SZ

Käner Spieler spricht über sein Coming-out
„Homosexuell oder nicht? Sei, wer du bist“

Stephan Vitt (links) mit einem Foto der A-Jugend-Meistermannschaft des TuS Kaan-Marienborn aus der Saison 2001/02, der er als Spieler angehörte. Rechts im Bild der 2. Vorsitzende des 1. FC Kaan-Marienborn, Stefan Jäkel.
  • Stephan Vitt (links) mit einem Foto der A-Jugend-Meistermannschaft des TuS Kaan-Marienborn aus der Saison 2001/02, der er als Spieler angehörte. Rechts im Bild der 2. Vorsitzende des 1. FC Kaan-Marienborn, Stefan Jäkel.
  • Foto: Frank Kruppa
  • hochgeladen von Julian Kaiser

krup Kaan-Marienborn. Er ist 37 Jahre alt, spielt nach eigenem Bekunden „leidenschaftlich gern“ Fußball und gilt als ein „Urgestein“ des 1. FC Kaan-Marienborn, respektive des Vorläufers TuS Kaan-Marienborn. Er liebt seinen Sport, das Klönen nach dem Spiel und auch die Flasche Bier in der Kabine. Und

krup Kaan-Marienborn. Er ist 37 Jahre alt, spielt nach eigenem Bekunden „leidenschaftlich gern“ Fußball und gilt als ein „Urgestein“ des 1. FC Kaan-Marienborn, respektive des Vorläufers TuS Kaan-Marienborn. Er liebt seinen Sport, das Klönen nach dem Spiel und auch die Flasche Bier in der Kabine. Und Stephan Vitt ist schwul.

Eigentlich kein Thema, uneigentlich aber doch. Denn im harten Männersport sind Homosexualität und der offene Umgang damit auch 2021 immer noch eine heikle Geschichte. Nicht für Stephan Vitt, nicht für seine Mannschaftskameraden aus der „2. Welle“, nicht für Trainer Pjeter Krasniqi. Wohl aber in Teilen der Öffentlichkeit. Den Schritt in genau diese Öffentlichkeit wagte der 37-jährige Sozialpädagoge jetzt als erster homosexueller Fußballer der Region bei einem Pressegespräch, unterstützt von seinem Mitspieler Stefan Jäkel, zugleich 2. Vorsitzender des 1. FC Kaan-Marienborn. „Uns ist wichtig, dass sich alle Spieler in unserem Verein wohl fühlen. Und wir wollen versuchen, unser Auge für unsere Mitmenschen zu schärfen und gegenseitiges Verständnis zu entwickeln“, so Jäkel.

„Ich bin seit meinem 19. Lebensjahr offen schwul. Das war nie ein größeres Problem, ob in der Familie, im Studium oder später am Arbeitsplatz“, sagt Vitt. Bei der Ausübung seines größten Hobbys herrscht indes lange Zeit eine „latente Unsicherheit“, wie Stephan es ausdrückt. „Ich habe meine sexuelle Ausrichtung vor der Mannschaft zunächst nicht publik gemacht, das blieb viele Jahre im Verborgenen. Es kam zwar vor, dass mich Mannschaftskameraden mit meinem Lebensgefährten in der Stadt gesehen haben, aber es blieb da bei fragenden Blicken. Und aus meiner Sicht: Es wäre ja albern gewesen, mich vor die Mannschaft zu stellen und zu sagen: Ich bin homosexuell. Das wird niemand tun, wenn er nicht explizit danach gefragt wird. Phasenweise hatte ich die Sorge, dass ein solches Outing der Gnadenschuss für mich sein könnte, dass ich nicht mehr Teil der Mannschaft wäre. Irgendwie isoliert.“

"Ziemlich befreiendes Gefühl"

So blieb alles beim Alten, über mehrere Jahre. Stephan Vitt lebte im „wahren Leben“ innerhalb sicherer Häfen der sozialen Verankerung, in seiner „Fußball-Welt“ jedoch in der Zwickmühle zwischen dem Wunsch nach dem befreienden Coming-Out und der Sorge der Ausgrenzung. „Bis zu dem Tag, als mich ein Teamkollege zu seiner Hochzeit einlud und in dieser Nachricht für die Tischkarten nach dem Namen meines Lebensgefährten fragte“, erläutert Stephan Vitt, der zunächst baff war: „Sollte das im Mannschaftskreis etwa doch so bekannt gewesen sein?“

Nun also war „es“ raus, und das empfand der Sozialpädagoge als „ziemlich befreiend.“ Seine Mannschaftskameraden verhielten sich in der Folge derart entspannt, dass Vitt sich schon mal, in einer stillen Minute, selbst die Frage stellte: „Warum nur ist das eigentlich so ein schwieriges Thema?“ Gleichwohl herrscht in der Fußballersprache schon mal ein etwas rauherer Ton, und nicht immer sind die Kommandos gänzlich jugendfrei: „Sprüche fallen manchmal immer noch. Zum Beispiel: Spiel nicht so einen schwulen Pass, oder greif nicht so schwuchtelig an“, verrät Vitt, der sich dadurch aber nicht persönlich angegriffen fühlt: „Ich höre das seit mehr als 20 Jahren, mich juckt das gar nicht mehr – obwohl man sich durchaus darüber echauffieren könnte, denn das ist ja schon diffamierend.“

Strafenkasse für homophobe Sprüche

Um die Sinne zu schärfen, hat die „2. Welle“ der Käner eigens eine Strafenkasse für homophobe Sprüche eingeführt: „Da sind schon ein paar Euros drin. Am Saisonende werden wir den Betrag für einen guten Zweck spenden, und ich darf den Adressaten auswählen – das gefällt mir“, schmunzelte Stephan Vitt im Gespräch mit der SZ.

Nun hat der 37-Jährige also den Weg an die „große“ Öffentlichkeit gewagt, was eine ganze Menge an Mut, innerem Gleichgewicht und Selbstvertrauen erfordert. „Auf diese Idee hat mich die Fußball-Europameisterschaft gebracht, bei der die Regenbogenfarben und die Forderung nach mehr Toleranz für homosexuelle Menschen sehr stark thematisiert wurden“, erklärt Vitt. „Unser Verein hat dann auch sein Vereinslogo mit dem Regenbogen versehen. Ich bin niemand, der zwingend im Mittelpunkt stehen muss, aber in diesem Falle habe ich gesagt: Das ist eine gute Sache, der ich gern ein Gesicht geben möchte.“

Künftige Sprüche unterhalb der verbalen Schmerzgrenze von gegnerischen Fußballern fürchtet der „Ur-Käner“ im Übrigen nicht: „Wenn jemand ein Problem mit meiner Homosexualität hat, dann ist das sein Problem und nicht meines.“ Stefan Jäkel ergänzt: „Wenn es dazu kommen sollte, dürfte unsere Mannschaft das sehr schnell verbal regeln – Stephan ist innerhalb des Teams wegen seines trockenen Humors und seines klaren Kopfes sehr beliebt und geschätzt.“

Auf die Frage, was er homosexuellen Menschen vor der Fragestellung „Coming-Out oder nicht“ mit auf den Weg geben würde, antwortet der Fan des VfB Stuttgart sehr salomonisch: „Dafür gibt es keine allgemeingültige Empfehlung, das muss jeder mit sich ausmachen. Ich kann nur jedem raten: Lasst euch nicht verbiegen, denn das ist kein gutes Lebensgefühl. Sei, wer du bist.“

Autor:

Frank Kruppa (Redakteur) aus Siegen

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