SZ

SZ-Umfrage bei Trainern und Funktionären
Nimmt sich der Profifußball zu wichtig?

Die Sonderrolle des Profifußballs und speziell die Katar-Reise des FC Bayern werden in der SZ-Umfrage unter Trainern und Funktionären aus der Region mehrheitlich kritisch gesehen
  • Die Sonderrolle des Profifußballs und speziell die Katar-Reise des FC Bayern werden in der SZ-Umfrage unter Trainern und Funktionären aus der Region mehrheitlich kritisch gesehen
  • Foto: Pixabay
  • hochgeladen von Uwe Bauschert (Redakteur)

ubau Siegen. Hansi Flick gilt gemeinhin als besonnener Zeitgenosse, der seine Worte wohlüberlegt sachlich-nüchtern wählt. Am Wochenende platzte dem Trainer des FC Bayern jedoch der Kragen. Der frühere Assistent von Fußball-Bundestrainer Joachim Löw wehrte sich vehement gegen Kritik an der Katar-Reise des deutschen Rekordmeisters (die SZ berichtete) und an der Sonderrolle des Fußballs. Flick appellierte im Gegenzug an die Politik, Perspektiven für die Bevölkerung zu schaffen. „Ich finde, die sogenannten Experten, die Politik sollen sich zusammensetzen und wirklich mal eine Strategie entwickeln, dass man irgendwann mal wieder Licht im Tunnel sieht.

ubau Siegen. Hansi Flick gilt gemeinhin als besonnener Zeitgenosse, der seine Worte wohlüberlegt sachlich-nüchtern wählt. Am Wochenende platzte dem Trainer des FC Bayern jedoch der Kragen. Der frühere Assistent von Fußball-Bundestrainer Joachim Löw wehrte sich vehement gegen Kritik an der Katar-Reise des deutschen Rekordmeisters (die SZ berichtete) und an der Sonderrolle des Fußballs. Flick appellierte im Gegenzug an die Politik, Perspektiven für die Bevölkerung zu schaffen. „Ich finde, die sogenannten Experten, die Politik sollen sich zusammensetzen und wirklich mal eine Strategie entwickeln, dass man irgendwann mal wieder Licht im Tunnel sieht. Das ist aktuell zu wenig, gerade für die Bevölkerung, für die Bürger, die nicht in der Situation sind wie wir Fußballer“, monierte der Coach des FCB in einem Interview. Es müsse mal „was Positives“ verkündet werden können, meinte der 55-Jährige.
Angesprochen auf Auslandstrips von Fußball-Klubs, die Rückreise von Bayern-Profi Thomas Müller nach einer Corona-Infektion aus Katar und die daraus resultierende Kritik des SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach entgegnete Flick: „Der Herr Lauterbach hat immer zu irgendwas einen Kommentar abzugeben. So langsam kann man die sogenannten Experten gar nicht mehr hören, auch Herrn Lauterbach.“
Die Thematik wirft in jedem Fall Fragen auf: Steht Hansi Flick mit seiner Meinung alleine da oder hat er Recht? Und: Hält sich der Profifußball für zu wichtig? Die SZ hörte sich bei Trainern und Funktionären aus der Region um:

Christof Hoffmann (Sportlicher Leiter Sportfreunde Birkelbach): „Ich bin schon der Ansicht, dass sich der Profifußball zu wichtig nimmt. Meine Hoffnung war, dass sich durch die Corona-Krise alles wieder auf einem vernünftigeren Niveau einpendelt, aber obwohl alle Vereine Einnahmeverluste beklagen, scheint dem nicht so zu sein. Andererseits: Wenn man den Bürgern in dieser schwierigen Zeit auch noch den Profifußball bzw. den Profisport wegnimmt, dann bleibt ja fast gar nichts mehr übrig. Ich finde es in Ordnung, wenn auf nationaler Ebene Profifußball gespielt wird, aber solche Reisen wie die der Bayern nach Katar oder auch die Spiele in den europäischen Wettbewerben sind gegenüber den Menschen, die derzeit um ihre Existenz bangen und mit massiven Einschränkungen leben müssen, nicht zu vertreten. Das ist kein Bayern-spezifisches Problem, sondern gilt auch für die anderen Klubs, die international spielen.“

Stefan Büdenbender (Sportlicher Leiter FSV Gerlingen): „Die Katar-Reise der Bayern hat fußball-politische Gründe. Das ist so abstrakt und so weit weg von der Basis, da traue ich mir keine Meinung zu, inwiefern das zu rechtfertigen ist. Klar ist aber, dass der Profifußball durch das viele Geld, das dort fließt, zu abgehoben ist. Das ist indiskutabel. Andererseits ist die Nachfrage nach dem Produkt Profifußball groß – und dadurch ist auch so viel Geld im Umlauf. Im Übrigen möchte ich zu bedenken geben, dass nicht nur die Fußball-Klubs rund um die Welt reisen, sondern auch andere Sportler. Man denke nur an die Handballer mit ihrem WM-Trip nach Ägypten oder an die Wintersportler. Der Fußball polarisiert aber stärker, weil er allgegenwärtig ist. Und ganz ehrlich: Ich glaube auch, dass in der jetzigen Zeit viele sehr froh sind, wenn sie Sport im TV schauen können.“

Stephan Schwarz (Trainer SV Netphen): „Ich bin der Meinung, dass der Profifußball sich viel zu wichtig nimmt. Wir haben doch gerade ganz andere Probleme in der Gesellschaft. Ich weiß, was Hansi Flick ausdrücken will, aber in dieser Frage bin ich eher auf der Linie von Herrn Lauterbach. Dass die nationalen Ligen spielen, finde ich okay. Aber für die internationalen Begegnungen fehlt mir ehrlich gesagt das Verständnis. Was die Katar-Reise der Bayern anbelangt: Da hätte der Klub ein Zeichen setzen und auf das Spiel verzichten sollen. Und das sage ich als Bayern-Fan. Was mir bei der ganzen Diskussion zu kurz kommt, ist der Amateurfußball. Denn man darf nicht vergessen: Ohne die Basis gäbe es keine Profiligen. Im Amateurbereich fischen derzeit alle im Trüben. Keiner weiß, wie es weitergeht. Diese Ungewissheit sollte schnellstens beendet werden. Für alle Beteiligten ist es wichtig, Klarheit zu
haben.“

André Stoffel (Trainer SG Herdorf): „Eines muss ich vorweg schicken: Natürlich bin ich als Fußball-Fan froh, dass ich am Wochenende Bundesliga schauen kann. Aber generell bin ich schon der Auffassung, dass die Sonderstellung, die speziell der Profifußball genießt, übertrieben ist. Natürlich weiß ich, was dahinter steckt, dass es da um zahlreiche Arbeitsplätze und viel, viel Geld geht. Aber eine Reise wie die der Bayern nach Katar ist in der momentanen Situation einfach nicht zu rechtfertigen. Wenn ich sehe, dass die Kinder nicht Fußball spielen dürfen, dann passt das nicht zusammen. Aktuell sollten andere Dinge Vorrang haben. Ich halte es aber für wichtig, dass konkrete Perspektiven aufgezeigt werden, sonst dreht der ein oder andere noch durch.“

Steffen Öhm (Spielertrainer VfL Klafeld-Geisweid): „Ich kann die Sonderrolle des Profifußballs durchaus nachvollziehen, denn ich befürworte, dass es weitergeht. Das gibt einem zumindest ein bisschen Abwechslung und tut der Seele gut. Was will man denn machen, wenn das auch noch wegfallen würde? Außerdem werden die Profis häufig getestet und leben in einer Blase, sodass vergleichsweise wenige Infektionen auftreten. Zudem muss man auch bedenken, dass am Profisport und speziell am Profifußball unheimlich viele Jobs dran hängen. Eine andere Frage ist, ob die Bayern unbedingt nach Katar reisen müssen. Aber da wird Hansi Flick wohl sagen: Das ist unser Business.“

Autor:

Uwe Bauschert (Redakteur) aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

2 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige
Mit einem Abo der Siegener Zeitung erhält ein Leser Ihrer Wahl täglich die besten Informationen und Themen aus der Region. Gleichzeitig können Sie sich eine unserer drei hochwertigen Prämien sichern.
4 Bilder

SZ-Abo vermitteln und Prämie aussuchen
Tolle Geschenke für den Lockdown-Alltag

Es ist die klassische Win-win-Situation: Mit einem Abo der Siegener Zeitung erhält ein Leser Ihrer Wahl täglich die besten Informationen und Themen aus der Region. Gleichzeitig können Sie sich eine unserer drei hochwertigen Prämien sichern. Vermitteln Sie uns einen neuen Abonnenten - und wir bedanken uns mit einem dieser tollen Geschenke. Wir möchten Ihnen den Pandemie-Alltag im eigenen Zuhause erträglicher machen und haben uns deshalb besondere Prämien für Homeoffice, Lockdown und Co....

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen