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Fußball-Schiedsrichter vier Wochen im Koma
Der Weg zurück ins Leben

Gemeinsam mit seiner Physiotherapeutin arbeitete Benedikt Schneider während seiner Reha in Braunfels intensiv und fleißig an seiner Koordination und am Muskelaufbau. Auch die kognitiven Übungen waren sehr wichtig für den 25-Jährigen.
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  • Gemeinsam mit seiner Physiotherapeutin arbeitete Benedikt Schneider während seiner Reha in Braunfels intensiv und fleißig an seiner Koordination und am Muskelaufbau. Auch die kognitiven Übungen waren sehr wichtig für den 25-Jährigen.
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

krup Siegen. Oft sind es nur Sekunden. Ein Wimpernschlag, der unserem Leben eine andere Richtung gibt. Ein Autounfall, der einer Familie den Ehemann und Vater nimmt. Eine Naturkatastrophe, die in wenigen Augenblicken ihre zerstörerische Wut entfaltet. Oder ein tragischer Sportunfall, nach dem ein junger Mann wochenlang im Koma liegt, mit ungewisser Zukunft. Manchmal allerdings wenden sich die Dinge, die über Wochen schrecklich und ausweglos erscheinen, zum Guten – davon erzählt diese Geschichte.
Training beim Siegener SCDer 1. September 2020 ist ein gewöhnlicher Herbsttag – zumindest, was das Wetter betrifft.

krup Siegen. Oft sind es nur Sekunden. Ein Wimpernschlag, der unserem Leben eine andere Richtung gibt. Ein Autounfall, der einer Familie den Ehemann und Vater nimmt. Eine Naturkatastrophe, die in wenigen Augenblicken ihre zerstörerische Wut entfaltet. Oder ein tragischer Sportunfall, nach dem ein junger Mann wochenlang im Koma liegt, mit ungewisser Zukunft. Manchmal allerdings wenden sich die Dinge, die über Wochen schrecklich und ausweglos erscheinen, zum Guten – davon erzählt diese Geschichte.

Training beim Siegener SC

Der 1. September 2020 ist ein gewöhnlicher Herbsttag – zumindest, was das Wetter betrifft. Benedikt Schneider, 25-jähriger Schiedsrichter im Dress des Siegener SC, hat seine Freundin Marisa in Eslohe besucht und begibt sich am Nachmittag per Zug auf die Heimreise nach Siegen, weil er am Abend noch am Training der „2. Welle“ des SSC teilnehmen will. „Die Vorbereitung habe ich dort mitgemacht – einfach, um mich fit zu halten“, erklärt Schneider. Er pfeift halt nicht nur aus Leidenschaft Fußballspiele, sondern kickt ebenso gerne selbst – nicht nur in der Reservemannschaft der Charlottentaler, sondern auch in einem Team der Schiedsrichter-Vereinigung Siegen-Wittgenstein und „auch schon mal ganz locker mit ein paar Freunden“, wie er der SZ-Sportredaktion erzählt.
Benedikt Schneider ist ein guter, aufmerksamer und regelfester Referee – „und obendrein ein richtig netter, umgänglicher und intelligenter Zeitgenosse“, wie ihm Florian Schreiber als stellv. Vorsitzender des Kreisschiedsrichterausschusses (KSA), bescheinigt. Ein junger Mann mit einer viel versprechenden Zukunft also.

Erinnerungen sind weg

Doch zurück zum 1. September: „Ich weiß noch, dass ich mir am Siegener Bahnhof ein Eis gekauft habe – alle späteren Erinnerungen an diesen Tag sind komplett weg“, sagt Benedikt. Und das hat seinen Grund. Im Training lässt Sasa Pasajlic, Trainer der SSC-Reserve, an jenem Dienstagabend im September, eine Übung ausführen, bei der zwei Spieler von den Torpfosten aus starten, dann einen Bogen laufen und sich schließlich in einem Laufduell Richtung Tor gegenüber stehen.

Mit den Köpfen aneinander geknallt

„Benedikt und sein Gegenspieler sind den Bogen gelaufen, haben dann aber nur auf den Ball geschaut und sind mit den Köpfen aneinander geknallt – das hat einen Schlag gegeben, als ob man mit der Hand fest auf den Tisch haut“, schildert ein SSC-Spieler, der an jenem Abend zum Augenzeugen wurde, die beklemmende Szene. „Beide sind zu Boden gegangen, aber auch rasch wieder aufgestanden – Bene ist aber gleich wieder zusammengesunken. Wir haben dann sofort den Notarztwagen gerufen.“

Künstliches Koma

Die Umstehenden ahnen bereits, das etwas Schlimmes passiert sein könnte, und so kommt es auch. Benedikt Schneider erleidet Verletzungen am Hirnstamm und wird in ein künstliches Koma versetzt.
Dieses dauert vier Wochen, dann wacht der 25-jährige Rosterberger auf – und kämpft sich seither Stück für Stück zurück in sein altes Leben, in das Leben vor dem Unfall. „Ich habe mir jetzt nochmal ein Video angeschaut, das ich meiner Freundin Anfang Oktober geschickt habe – da habe ich mich regelrecht vor mir selbst erschrocken“, gesteht der Student für Medien und Gesellschaft, der 2019 seinen Bachelor erwarb.

Sprechen, Schreiben und Laufen neu gelernt

Fortan aber verlief seine Genesung durchaus erfreulich. In der Reha-Klinik in Braunfels, in der Schneider medizinisch betreut wird, hat er nicht nur das Sprechen und Schreiben, sondern inzwischen auch bereits das Laufen wieder erlernt. „Mit der Physiotherapeutin kann ich schon zwei Kilometer im Spaziergänger-Tempo gehen. Das sieht zwar noch ein bisschen wackelig aus, aber es funktioniert“, lächelt der Blondschopf. „Rennen oder joggen kann ich zwar noch nicht, aber zumindest bin ich jetzt schon einige Wochen aus dem Rollstuhl raus, und den Rollator brauche ich auch nicht mehr.“

Masse zulegen

Aktuell befindet sich Benedikt Schneider in der Anschluss-Heilbehandlung, in der nicht nur die kognitiven Fähigkeiten weiter geschult, sondern auch die Muskulatur wieder aufgebaut und gefestigt wird. „Vor dem Unfall habe ich bei knapp 1,80 Metern Körpergröße rund 81 Kilogramm gewogen, beim Erwachen aus dem Koma waren es nur noch ca. 66. Also muss ich jetzt wieder einiges an Masse zulegen – aber nicht nur Fett, sondern auch Muskeln“, sieht sich der Siegener angesichts seines aktuellen Gewichts von 76 kg schon wieder auf einem guten Weg.

Baldiger Masterabschluss ist das Ziel

Generell hat sich Benedikt feste Ziele für die nahe Zukunft gesetzt, ohne sich dabei zu sehr unter Druck zu setzen: „Ich lasse das alles nach und nach auf mich zukommen. Mein großes Ziel war es, vor Weihnachten nach Hause zu kommen, und das hat geklappt. Es wird wunderschön, die Festtage daheim verbringen zu können. Dann will ich im Januar mit meinen Dozenten besprechen, wie der weitere Studienplan aussehen könnte und welchen Stoff ich bis wann nachholen kann – schließlich peile ich schnellstmöglich meinen Master an.“

Festplatte gelöscht

Und auch sportlich will Benedikt Schneider alsbald wieder in den Alltag zurückkehren: „Vielleicht ist es ja sogar ganz gut, dass ich an den Unfall an sich Null komma Null Erinnerungen habe. Auf jeden Fall sei das normal, hat mir eine Neurotherapeutin versichert. Sie hat das mit einem Computer verglichen, bei dem die Festplatte gelöscht wird, wenn man seine Daten nicht vorher sichert“, verwendet der Bezirksliga-Referee einen sehr anschaulichen Vergleich.

Keine Angst vor dem Fußballplatz

„Dadurch, dass meine Erinnerungen gelöscht sind, habe ich auch keine Angst davor, auf den Fußballplatz zurückzukehren. Spiele pfeifen will ich auf jeden Fall wieder, und der Landesliga-Aufstieg als Unparteiischer ist definitiv ein Ziel, das ich vor Augen habe.“ Und abschließend verrät uns „Bene“, wie er von seinen Freunden genannt wird, dass er schon ein wenig mit den Füßen scharrt: „Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich mit meinen Genesungsschritten doch noch nicht so weit bin. Aber ich glaube, dass es einem Sportler im Blut liegt, dass es einfach nicht schnell genug gehen kann.“
Wochen vergehen, Tage, Stunden, Minuten – und Sekunden. Kurze Momente, die unser Leben verändern können. Benedikt Schneider hat es geschafft, ist zurück im Leben und hat klare Ziele vor Augen. Eine Geschichte also, die sich zum Guten gewendet hat. Diese Erkenntnis hat gerade vor Weihnachten etwas Tröstliches, gibt Zuversicht, Kraft und Hoffnung. Zutaten fürs Leben, die wir in diesem verflixten Corona-Jahr 2020 alle gut gebrauchen können.

Fußballer bei den „Freunden“, seit März 2011 Schiedsrichter Benedikt Schneider, geboren am 1. Juni 1995 in Siegen, begann als Sechsjähriger im Nachwuchs der Sportfreunde Siegen mit dem Fußballspielen. Im Alter von zwölf Jahren wechselte er zum Siegener SC, dort hat er auch aktuell seinen Spielerpass. Seine Ausbildung zum Schiedsrichter absolvierte er als 15-Jähriger und erwarb die entsprechende Lizenz am 22. März 2011. Bereits in jener Saison 2010/11 pfiff er sein erstes Spiel – im D-Junioren-Match der Kreisliga A zwischen der SpVg 09 Niederndorf und dem SV 1911 Setzen (2:0) am 14. Mai 2011 verhängte er sogleich mal eine Gelbe Karte. Inzwischen pfeift der 25-Jährige für den Siegener SC Partien in der Senioren-Bezirksliga. Seine Premiere dort feierte er am 19. Oktober 2019, als er die Begegnung zwischen dem TSV Weißtal und dem FC Eiserfeld (3:0) leitete.
Gemeinsam mit seiner Physiotherapeutin arbeitete Benedikt Schneider während seiner Reha in Braunfels intensiv und fleißig an seiner Koordination und am Muskelaufbau. Auch die kognitiven Übungen waren sehr wichtig für den 25-Jährigen.
Benedikt Schneider, wie man ihn in der heimischen Fußball-Szene kennt.
Autor:

Frank Kruppa (Redakteur) aus Siegen

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