon im Training des Erstligisten dabei und konnte sich währenddessen schon ein klares Bild von den neuen Anforderungen machen. „Körperlich ist es schon noch mal ganz anders, außerdem muss man die ganze Zeit voll fokussiert sein. Die amerikanischen Coaches leben den Sport und haben eine ganz besondere Mentalität“, erklärt Schuld.

Auch Schuld will schnell in die Startformation

Bei der Eingewöhnung bei den Mercenaries war Göckus eine große Hilfe, denn das Siegener Duo bildet nicht nur eine Fahrgemeinschaft, sondern ist auch auf der gleichen Position zuhause. „Ich will nicht sagen ich wäre ein Vorbild für Calvin, aber ein Ratgeber, in Anführungszeichen, das kann man schon sagen. Ich habe ihm Einblicke gegeben und versuche ihm viel zu erklären, um ihn in das Team zu integrieren“, so Göckus. Als Linebacker sind die beiden gleichzeitig gewissermaßen Konkurrenten, je nach System und Aufstellung stehen jedoch meistens drei bis vier Verteidiger dieser Art auf dem Feld. „Ich habe schon an mich den Anspruch, schnell in der GFL anzukommen und möglichst direkt Starter zu werden. Wenn ich mir solche Ziele setze, dann will ich sie auch erreichen“, so Schuld im SZ-Gespräch ehrgeizig.

Football-Können liegt in der Familie

Der 20-Jährige versuchte sich in seiner sportlichen Laufbahn zuvor als Schwimmer und Kampfsportler, ehe er über Erich Schander, ein Cousin seiner Mutter und ehemaliger GFL-Spieler in Diensten von Frankfurt Universe, den Weg zum Football fand. Im Nachwuchs der Siegen Sentinels zeigte er seit 2015 schnell sein Talent und wurde unter anderem in die „GreenMachine“, die NRW-Nachwuchs-Auswahl, berufen. „Beim Football ist es einfach faszinierend, dass man irgendwie alles ein bisschen können muss. Der Sport ist sehr facettenreich, man muss gleichzeitig sehr kräftig und trotzdem beweglich und schnell sein“, erklärt Schuld.
Das gilt auch und besonders für Linebacker, die einerseits die gegnerischen Laufspielzüge stoppen, gleichzeitig aber auch zur Passverteidigung in der Lage sein müssen. Für diese komplexen Anforderungen bedarf es eines guten Coachings, das in Marburg besonders Aufgabe von Joseph „Joe“ Tricario ist. Der US-Amerikaner, ein ehemaliger College-Trainer, der schon einige heutige Stars aus der Profiliga NFL förderte, war in Marburg zunächst Defense Coordinator und Linebacker-Coach, ehe er im März 2020 auch den Head-Coach-Posten von Joe Sturdivant übernahm, der im Zuge der Corona-Krise in die USA zurückkehrte.

Football-spezifisches Training erlaubt

Der neue Cheftrainer muss freilich ebenso mit den besonderen Gegebenheiten zurechtkommen wie die Mannschaft der Mercenaries, die eigentlich vor knapp zwei Wochen mit einem Heimspiel gegen die Munich Cowboys in die neue Saison gestartet wäre. Stattdessen stand für Göckus, Schuld und Co. Individualtraining auf dem Programm, seit vergangenem Dienstag sind zumindest wieder Einheiten in Kleingruppen erlaubt. „Das ist für uns sehr viel wert, denn wir dürfen zwar noch nicht mit Körperkontakt, aber wieder football-spezifisch trainieren. Wir haben da spezielle Drills, bei denen es vor allem auf die Technik ankommt und die auch ohne Kontakt möglich sind“, erklärt Göckus.

Verspäteter Saisonstart im September geplant

Ab Ende Mai ist nach gegenwärtigem Stand auch normales Training wieder erlaubt, den verspäteten Saisonstart plant die GFL laut einer Pressemitteilung vom vergangenen Montag im September. Bis November sollen die beiden Achtergruppen der ersten Liga dann eine Einfachrunde spielen, Absteiger wird es 2020 keine geben, Aufsteiger aus der GFL 2 hingegen schon.
In etwa vier Monaten könnte also auch Calvin Schuld sein Debüt in Deutschlands bester Football-Spielklasse feiern. Die Pläne des American Football Verband Deutschland (AFVD) sieht Tim Göckus jedoch durchaus zwiegespalten: „Natürlich würde ich mich sehr freuen, eine Saison zu haben und Football spielen zu dürfen. Das würde auch vielen Vereinen helfen, sodass finanziell keine größeren Probleme entstehen. Andererseits steht die Gesundheit im Vordergrund und daher müssen wir abwarten, wie es weitergeht.“

Play-Offs das Minimalziel

Sollte ein Startschuss zur Saison fallen, gehen die „Söldner“ durchaus mit Ambitionen an den Start. Die reguläre Saison beendete Marburg 2019 mit neun Siegen und fünf Niederlagen auf Platz 3 der Süd-Staffel und zog damit in die Play-Offs ein, wo im Viertelfinale durch ein 22:39 bei den Dresden Monarchs Endstation war. „Mindestens die Play-Offs sind auch in der nächsten Saison wieder das Ziel“, sagt Göckus, der anfügt: „Der Traum ist natürlich, einmal den German Bowl zu gewinnen. Ich denke schon, dass wir in Marburg die Chance haben, den German Bowl zu erreichen. Wir haben schon mehrmals gezeigt, dass wir auch mit den besten Mannschaften mithalten können.“

Söldner? Ja und nein

Sich mit den Besten ihres Sports in Deutschland zu messen, das ist der Anspruch des Ex-Sentinels-Duos. Für ihren Aufwand bekommen die beiden Siegener übrigens lediglich ihre Spritkosten erstattet. Mit den vom Fußball bekannten „Söldnern“ haben Schuld und Göckus also nichts gemein. Stattdessen können sie stolz sein, sich Teil der Marburg Mercenaries nennen zu dürfen.

In seiner Zeit bei den Siegen Sentinels zeigte Tim Göckus (Bildmitte) sein Potenzial. Seit 2019 spielt er bei den Marburg Mercenaries in der GFL.
Für die Siegen Sentinels wird Calvin Schuld (mit Ball) in der kommenden Saison nicht mehr auflaufen.
Autor:

Pascal Mlyniec (Redakteur) aus Siegen

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