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Das sagen heimische Athleten und Funktionäre
Missbrauch im Sport: „Dunkelziffer wird hoch sein“

Auch im Jugendfußball-Bereich ist das Thema „Missbrauch im Sport“ im Kreis Siegen-Wittgenstein präsent. Akute Fälle sind aber keine bekannt.
  • Auch im Jugendfußball-Bereich ist das Thema „Missbrauch im Sport“ im Kreis Siegen-Wittgenstein präsent. Akute Fälle sind aber keine bekannt.
  • Foto: Symbolbild/imago
  • hochgeladen von Uwe Bauschert (Redakteur)

rege/ubau Siegen/Bad Berleburg. Ein heikles und sensibles, aber auch immer wieder heiß diskutiertes Thema ist "Missbrauch im Sport". Die SZ holte Stellungnahmen und Erfahrungsberichte von heimischen Athletinnen und Funktionären ein.

Isabel Schneider (Beachvolleyball-Spitzenspielerin aus Ottfingen): „Ich habe bezüglich Missbrauch oder sexueller Gewalt glücklicherweise noch gar nichts in diese Richtung erlebt. Dafür bin ich sehr dankbar. Auch bei anderen Beachvolleyballerinnen habe ich bisher noch nichts mitbekommen.“
Wentzell: "Der Trainer...

rege/ubau Siegen/Bad Berleburg. Ein heikles und sensibles, aber auch immer wieder heiß diskutiertes Thema ist "Missbrauch im Sport". Die SZ holte Stellungnahmen und Erfahrungsberichte von heimischen Athletinnen und Funktionären ein.

Isabel Schneider (Beachvolleyball-Spitzenspielerin aus Ottfingen): „Ich habe bezüglich Missbrauch oder sexueller Gewalt glücklicherweise noch gar nichts in diese Richtung erlebt. Dafür bin ich sehr dankbar. Auch bei anderen Beachvolleyballerinnen habe ich bisher noch nichts mitbekommen.“

Wentzell: "Der Trainer packt halt zu, bevor der Sportler sich das Genick bricht"

Silvie Wentzell (vielfache DM-Teilnehmerin des VTB Siegen und langjährige Bundesliga-Turnerin): „Gerade beim Turnen ist das ein sehr sensibles Thema, denn im Spitzenbereich ist das Trainingspensum schon im jungen Alter sehr hoch. Die jungen Mädels sehen ihre Eltern oftmals weniger als den Trainer, deshalb haben die Trainer eine große Verantwortung. Auch wenn Eltern ihre Kinder hunderte Kilometer weg auf ein Sportinternat schicken, steckt da schon eine Menge Vertrauen drin. Da hängt viel von der Persönlichkeit des Trainers ab. Ich selbst habe beim Turnen nicht den typischen Werdegang mitgemacht, da ich ursprünglich aus der Leichtathletik komme und schon 17 Jahre alt war, als ich den Schritt zum Leistungssport vollzogen habe. Ich habe in der Halle viele Situationen mitbekommen, die ich anders bewerte als 13- oder 14-Jährige. In Siegen habe ich unter Peter Diehl und Gerd Peter trainiert, dort gab es immer einen fairen Umgang. Es gab durchaus einen strengen Ton, aber den verlangt die Sportart auch. Die Trainer in Siegen sind zum Beispiel nie fahrlässig mit Verletzungen umgegangen, dadurch habe ich auch so lange durchgehalten.
Als ich nach Frankfurt gewechselt bin, habe ich auch andere Sachen erlebt. Dabei geht es nicht um Fälle von körperlicher Gewalt, sondern um psychische Gewalt und um Wertschätzung. Sowohl im Bereich des Männerturnens als auch im Bereich des Frauenturnens sind Sätze wie ,Du bist es nicht wert, hier in der Halle zu stehen’ oder ,warum schlage ich hier meine Zeit mit dir rum’ gefallen. Das sind Sätze, die einen treffen und prägen. Kritik, die Korrekturen von Übungen betrifft, darf und muss sein, aber es ist immer wichtig, dass man auf der sachlichen Ebene bleibt. Man darf durchaus sagen: ,Das war großer Mist, was du da geturnt hast.’ Bei Hilfestellungen habe ich nie bewussten sexuellen Missbrauch erlebt. Das wird von den Medien auch manchmal hochstilisiert. Wenn ich als Trainer einen Athleten absichere und die Turnerin oder der Turner abschmiert, muss der Trainer zupacken und den Athleten schützen, bevor er auf dem Boden einschlägt. Die Trainer packen normal unten am Rumpf. Das alles muss aber innerhalb von Hundertstelsekunden passieren. Da ist es nicht auszuschließen, dass der Trainer mal die Brust berührt. Das passiert aber nicht vorsätzlich. Er packt halt zu, bevor der Sportler sich das Genick bricht.“

Juliane Afflerbach (gebürtige Sprenger, ehemalige Hürdensprinterin der LG Kindelsberg und Olympia-Teilnehmerin): „Psychische oder gar physische Machtausübung durch Trainer habe ich in meiner Karriere zum Glück nicht miterlebt. Auch bei meinen Trainings- und Teamkolleginnen habe ich derartiges nicht mitbekommen. Druck ist natürlich immer da, den baut man sich selbst auf, und der wird von außen, auch durch die Medien, verstärkt. Dieser Druck gehört aber einfach dazu.“

Ruiz: "Es gibt immer wieder Vorkommnisse, wenn auch auf niederschwelligem Niveau"

Daniel Ruiz (Mitarbeiter KSB Siegen-Wittgenstein und ehemaliger Fußballer): „Viele Alteingesessene glauben, dass es so etwas bei uns in den Vereinen nicht gibt, doch es ist vermutlich weiter verbreitet, als man denkt. Es gibt immer wieder Vorkommnisse, wenn auch auf niederschwelligem Niveau. Die Dunkelziffer wird verdammt hoch sein. Es sind viele Sachen, über die man selber früher nicht so nachgedacht hat. Es ist vorgekommen, dass einem Mitspieler, Betreuer oder Trainer einen Klaps auf den Po geben. Es kann aber durchaus sein, dass es Spielerinnen und Spieler gibt, die das nicht möchten. Oder wenn sich ein Jugendlicher gezwungen fühlt, mit den Teamkollegen duschen zu müssen, obwohl er das eigentlich nicht möchte. Das sind banale Situationen, die die meisten abtun, weil sie es nicht anders kennen. Wenn ein Übungsleiter beim Turnen Hilfestellung gibt, kann es sein, dass er mal an den Po oder in den Schritt packt. Da ist es dann von entscheidender Bedeutung, ob das einmal oder mehrfach vorkommt.“

Janusch: "Jeder Verein sollte Ansprechpartner benennen, damit jeder weiß, an wen er sich wenden kann"

Christian Janusch (Geschäftsstellenleiter KSB Siegen-Wittgenstein und 1. Vorsitzender Fortuna Freudenberg): „Bei uns im Verein hat es noch keine akuten Fälle gegeben. Gleichwohl sollte es in jedem modernen Sportverein ein Thema sein. Jeder Verein sollte Ansprechpartner benennen, damit jeder weiß, an wen er sich wenden kann. Der Angeklagte, gegen den jetzt vor dem Siegener Landgericht verhandelt wird, war bei unseren Turnieren jahrelang als Schiedsrichter im Einsatz. Da zuckt man schon kurz zusammen, wenn so etwas publik wird. Man stutzt schon, auch wenn man es nicht bewusst wahrnimmt.“

Martin Kelber (Jugendfußball-Geschäftsführer des TuS Erndtebrück): „Der Verein achtet schon bei der Auswahl der Übungsleiter auf deren menschliche Qualitäten. Daher benötigen wir keine spezielle Sensibilisierung für das Thema. Ich würde für jeden unserer Trainer die Hand ins Feuer legen, dass sie nicht gegenüber ihren Spielern verbal entgleisen und ihre Macht ausspielen. In meinen 13 Jahren im Jugendbereich habe ich bei gegnerischen Mannschaften auch schon ein Verhalten von Trainern erlebt, das einem ein kalter Schauer über den Rücken läuft, wenn diese ihre eigenen Spieler verbal angegangen sind. Und da das bei Spielen öffentlich stattgefunden hat, muss das den Vereinen auch bekannt gewesen sein. Die Klubs kennen in der Regel auch die Probleme, tolerieren sie aber mitunter trotzdem – wahrscheinlich auch mangels Alternative im Trainerbereich. Sollte uns im Jugendvorstand ein Fehlverhalten, in welcher Form auch immer, zu Ohren kommen, würden wir uns den Trainer krallen, mit ihm Gespräche führen und uns gegebenenfalls von ihm trennen. Schließlich wollen wir uns nicht unseren guten Ruf kaputt machen lassen.“

Autor:

Redaktion Sport aus Siegen

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