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2. Handball-Bundesliga
Die Leiden des jungen W.

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geo Ferndorf. „Ich hab’ echt den Jackpot geknackt!“ Patrick Weber verströmt eine Überdosis Sarkasmus, wenn er über sein Albtraum-Jahr erzählt, das in etwa parallel zu den Corona-Ereignissen seit dem Winter 2020 verlief – ein gesamt-gesellschaftliches Ereignis, das den jungen Rückraum-Schützen des Handball-Zweitligisten TuS Ferndorf indes nur am Rande interessierte, denn er kämpfte mit gleich zwei Szenarien, die jedes für sich medizinisch betrachtet höchst selten vorkommen, in der Weberschen Kombination aber wirklich den Albtraum-Jackpot bedeuteten.
Erst der "Bandscheibenvorfall vorne"Rückblick in den Januar 2020, als die ersten Meldungen über eine neue Virusverbreitung im chinesischen Wuhan die Runde machten.

geo Ferndorf. „Ich hab’ echt den Jackpot geknackt!“ Patrick Weber verströmt eine Überdosis Sarkasmus, wenn er über sein Albtraum-Jahr erzählt, das in etwa parallel zu den Corona-Ereignissen seit dem Winter 2020 verlief – ein gesamt-gesellschaftliches Ereignis, das den jungen Rückraum-Schützen des Handball-Zweitligisten TuS Ferndorf indes nur am Rande interessierte, denn er kämpfte mit gleich zwei Szenarien, die jedes für sich medizinisch betrachtet höchst selten vorkommen, in der Weberschen Kombination aber wirklich den Albtraum-Jackpot bedeuteten.

Erst der "Bandscheibenvorfall vorne"

Rückblick in den Januar 2020, als die ersten Meldungen über eine neue Virusverbreitung im chinesischen Wuhan die Runde machten. Der 28-jährige gebürtige Mainzer Patrick Weber verletzt sich im Handball-Wintertraining der Ferndorfer. Nach einigen Untersuchungen wird bei ihm ein Bandscheibenvorfall diagnostiziert, der jedoch nicht hinten am „unteren Rücken“ verortet wird wie bei den meisten Menschen, sondern am vorderen Brustwirbel – das kommt wirklich selten vor, und es gibt auch nicht viele Chirurgen, die sich mit so etwas auskennen. Im März des vergangenen Jahres wird Patrick Weber dann in einer Spezialklinik operiert, ungefähr zur gleichen Zeit, als sich die Corona-Lage in Deutschland so zuspitzt, das mit dem ersten Lockdown auch die Sport-Saison ein abruptes Ende nimmt.

Irgendetwas stimmt hier nicht

Eigentlich verläuft die OP recht gut, wird der Brustwirbel durch das Einsetzen zweier Schrauben stabilisiert – ein positiver Fakt, der auch heute noch Bestand hat und dem zwei Meter großen Rechtshänder die Rückkehr in den geliebten Handballsport unter Profibedingungen garantieren dürfte. Eigentlich. Denn Patrick Weber verspürt schon bald ein diffuses Gefühl, das irgendwas nicht stimmt mit seinem Körper. „Ich habe einerseits gemerkt, dass die Operation wohl nicht so gelaufen ist wie sie sollte. Aber ich habe gedacht, das wird sich schon einpendeln“, erinnert sich Weber. Eine naive Hoffnung, wie sich zeigen sollte. Kopf- und Nackenschmerzen, Schwindelgefühle und immer wieder ein seltsamer Druck auf den Ohren, ungefähr so wie beim Start mit einem Flugzeug. Dazu das, was er erst später mit „verminderter Aufmerksamkeit“ und Konzentrationsschwierigkeiten zu umschreiben lernt.

Wie unter einer Glocke gefangen

Sportlich gesehen holt er auf: „Konditionell war ich auf einem guten Weg, auch der Rücken machte mit. Aber ich habe die ganze Zeit gelitten wie ein Hund!“ Er sei sein eigener Gefangener gewesen, erinnert sich der junge Sportler mit dem auffällig langen Haar: „Sechs Monate lang habe ich mich selbst reden hören, als sei ich unter einer Glocke gefangen.“ Ein traumatisches Gefühl, das ihn noch lange verfolgen wird. Besonders schlimm waren im Training und dann kurzzeitig auch bei seinem zwei-Spiele-Comeback im November die beim Handball für einen Rückraum-Shooter obligatorischen Sprünge, die besonders heftige Schmerzen im Kopf auslösten. Nicht einmal seinem Jura-Studium in Mainz konnte sich Patrick Weber redlich widmen – rien ne va plus!

Das Liquor-Unterdrucksyndrom

Endlich nämlich offenbarte er sich einer Neurologin, die anhand seiner geschilderten Symptome die richtige Vermutung hatte: ein Liquor-Unterdrucksyndrom aufgrund einer bei der Brustwirbel-OP verletzten Dura mater (siehe dazu auch Erklär-Kasten). Hier nur so viel: Durch ein Loch oder einen Riss tritt Rückenmarksflüssigkeit aus, was zu Unterdruck in der Schädelkapsel und zu einer Schwellung des Gehirns führt. So etwas gibt es, ist aber vermutlich genauso selten wie ein Bandscheibenvorfall „vorne“ – Jackpot eben!

Weihnachtszeit - schlimme Zeit

Doch mit der (richtigen) Diagnose waren die Leiden des jungen W. nicht vorbei, sie nahmen nur einen neuen Anlauf. Bei einer zweiten Operation in einem Siegener Krankenhaus sollte die undichte Stelle über bildgebende Verfahren (MRT) mit einer Art Pflaster aus Eigenblut „verklebt“ werden. Das Ergebnis war nicht nur „kein Effekt“, sondern Weber erlitt im Krankenhaus einen ersten aseptischen Schock, war kaum noch ansprechbar und musste zwei Wochen unter strengster Bettruhe verbringen. Eine Myelographie ergab: Das „Loch“ war noch da, die Ärzte relativ ratlos. Es folgte so um die Weihnachtszeit ein erneuter aseptischer Schock mit abermals strengster Ruhe – und die Suche nach einem Spezialisten. Fündig wurde man in Osnabrück, wo ein Spezialist im März durch die Wirbelsäule hindurch mit einer Mischung aus künstlichem Klebstoff und einer vorher entnommenen Muskelfaszie das Kunststück fertig brachte, das Leck zu schließen. Endlich.

"Wieso erst im Herbst ...?"

„Ich kann jetzt mit ein paar Wochen Abstand sagen: Es geht vorwärts, mir geht es mit jeder Woche besser. Die schlimmen Beschwerden sind zu 95 Prozent einfach weg.“ Patrick Weber hat sogar den Nerv gefunden, sich wieder dem Studium zu widmen und will im Sommer das Schwerpunkt-Examen in Angriff nehmen. Und er darf seit diesem Monat wieder auf dem Fahrrad-Ergometer Kondition aufbauen, war auch schon einmal joggen. Alle vier Wochen soll er neue Bereiche seines sportlichen Lebens zurück erobern. Auch das Handball spielen. Werden wir also im Herbst zur neuen Saison wieder den alten Patrick Weber sehen? „Wieso im Herbst“, kontert der junge Handballer. „Grundsätzlich kann ich nach drei Monaten wieder spielen. Das ist im Juni. Ich möchte wieder Leidenschaft für meinen Beruf Handball entwickeln. Vielleicht kann ich also tatsächlich nochmal in dieser Saison einsteigen“ – Patrick Weber klingt fast schon euphorisch, schränkt dann aber immerhin ein: „Ich muss mich natürlich sicher fühlen....“
Aber keine Frage: ein Comeback in dieser Saison nach diesen schlimmen Ereignissen – das wäre dann wohl der „Super-Jackpot“!

Autor:

Jost-Rainer Georg (Redakteur) aus Siegen

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