"Spiel ohne Grenzen" vor 25000 Zuschauern
Siegen siegte in Siegen - und war doch traurig

Tolle Stimmung herrschte bereits beim nationalen Städtevergleich in Herford: Erst im allerletzten Spiel wurde das Match nur wenige Zentimeter vor der Ziellinie zu Gunsten der Siegener entschieden. Zwischen den beiden Teams steht Spielleiter und Moderator Camillo Felgen.
  • Tolle Stimmung herrschte bereits beim nationalen Städtevergleich in Herford: Erst im allerletzten Spiel wurde das Match nur wenige Zentimeter vor der Ziellinie zu Gunsten der Siegener entschieden. Zwischen den beiden Teams steht Spielleiter und Moderator Camillo Felgen.
  • Foto: Archiv
  • hochgeladen von Frank Kruppa (Redakteur)

krup Siegen. Wenn man so langsam auf sein siebtes Lebensjahrzehnt zu marschiert, schwelgt man an melancholischen Tagen gern schon mal in (schönen) Erinnerungen. Da summt man dann Lieder aus den unvergesslichen 80ern vor sich hin und denkt an Fernsehklassiker wie „Magnum“ oder „Ein Colt für alle Fälle“, aber auch an fantastische Spielshows wie „Der große Preis“ mit Wim Thoelke, „Am laufenden Band“ mit Rudi Carrell, „Dalli Dalli“ mit Hans Rosenthal oder „Was bin ich?“ mit Robert Lembke.

Ein echter Straßenfeger

Ein regelrechter Straßenfeger in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts war die Spielshow „Spiel ohne Grenzen“ – neben dem Grand Prix Eurovision de la Chanson die einzige wiederkehrende sprachübergreifende Unterhaltungssendung. Bei „Spiel ohne Grenzen“ traten Städtemannschaften in mehr oder minder skurrilen Vergleichskämpfen gegeneinander an, um sich für die nächste Ebene zu qualifizieren. Die gestellten Aufgaben lassen sich am besten als Mischung aus sportlicher und akrobatischer Herausforderung beschreiben.

In Deutschland war der Westdeutsche Rundfunk (WDR) für die Live-Ausstrahlung zuständig, und ähnlich wie die Krimis des britischen Schriftstellers Francis Durbridge erlangte „Spiel ohne Grenzen“ rasch regelrechten Kultstatus, wie man heutzutage sagen würde. „Familienbildend“, wie SZ-Wirtschaftsredakteurin Dagmar Meiswinkel dieser Tage treffend anmerkte. Will meinen: Eltern, Großeltern und Kinder saßen gemeinsam in der guten Wohnstube auf dem Sofa vor dem Fernseher und fieberten gebannt mit „ihrem“ Städteteam mit.

Im Jahre 1968 brachte die Krönchenstadt Siegen eine Mannschaft an den Start, die europaweit für Furore sorgte. Beim nationalen Städtevergleich am 8. Juni 1968 in Herford setzte sich das Siegener Team vor 17 000 teils frenetischen Zuschauern im Jahn-Stadion mit 16:10 Punkten durch und qualifizierte sich damit für die internationale Runde. Im allerletzten Spiel kullerten wenige Zentimeter vor der Ziellinie drei Bälle aus der Plane der Herforder, die ansonsten dieses Spiel mit 4:0 und somit das komplette Match mit 14:12 gewonnen hätten – dramatischer geht’s nimmer! Als Trainer von „Team Siegen“ fungierten Rolfgünter Jabs, Trainer der Hammerwerfer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), Sportlehrer Walter Link und Bundeswehr-Stabsfeldwebel Kurt Engelhardt.

Aus "Fettnapf" wurde ein Trainerjob

Werner Narres, Deutscher Juniorenmeister im Olympischen Zwölfkampf des Jahres 1957, erinnert sich als Co-Trainer und Teilnehmer des Siegener Teams mit einem leichten Schmunzeln: „Als wir uns im Stadionbereich aufwärmten, fühlten sich einige unserer Sportler von einem Herrn gestört, den ich dann höflich, aber deutlich aufgefordert habe, sich bitte – wie alle anderen Zuschauer – auf die Tribüne zu setzen. Beim Abendessen nach dem Wettkampf sagte mir einer unserer Mitspieler: „Werner, geh mal da hoch, da möchte sich jemand mit dir unterhalten. Als ich angekommen war, sah ich den besagten Herrn dort sitzen – es war Siegens Stadtdirektor Hans Mohn...“
Okay, Fettnäpfchen getroffen, sollte man meinen. Das „Gespräch unter Männern“ nahm freilich eine ganz andere Richtung: „Herr Mohn sagte mir später, dass er mich beim internationalen Spiel in Siegen als Trainer dabei haben will.“ Gesagt, getan: Gemeinsam mit Jürgen Uhr, Hans Schmidt und Kurt Engelhardt begab sich der Gosenbacher an die Aufgabe, das Event im Siegener Leimbach-Stadion zu organisieren.

Am 28. August 1968, einem Mittwoch, war es dann so weit: Europa blickte nach Siegen! „Hier kann man nur von einem Quotenrenner sprechen, denn ca. 30 000 Zuschauer im Leimbachstadion und Millionen Zuschauer an den Fernsehgeräten in ganz Europa verfolgten diese Eurovisionssendung“, erinnert sich Jürgen Uhr an diesen unvergesslichen Abend. Die lokalen Medien taxierten die Zuschauerzahl zwischen 20 000 und 25 000, von 25 000 ist auch in der Live-Reportage des WDR im Rahmen der Eurovision-Übertragung die Rede.

Folgende Städteteams aus sechs europäischen Ländern waren am Start: Gembloux (Belgien), Epinal (Frankreich), Cheltenham (Großbritannien), Biella (Italien), Mendrisio (Schweiz) und eben das Siegener Team als Gastgeber dieses „Halbfinales“.

Die zuständige Regisseurin für den WDR war Marita Theile. „Wir hatten uns eine Woche in der Siegener Jugendherberge am Oberen Schloss auf diesen Wettkampf vorbereitet“, berichtet Jürgen Uhr. „Da ich in Gosenbach wohnte, bin ich nach Hause gefahren – die Stadt Siegen hat dann extra für mich eine Versicherung abgeschlossen, falls ich mich auf dem Heimweg verletzen sollte“, grinst Werner Narres, der mit einem weiteren überwältigenden Fakt aufwarten kann: „Insgesamt hatten sich rund 350 Personen für eine Teilnahme beworben, wir konnten aber nur 32 Leute einsetzen.“ Das Interesse in der Bevölkerung, einen persönlichen Beitrag „für Siegen und den Sieg“ zu leisten, war also immens hoch.

Durch "harte Gymnastik" gefiltert

Wie bitteschön lief denn dann das Auswahlverfahren? „Harte Gymnastik“, bringt es Werner Narres staubtrocken auf den Punkt. „Nach der ersten Einheit kam die Hälfte schon mal nicht mehr wieder.“ Danach wurden die Kandidaten/-innen akribisch vermessen und gewogen, um in einer Tabelle exakt festzuhalten, wer für welches der zehn Geschicklichkeitsspiele am besten geeignet wäre. All diese handschriftlichen Aufzeichnungen besitzt Werner Narres noch heute – ein herrliches „Schätzchen“ und sorgsam gehütetes Zeitdokument.

„Das Training im Stadion unmittelbar vor der Veranstaltung lief für uns perfekt“, berichtet Jürgen Uhr jetzt, rund 52 Jahre später, im Gespräch mit der Siegener Zeitung. Für ihn sollte der Abend jedoch eine unglückliche Wendung nehmen: „Wir mussten über einen Balken Wasser von oben nach unten transportieren und dort in einen Behälter schütten. Als einziger der Teilnehmer konnte ich aufrecht über den Balken nach oben laufen. Alle anderen rutschten nach oben, was natürlich sehr viel zeitaufwändiger war. Die Teilnehmer unserer Mannschaft setzten deshalb den Joker, der die Punktzahl verdoppelte, auf mich.“

Rutschpartie mit Folgen

So weit, so gut. Doch dann dies: „Irgendwas hatte den Organisatoren wohl nicht gepasst. So wurde am Veranstaltungstag der Balken mit Wasser bespritzt und ich musste meine Schuhe wechseln, die ich mir vorher ausgesucht hatte. Es kam wie es kommen musste, ich rutschte auf dem nassen Balken aus und war dann nicht mehr in der Lage, mich auf die neue Situation einzustellen. Ich wurde Letzter und damit fehlten uns zehn Punkte. Wir gewannen zwar das Spiel insgesamt, uns fehlten aber fünf Punkte, um uns auch für das Endfinale in Brüssel zu qualifizieren. Ein rabenschwarzer Tag für mich, den ich schnell vergessen wollte, aber auf den ich noch jahrelang angesprochen wurde. Mir hat es vor allem für unsere Mannschaft sehr leid getan“, so Jürgen Uhr. Besonders bitter: Er schaffte an diesem Abend nur 3,6 Liter, im Training hatte er noch 18 (!) Liter mühelos transportiert.

Als am Abend Bilanz gezogen wurde, hatte das gemischte Siegener Team – im Gegensatz zum nationalen Match in Herford waren in Siegen auch Vertreterinnen des schöneren Geschlechts mit von der Partie – nach fünf von zehn gewonnenen Spielen mit 48 Punkten den 1. Platz erkämpft, vor Cheltenham (44), Biella (39), Mendrisio (37) sowie den punktgleichen Mannschaften von Gembloux und Epinal (beide 36). „Schade, dass wir nicht nach Brüssel kommen, aber die werbende Wirkung für unsere Stadt konnten wir nur hier erleben. Siegen siegte in Siegen – der Slogan alleine ist die Sache wert gewesen“, konstatierte Stadtdirektor Hans Mohn. Der ganz große Coup indes blieb Siegen versagt, da Osterholz-Scharmbeck in einem anderen internationalen Spiel zuvor 52 Zähler erkämpft hatte – und somit als deutscher Vertreter „durchkam“.

Stadt Siegen spendierte Busreise

Die Stadt Siegen zeigte sich indes sehr großzügig und engagierte einen Bus, mit dem alle Teilnehmer des Siegener Teams nach Brüssel gefahren wurden. Dort durften sie sich gemeinsam das große Finale ansehen. Zwar „nur“ als Zuschauer auf der Tribüne und nicht als Aktive im Innenraum – gleichwohl aber dürfte dieses Jahr 1968 für die Beteiligten in leichter Abwandlung eines Riesen-Hits von Bryan Adams ihr ganz persönlicher, unvergesslicher „Summer of 68“ gewesen sein.

Autor:

Frank Kruppa (Redakteur) aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

2 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige
Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de komplett überarbeitet.
  2 Bilder

Optimiertes Stellenanzeigen-Portal
Mit 57jobs.de einen neuen Job finden

Neues Design und neue Angebote für Unternehmen, aber bewährte Technik: Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de einem Relaunch unterzogen, der sowohl die Suche nach einem neuen Job als auch die Suche nach neuen Fachkräften noch einfacher gestaltet. Auf dem Portal der Siegener Zeitung und des Wochenanzeigers finden sich unter den ständig 10.000 Jobangeboten aus Siegerland, Wittgenstein sowie den Kreisen Olpe und Altenkirchen auch sämtliche Anzeigen aus den...

Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen