Paraclimber aus Katzwinkel
Marco Reinhardt will noch hoch hinaus klettern

Marco Reinhardt, 46-jähriger Paraclimber aus Katzwinkel, hat sich für 2021 viel vorgenommen.
  • Marco Reinhardt, 46-jähriger Paraclimber aus Katzwinkel, hat sich für 2021 viel vorgenommen.
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Frank Kruppa (Redakteur)

krup Katzwinkel. Wer sich schon mal an eine Kletterwand gewagt hat, der weiß, welche sportliche Herausforderung damit verbunden ist. Diesen körperlichen Kraftakt aber mit einer körperlichen Behinderung zu meistern, nötigt dem Betrachter erst recht den allerhöchsten Respekt ab. Marco Reinhardt, geboren am 27. Oktober 1974 in Siegen und mittlerweile im 1800-Seelen-Örtchen Katzwinkel an der Sieg lebend, hat sich mit immenser Energie, Willenskraft und einer gehörigen Portion Pfiffigkeit ins Paraclimbing-Team Germany gekämpft – und blickt seinem persönlichen Sportjahr 2021 mit gespannter Erwartung, aber auch mit großer Vorfreude entgegen.

„Mit meiner Behinderung lebe ich von Geburt an“, erklärt Reinhardt, der im Gespräch mit der SZ-Sportredaktion ganz offen und unverkrampft mit seinem Handycap umgeht. Dem 46-Jährigen fehlt der linke Unterschenkel, was ihm bei seiner ersten beruflichen Ausbildung zunehmend zu schaffen machte. „Ich habe meine erste Lehre als Kfz-Mechaniker gemacht. Die Belastung für mein linkes Bein war da sehr hoch – auch, weil die Technologie der Prothesen in den 1990er Jahren mit der heutigen überhaupt noch nicht vergleichbar war.“

Also sattelte Marco Reinhardt beizeiten um und absolvierte eine Ausbildung zum Erzieher, später dann zum Heil- und Sonderpädagogen mit eigener Praxis. In der Förderschule in Wissen betreut er jetzt gemeinsam mit rund 50 weiteren Lehrkräften Menschen mit geistiger und motorischer Behinderung. „Ich hatte immer schon ein gutes analytisches Verständnis, was mir auf meinem ersten beruflichen Weg zugute kam und jetzt am Menschen ebenso. Früher reparierte ich Fahrzeuge, jetzt Menschen. Und wer selbst schon im Zick-Zack-Kurs auf dem Lebensweg gelaufen ist, weiß den Mehrwert zu schätzen, auch wenn die Strecke dadurch deutlich länger ist“, lächelt Reinhardt, wenn er über seine nachfolgende Berufung spricht.

In seiner Eigenschaft als Sonderpädagoge führte Reinhardt für seine Schülerinnen und Schüler Sportklettern als heilpädagogisches Konzept ein – „in einem therapeutischen Sinne“, wie der Katzwinkeler erklärt. Genau hier schließt sich der Kreis, denn über seine entstandenen Kontakte erfuhr Marco Reinhardt im vorigen Jahr, dass es eine Paraclimbing-Gruppe „irgendwo in Bayern“ gibt.
„Das ist doch genau das Richtige für mich“, dachte sich der Pädagoge – und machte sich auf in Richtung Süden. „Ich wollte einfach wissen, wo ich stehe“, erläutert Reinhardt, der aber auf Anhieb erstaunlich ansprechende Ergebnisse erzielte. So erreichte er bei einem ersten Testwettkampf den 6. Platz – unter vielen erfahrenenen Kletterern und im gesetzten Alter von damals 45 Jahren. „Das Alter spielt – bis auf den Faktor Regeneration – keine allzu große Rolle“, schränkt der gebürtige Siegener allerdings ein und verweist dabei auf seinen Nationalkader-Konkurrenten Thomas Meier: „Der ist über 60, aber immer noch richtig gut, weil er über eine unbändige Kraftausdauer verfügt.“

Wie aber kann man überhaupt in luftige Höhen von 15 Metern und mehr empor steigen, wenn ein Unterschenkel und somit Kraft, Gefühl und Nerven in dieser Extremität fehlen? „Die Fa. Schindler Orthopädie hat mir eigens nach meinen Anforderungen einen speziellen Kletterfuß aus Carbon angefertigt, der mir eine gute Festigkeit und Sicherheit in der Kletterwand verleiht – ohne diese Spezialanfertigung wäre das alles nicht möglich“, stellt Reinhardt klar und ergänzt: „Ich habe die Menschen dort kennenlernen dürfen, sie machen nicht nur einen Job, sondern wollen Menschen wirklich helfen. Mit meiner neuen Prothese kann ich heutzutage mühelos 12 000 bis 15 000 Schritte täglich laufen“, erläutert Reinhardt.

Auch sein „Kletterschuh-Doktor“, das Kletterzentrum am Siegener Effertsufer und Jungs Boulderhalle („Dort darf ich als Kaderathlet jeweils kostenfrei trainieren“) sowie der Chalkr Klettershop (Anm.: Chalk: englischer Ausdruck für Kreide) und seine Ehefrau Christine Reinhardt tragen einen großen Anteil daran, dass der „Kletter-Spätzünder“ Marco Reinhardt nach nur einem Jahr schon einen derartigen Leistungsstand erreicht hat. „Gerade die Kreide ist ein kostspieliger Aspekt“, erklärt der 46-Jährige. „Jeder hat einen anderen Hauttyp, und bis man mal für sich die verträglichste Kreide entdeckt hat, kann man eine Menge Sorten durchprobiert haben.“
Und da wären wir beim Punkt „Pfiffigkeit“ angekommen: „Ich habe viel Zeit darauf verwendet, Sponsoren zu gewinnen und bin allen sehr dankbar, die mich auf diese nicht selbstverständliche Art und Weise unterstützen“, deutet der Heil- und Sonderpädagoge an, dass Paraclimbing auf internationalem Niveau alles andere als eine kostengünstige Angelegenheit ist.

Im nationalen Dachverband, dem Deutschen Alpenverein (DAV), wird eine Art Rangliste geführt (A-, B- und C-Ergänzungskader), die vor allem unter finanziellen Gesichtspunkten ihren Reiz hat. „Die A-Kader-Athleten*innen bekommen bei internationalen Wettkämpfen die Reise- und Unterbringungskosten komplett erstattet, was für den Ergänzungskader in dieser Form nicht gilt“, erläutert Marco Reinhardt, für den folglich ein Ziel für 2021 klar definiert ist: „Ich möchte im Kader weiter nach oben klettern“ – buchstäblich.

Im Grunde genommen hat er teaminterne Konkurrenten bereits überflügelt, muss aber diesen Eindruck noch durch entsprechende Ergebnisse festigen und bestätigen. Da kommen dann die Wettbewerbe ins Spiel, die für 2021 bereits festgezurrt sind – und nach Einschätzung von Marco Reinhardt auch vom Corona-Virus nicht ausgebremst werden: „Die Hygienekonzepte sind richtig gut und stimmig, das wird alles stattfinden!“ Es geht los Ende Mai in Imst, quasi das Mekka der Sportkletterer. „Das scheint für alle Kletterer äußerst wichtig zu sein, da wollen alle hin“, lacht Reinhardt und schiebt die Erklärung gleich hinterher: „Die verfügen dort über eine Außenkletteranlage von 22 Metern Höhe. In herkömmlichen Hallen beträgt die Höhe nur 15 Meter – da zeigt sich, wer in den hohen Regionen noch etwas zuzusetzen hat. Hier trennt sich buchstäblich die Spreu vom Weizen.“

Für Marco Reinhardt ist das Ziel für 2021 klar definiert: „Ich hole auf und werde weiter Gas geben. Die Leute in Siegen tun alles dafür, um mich zu unterstützen – und so sind die Voraussetzungen günstig, um einen Platz im B- oder sogar A-Kader erkämpfen zu können.“

Autor:

Frank Kruppa (Redakteur) aus Siegen

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