Heimische Fußball-Szene bezieht Stellung
Klares "Nein" zur WM in Katar

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pm Siegen. Der Rasenhersteller Hendriks Graszoden hat den Anfang gemacht. Kurz vor dem Wochenende verkündete das niederländische Unternehmen, seine Lieferungen für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar zu verweigern. Grund dafür sei die Menschen- und Arbeiterrechtslage vor Ort, erklärte ein Unternehmenssprecher – und reihte sich damit ein in kritische Stimmen, die auch bei einer SZ-Umfrage in der heimischen Fußball-Szene zum Vorschein kamen. Erst vor einer Woche hatte das überregionale Bündnis ProFans den Deutschen Fußball-Bund (DFB) aufgefordert, eine Teilnahme an dem Turnier schon jetzt abzusagen.
Kurz zuvor hatte die englische Zeitung „The Guardian“ berichtet, auf den WM-Baustellen im Emirat seien bis Mitte Februar 6700 Arbeitsmigranten zu Tode gekommen. Schon seit der Vergabe des Turniers nach Katar im Dezember 2010 hatte es international Kritik gegeben. Zunächst war bekannt geworden, dass Stimmen gekauft worden waren. Dann rückten die menschenunwürdigen Bedingungen vor Ort in den Vordergrund. Auch die aufgrund der Sommertemperaturen nötige Verlegung in den Winter und die damit einhergehende terminliche Umgestaltung der Ligen-Saison in den Teilnehmerländern stieß auf Widerstand.

77 Prozent wünschen sich Boykott durch DFB

Laut einer aktuellen Umfrage des Fachmagazins „kicker“, wünschen sich 77 Prozent der Teilnehmer einen WM-Boykott durch den DFB. „Ein rauschendes Fußballfest auf den Gräbern von Tausenden Arbeitsmigranten – daran teilzuhaben, wäre das Ende von Ethik und Würde. Mit Entsetzen wenden wir uns davon ab“, hieß es von ProFans im gleichen Kontext.
Allerdings: Die großen Fußballverbände zeigen derzeit keine Ansätze, dem Druck nachzugeben und ihre Teilnahme abzusagen. Frankreichs Verbandspräsident Noël Le Graët stellte klar, dass sein Land die Titelverteidigung anstreben werde. Der DFB ließ auf ARD-Anfrage verlauten, der Fußball habe „bereits bewiesen, dass er die Kraft hat, über Grenzen hinweg Brücken zu bauen und die Grundlagen für Verbesserung zu schaffen“.

Ein rauschendes Fußballfest auf den Gräbern von Tausenden Arbeitsmigranten – daran teilzuhaben, wäre das Ende von Ethik und Würde.
- Bündnis ProFans

Doch ist eine Teilnahme vertretbar? Nein, erklären die die von der SZ befragten heimischen Fußball-Vertreter. „Unter den jetzigen Voraussetzungen sollte der DFB die WM absagen“, findet beispielsweise Stefan Jäkel, 2. Vorsitzender des 1. FC Kaan-Marienborn. Die großen Fußballnationen sollten mit einem Boykott an einem Strang ziehen, fordert TSV Siegens Vorsitzender Steffen Weber. Und für Andreas Waffenschmidt, ab Sommer Trainer bei Adler Niederfischbach, ist klar: "Ich werde die WM persönlich nicht gucken, sondern lieber Schlitten fahren gehen.“
Die Statements aus der heimischen Szene:

Andreas Waffenschmidt.

Andreas Waffenschmidt (Ex-Trainer Rot-Weiß Hünsborn): „Schon als die WM nach Katar vergeben wurde, habe ich gesagt, dass ich da raus bin. Ich werde die WM persönlich nicht gucken, sondern lieber Schlitten fahren gehen. Die ganzen Gründe, die gegen eine WM in so einem Land sprechen, sind ja bekannt. Das ist auch nur eines der vielen Dinge, die mir am Profi-Fußball nicht mehr passen. Das Geld steht ja im Vordergrund, der Sport ist nur noch Nebensache. Der normale Fan versteht das alles nicht mehr. Deshalb sage ich schon seit Jahren, dass die Leute lieber wieder auf ihre Heimatplätze gehen sollten. Schaut ein Kreisligaspiel, esst eine Bratwurst und trinkt zehn Bier – das ist besser.“

Stefan Jäkel.

Stefan Jäkel (2. Vorsitzender 1. FC Kaan-Marienborn): „Unter den jetzigen Voraussetzungen sollte der DFB die WM absagen. Die Situation in Katar ist weit von dem entfernt, was man unter menschenwürdigen Bedingungen versteht. Ein Boykott einer einflussreichen Nation wäre daher ein starkes Zeichen. Privat schaue ich generell nicht mehr viel Fußball. Die Nationalelf hat durch aufgeblähte Marketingmaßnahmen an Attraktivität verloren. Eine Austragung in Katar wäre ein weiterer Grund, dem Turnier keine besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Der Profifußball hat seine Seele bis auf wenige Ausnahmen schon lange verkauft. Am Ende des Tages geht es um völlig überzogene Summen.“

Johannes Romschinski.

Johannes Romschinski (Gast mehrerer WM- und EM-Turniere): „Grundsätzlich sehe ich es sehr kritisch, unter welchen Umständen die WM nach Katar vergeben worden ist. Es ist klar, dass es dabei nur um die Kohle geht und die FIFA ihre Augen vor den Problem verschließt. Als großer Verband könnte mit einem Boykott ein Zeichen gesetzt werden, denn da, wo 2022 Fair-Play auf dem Platz gelebt werden soll, wird es gerade auf den Baustellen nicht gelebt. Als Fan, der gerne solche Turniere besucht, wäre Katar andererseits für mich auch interessant, denn man kann relativ leicht alle Stadien besuchen. Die Tendenz geht aber dahin, zu Hause zu bleiben. Persönlich das Turnier zu boykottieren habe ich nicht geplant.“

Kathlen Kuhring.

Kathlen Kuhring (Spielerin SuS Niederschelden): „Ich halte nichts davon, dass die WM in Katar stattfindet. Es gibt nichts, was Menschenrechtsverletzung rechtfertigt und deshalb sollte man so etwas nicht einfach hinnehmen. Wer an diesem Turnier teilnimmt, unterstützt die Verhältnisse vor Ort wissentlich. Bei den Verbänden steht Geld aber über Menschlichkeit und Verstand, das ist einfach grausam. Ich würde aber auch lügen, wenn ich jetzt sagen würde, dass ich die Spiele gar nicht gucken werde. Alle Medien werden aber sowieso darüber berichten und man wird fast alles mitbekommen. Mit einem persönlichen Boykott kann ich auch nicht so viel bewirken wie die Verbände.“

Steffen Weber.

Steffen Weber (1. Vorsitzender TSV Siegen): „Ich finde es mit Sicherheit mehr als grenzwertig, eine WM in so einem Land stattfinden zu lassen. Wenn man sich die Verhältnisse vor Ort anschaut, gehört so ein Turnier da nicht hin. Als einzelner Verband die WM zu boykottieren wäre aber vielleicht auch das falsche Signal. Besser wäre es, wenn mehrere große Fußballnationen sich zusammenschließen und nicht teilnehmen. Für mich persönlich gibt es ganz klar Grund genug zu sagen, dass ich mir diese Spiele nicht angucken muss. Du kannst hingucken, wo du willst: In der FIFA, der UEFA und dem DFB – überall gibt es Korruption. Es sind nur noch monetäre Gründe die für die WM-Vergabe den Ausschlag geben.“

Tobias Hirth.

Tobias Hirth (Spielertrainer VfL Klafeld-Geisweid): „Ganz ehrlich: Wenn man alle Hintergründe dieser WM – von der Vergabe über die fehlenden Menschenrechte vor Ort bis zu der Austragung im Winter – mal auf ein Blatt Papier schreibt, sollte man dieses Turnier boykottieren. In unserem schönen Hobby wird es leider immer extremer, bei diesen Vorgänge muss ein großer Verband mal sagen: Stopp, so geht es nicht weiter. Auch die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF sollten ein Zeichen setzen und die Spiele erst gar nicht übertragen. Wenn das Turnier einfach wie geplant stattfindet, werden es die meisten Zuschauer vor dem Fernseher auch gucken. Dann wird sich aber auch in Zukunft nichts ändern.“

Carsten Roth.

Carsten Roth (Trainer Sportfreunde Birkelbach): „Es wird nichts bringen, wenn ein Land allein einen Boykott durchzieht. Deutschland ist in den internationalen Gremien vertreten und hat ein gewichtiges Wort mitzureden. Da könnte man sicherlich auch andere Nationen von einer Absage überzeugen – wenn man denn eben selbst voll dahinter stünde. Die Gründe gegen so ein Turnier in Katar waren ja schon bei der Vergabe bekannt, da werden die Menschenrechte leider mit Füßen getreten. Für mich ist die Nationalmannschaft schon seit mehreren Jahren nicht mehr so interessant, deshalb wird es mir leicht fallen, die Spiele nicht zu gucken. Letztlich glaube ich, dass aber nicht viel passieren wird.“

Autor:

Pascal Mlyniec (Redakteur) aus Siegen

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