SZ

RTL-Reportage zur Fußball-WM
Erschütternde Einblicke für einen Siegerländer

Der aus Gosenbach stammende Timo Latsch (r.) und sein Kollege Jonas Gerdes haben für die RTL-Reportage "Rote Karte statt Regenbogen - Homosexuelle in Katar" viel Zeit in die Recherche investiert.
  • Der aus Gosenbach stammende Timo Latsch (r.) und sein Kollege Jonas Gerdes haben für die RTL-Reportage "Rote Karte statt Regenbogen - Homosexuelle in Katar" viel Zeit in die Recherche investiert.
  • Foto: Foto: RTL
  • hochgeladen von René Gerhardus (Redakteur)

rege Köln/Gosenbach. 14. Juli 2014. Flughafen Rio de Janeiro. Die Startbahn ist frei für den Flug „LH 2014“. An Bord: Die komplette Mannschaft des frisch gebackenen Fußball-Weltmeisters Deutschland. Die Stimmung ist großartig. Auch ein Siegerländer hebt in Brasilien mit dem „Siegerflieger“ ab. Gut 10000 Meter über dem

rege Köln/Gosenbach. 14. Juli 2014. Flughafen Rio de Janeiro. Die Startbahn ist frei für den Flug „LH 2014“. An Bord: Die komplette Mannschaft des frisch gebackenen Fußball-Weltmeisters Deutschland. Die Stimmung ist großartig. Auch ein Siegerländer hebt in Brasilien mit dem „Siegerflieger“ ab. Gut 10000 Meter über dem Atlantik erlebt Timo Latsch anschließend einen der unvergesslichsten Augenblicke seiner journalistischen Karriere: Die kölsche Frohnatur Lukas Podolski läuft im Flieger herum, lächelt für Selfies in die Kameras, reicht den WM-Pokal herum. Eine einmalige Chance, die sich auch der Gosenbacher nicht entgehen lässt. Die begehrteste Sport-Trophäe der Welt in den Händen eines Siegerländers. Ein Moment für die Ewigkeit.

Ein besonderes Erlebnis, das sich acht Jahre später, auch wenn die DFB-Elf den fünften Stern holen sollte, nicht wiederholen wird. Denn: Timo Latsch wird für die RTL-Mediengruppe erstmals seit 2006 bei einer Fußball-WM nicht live vor Ort sein. Nicht, weil der 45-Jährige keine Lust auf eine weitere WM hat oder sein Arbeitgeber die „Rote Karte“ gezückt hat, sondern weil er im Gastgeberland aufgrund seiner sexuellen Orientierung unerwünscht ist, sich nicht willkommen fühlt. „Ich möchte nicht aus einem Land darüber berichten, ob Hansi Flick mit Dreier- oder Viererkette spielen lässt, oder in Doha analysieren, weshalb Timo Werner und Kai Havertz nicht aufgestellt werden, wenn Schwule und Lesben dort kein normales Leben führen können, gefoltert und weggesperrt werden“, bezieht der stellvertretende Ressortleiter Sport bei RTL News klar Stellung zu den gravierenden Menschenrechtsverletzungen in dem Emirat.

"Rote Karte gegen Regenbogen"

Keine Frage: Der ehemalige Radio-Siegen-Reporter, der die Sportfr. Siegen u.a. in der Aufstiegssaison 2004/05 sowie in der Zweitliga-Saison 2005/06 mit Enthusiasmus und Herzblut begleitete, ist in dem Wüstenstaat, der sich gerne weltoffen präsentiert, eine Persona non grata. Auch wenn er als westlicher Journalist wahrscheinlich nichts zu befürchten hat, solange er sich unauffällig verhält. Wie schwer es Einheimische haben, die in Katar der LGBTIY+-Familie (Anm.: LGBTIQ ist die Abkürzung für Lesben, Schwule, Bisexuelle, transgender, intergeschlechtliche und queere Menschen) angehören, das wurde ihm jetzt beim Produzieren der Reportage „Rote Karte gegen Regenbogen – Homosexuelle in Katar“ bewusst, für die er gemeinsam mit seinem Kollegen Jonas Gerdes seit Ende 2021 recherchiert hat. Es waren Recherchen, die sich alles andere als einfach gestalteten, doch Latsch und Gerdes wurden für ihre Bemühungen belohnt: Dem RTL-Duo ist es gelungen, erstmals Mitglieder der katarischen Community vor Kameras zum Reden zu bringen.

Geheimes Treffen im Hotel

„Wir wollten herausfinden, wie es diesen Menschen wirklich geht. Jonas Gerdes ist ein Technik-Freak. Über Messenger-Dienste, die ich vorher nicht kannte, und zum Teil nur mit Hilfe von Codewörtern ist es uns gelungen, mit einem dieser Menschen zu schreiben. Wir haben uns zu einem Treffen in einer europäischen Großstadt verabredet. Wir sind dort hingefahren, ohne zu wissen, ob er auch wirklich kommt. Aber er kam, wir haben uns im Hotel getroffen und anderthalb Stunden unterhalten“, schildert Timo Latsch den Durchbruch der investigativen TV-Reporter, die anschließend noch zwei weitere Mitglieder der LGBTIQ+-Gemeinschaft, darunter auch einen Transsexuellen, ans Mikrofon bekamen.

„Das Schlimmste ist, wenn ich reise und dann nach Katar zurückkomme und durch den Zoll muss. Sie brachten mich zur Polizeiwache und rasierten meinen Kopf. Nach ein paar Stunden ließen sie mich gehen. Als das passierte, verlor ich jegliche Hoffnung in das System. Diese Menschen sollen uns beschützen, aber sie tun das komplette Gegenteil“, berichtet dieser transsexuelle Katari von seinen Erfahrungen. Bisher war es keinem deutschen Fernsehsender gelungen, mit den betroffenen Menschen im WM-Gastgeberland in Kontakt zu treten und ihnen eine Stimme zu geben.

Im schlimmste Fall droht der Tod

„Alles Weitere bleibt geheim, denn wenn die Interviewten auffliegen, haben sie ein existenzielles Problem, dann wandern sie vermutlich direkt ins Gefängnis“, schildert der in Köln lebende Latsch die gnadenlosen Strafmaßnahmen einer Regierung, die zudem über weitreichende Überwachungsmöglichkeiten verfügt. Im schlimmsten Fall kann es für die Betroffenen theoretisch gar zu einem Todesurteil kommen.

Nicht nur die beiden RTL-Reporter waren von den Augenzeugenberichten erschüttert, sondern auch Oliver Bierhoff, der von Timo Latsch am vorletzten Wochenende beim Länderspiel gegen Ungarn in Budapest mit den Aussagen konfrontiert wurde. Der DFB-Direktor kommt in der Reportage – ebenso wie u.a. FIFA-Präsident Gianni Infantino und Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann – zu Wort. „Oliver Bierhoff war sehr gerührt und hat deutliche Worte zu Katar gefunden“, geht der gebürtige Siegener davon aus, dass sich auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) nach den bewegenden Hilferufen im Rahmen der TV-Reportage, die in der Nacht auf Donnerstag um 0.20 Uhr erstmals ausgestrahlt wird, noch einmal klar zur Menschenrechtssituation und der systematischen Diskriminierung in Katar positioniert.

Nichtsdestotrotz wird ab dem Anpfiff des Eröffnungsspiels – den Wünschen der FIFA entsprechend – wohl oder übel der Fußball im Vordergrund stehen. Timo Latsch wird dann nicht in Doha, sondern mit etwas gemischteren Gefühlen als bei anderen Weltmeisterschaften im RTL-Studio in Köln-Deutz mitfiebern. Und das bis zum Finale am 18. Dezember, auch wenn der „Siegerflieger“ im Falle des fünften deutschen WM-Titels im Jahr 2022 ohne ihn abheben wird … 

Die Sendetermine

RTL zeigt die Reportage „Rote Karte statt Regenbogen – Homosexuelle in Katar“ in der Nacht auf den 23. Juni um 0.20 Uhr erstmals in Gänze in einem RTL Nachtjournal Spezial sowie in weiteren Auszügen in den Nachrichten und Magazinen von RTL/ntv. Eine Wiederholung ist am 23. Juni um 15.40 Uhr in einem „News Spezial“ bei ntv zu sehen. Im Anschluss ist die Reportage außerdem auf RTL+ abrufbar.

Autor:

René Gerhardus (Redakteur) aus Siegen

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