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Online-Angebote helfen kaum
So geht der Fußball-Nachwuchs mit dem Lockdown um

Gefühlt ein Bild wie aus einem anderen Jahrhundert: Kinder in verschiedenen Trikots auf einem Fußballplatz, gebannt auf das Leder fixiert. Und im Hintergrund eng beieinander sitzende Spieler-Mamas – das hat es (vor der Corona-Pandemie) tatsächlich mal gegeben...
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  • Gefühlt ein Bild wie aus einem anderen Jahrhundert: Kinder in verschiedenen Trikots auf einem Fußballplatz, gebannt auf das Leder fixiert. Und im Hintergrund eng beieinander sitzende Spieler-Mamas – das hat es (vor der Corona-Pandemie) tatsächlich mal gegeben...
  • Foto: jb (Archiv)
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

ubau/krup Siegen/Betzdorf. „Der Verein ist häufig auch eine Familien-Ergänzung. Alles, was derzeit fehlt, kann man mit Online-Angeboten nicht wirklich auffangen“, sagt Matthias Zahn.

Der Trend im deutschen Fußball ist schon seit Jahren alarmierend. Auf dem Weg von den E- bis zu den A-Junioren geht dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) ein großer Teil seiner Spieler verloren. Die Gründe dafür sind mannigfaltig, angefangen von der Playstation, einem viel breiter gewordenen Sportangebot bis hin zu den gestiegenen schulischen Anforderungen mit „Schlusszeiten“ bis in den Nachmittag hinein. Und nun sorgt der erneute Lockdown dafür, dass die allermeisten Fußballplätze ein weiteres Mal geschlossen sind. Welche Auswirkungen hat die neuerliche Spielpause für den Fußball-Nachwuchs?

ubau/krup Siegen/Betzdorf. „Der Verein ist häufig auch eine Familien-Ergänzung. Alles, was derzeit fehlt, kann man mit Online-Angeboten nicht wirklich auffangen“, sagt Matthias Zahn.

Der Trend im deutschen Fußball ist schon seit Jahren alarmierend. Auf dem Weg von den E- bis zu den A-Junioren geht dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) ein großer Teil seiner Spieler verloren. Die Gründe dafür sind mannigfaltig, angefangen von der Playstation, einem viel breiter gewordenen Sportangebot bis hin zu den gestiegenen schulischen Anforderungen mit „Schlusszeiten“ bis in den Nachmittag hinein. Und nun sorgt der erneute Lockdown dafür, dass die allermeisten Fußballplätze ein weiteres Mal geschlossen sind. Welche Auswirkungen hat die neuerliche Spielpause für den Fußball-Nachwuchs? Die SZ hörte sich bei Spielern, Trainern und Jugendleitern um:

"Für die Kinder eine riesige Belastung"

Für Matthias Zahn, den seit knapp einem Jahr amtierenden Jugendleiter des SuS Niederschelden, haben die einschneidenden Maßnahmen vor allem Auswirkungen auf die jüngeren Jahrgänge bis einschließlich zur D-Jugend. „Für die Kinder ist das eine riesige Belastung, dass sie ihrem Hobby Fußball derzeit nicht nachgehen können. Ihnen fehlt nicht nur der soziale Kontakt, sondern auch die Möglichkeit, Stress abzubauen“, erklärt Zahn, der die Aufgabe der Vereine nicht nur darin sieht, gute Fußballer auszubilden, sondern auch darin, den Bewegungsdrang der Jungen und Mädchen zu fördern und zu kanalisieren. Hinzu komme die soziale Komponente.

Matthias Zahn.

„Der Verein ist häufig auch eine Familien-Ergänzung“, konstatiert Zahn, der der Auffassung ist, dass man alles das, was derzeit fehlt bzw. nicht erlaubt ist, mit Online-Angeboten „nicht wirklich auffangen kann“. Der Jugendleiter des SuS betont aber auch, dass man für die Maßnahmen seitens der Politik großes Verständnis habe. „Ganz klar“, so Zahn, „da muss man solidarisch sein, auch wenn die ganzen Hygiene-Konzepte, die wir entwickelt haben, dadurch hinfällig geworden sind.“ Ein weiterer Aspekt des neuerlichen Lockdowns sei, dass den Vereinen dadurch Einnahmen wegbrechen (Stichwort: Hallenturniere), was sich indirekt auch auf den kickenden Nachwuchs auswirke, da das Geld für eine optimale Ausstattung fehle. „Daher“, so der E-1-Coach des SuS abschließend, „wünschen wir uns, dass es auf den Fußballplätzen schnellstmöglich wieder los geht.“

Kontakt zu den jüngeren Spielern gestaltet sich schwierig

Ansgar Brenner, der Jugendleiter und langjährige Nachwuchscoach der SG 06 Betzdorf, pflichtet Zahn bei. Er schickt voraus, vollstes Verständnis für den neuerlichen Lockdown zu haben. Brenner sieht diesen als „notwendiges Übel“ an, um Kontakte zu reduzieren und die Infektionszahlen zu senken. „Gerade im Amateur- und Jugendfußball sollte die Gesundheit an erster Stelle stehen“, betont der Funktionär vom „Bühl“.

Ansgar Brenner.

Angesichts des ausgesetzten Trainingsbetriebs sei es schwierig, mit den jüngeren Spielern Kontakt zu halten. „Ab der C-Jugend haben die Allermeisten ein Handy, da fällt die Kommunikation über Whatsapp-Mannschaftsgruppen leichter.“ Abmeldungen lägen ihm bisher noch keine vor. „Erst wenn es wieder los geht, wird man sehen, wer sich an das Lotterleben gewöhnt hat und lieber weiter Playstation spielt als als auf dem Trainingsplatz zu stehen“, sagt Brenner, der nur zu gut weiß, dass die Spieler in (dunklen) Tagen wie diesen eine große Selbstdisziplin an den Tag legen müssen, um fit zu bleiben. „Ich habe selbst zwei Jungs, die Fußball spielen. Da bedarf es schon einer großen Überredungskunst, dass sie bei Wind und Wetter rausgehen und etwas für ihre Fitness tun, wenn kein regelmäßiger Trainingsbetrieb stattfindet – gerade in dieser dunklen Jahreszeit.“ Zudem verweist Brenner auf die „riesengroße soziale Komponente“, die die Vereine zu verantworten hätten. Derzeit fehlten die gemeinsamen Erlebnisse und sportlichen Ziele, derzeit seine alle Einzelkämpfer. Brenner: „Die soziale Kompetenz wird durch den Lockdown nicht gefördert.“

Verlieren die Kinder die Lust am Fußball?

Steven Klahr, Trainer der C-Junioren der Sportfreunde Siegen, hat sich seit dem ersten Lockdown intensiv mit der Thematik beschäftigt und fühlt sich nach eigenem Bekunden „hin und her gerissen zwischen Hoffen und Bangen: Ich befürchte, dass viele Kinder durch die sehr lange Pause die Lust am Fußballspielen verlieren.

Steven Klahr.

Beim Sprung aus der C- in die B-Jugend haben wir ohnehin eine hohe Fluktuation, durch die Pubertät bedingt. Und nun werden auch jüngere Jahrgänge mit der Frage konfrontiert: Muss ich mir das wirklich antun, warum betreibe ich einen solch hohen Aufwand? Das gilt natürlich in erster Linie für den leistungsorientierten Bereich. Im jüngeren Bereich war das Interesse für den Fußball womöglich gerade erst geweckt worden. Für mich als Jugendtrainer ist dieser neuerliche Lockdown der Worst Case, denn ich habe jetzt acht Jahre lang darauf hin gearbeitet, irgendwann mal bei den Sportfreunden in der Westfalenliga arbeiten zu können – und dann lief es zuletzt auch noch richtig gut für uns. Auf den Breitensport bezogen habe ich aber gleichwohl die Hoffnung, dass Kinder und Jugendliche zum Fußball zurückkommen, wenn dies mal wieder möglich sein sollte. Zum einen, weil sie das schon kennen, zum anderen, weil sie in der Corona-Zeit ja auch keinerlei Möglichkeiten hatten, irgendwelche Alternativen zum Fußballsport aktiv auszuprobieren.“

Das Kämpfen für ein gemeinsames Ziel fehlt

Philipp Sänger, Kapitän der A-Junioren der JSG Dielfen-Weißtal, hat phasenweise das Gefühl, „gar nicht mehr wirklich ein Fußballspieler zu sein. Wir haben nun fast ein Jahr lang praktisch keine Spiele mehr bestritten, das ist echt deprimierend. Ich habe mich immer darüber gefreut, den Fußballsport als guten Ausgleich zur Schule zu haben. Das Gefühl, sonntags zum Spiel zu gehen, mit den Mannschaftskameraden in der Kabine zu sitzen und dann gemeinsam für sportliche Ziele zu kämpfen, fehlt mir sehr.“

Philipp Sänger.

Der 17-Jährige kann auch die Sichtweise seiner Trainer bestens nachvollziehen: „Für die ist es unglaublich schwierig, ihre Spieler über einen derart langen Zeitraum bei Laune zu halten.“ Wie aber hält man als junger Fußballer selbst den Bezug zu seinem Sport hoch? „Da gibt es viele Komponenten“, sagt Philipp. „Wir haben beispielsweise eine Lauf-Challenge gemacht, in der es galt, die Trainer zu besiegen. Dann gab es eine FIFA-Challenge auf der Play-Station gemeinsam mit unseren B-Jugendspielern. So bewahrt man einen gewissen Wettbewerbsgedanken. Zuletzt haben wir ein Team-Meeting via Zoom-Konferenz veranstaltet. Das hätte man sicherlich auch per Whatsapp oder Sprachnachricht klären können, aber es war einfach schön, seinen Mitspieler nochmal in die Gesichter schauen zu können. Es hat sich tatsächlich auch jeder Spieler zugeschaltet, was für unseren sehr ausgeprägten Zusammenhalt spricht.“

"Der Fußball fehlt mir sehr"

Der zehnjährige Moritz Schade aus Mudersbach, der seit dem vergangenen Sommer für die E-Jugend des SuS Niederschelden aktiv ist, fiebert dem Re-Start schon entgegen. „Wissen Sie, wann es endlich wieder los geht?“, fragte er in herrlich kindlicher Manier den SZ-Redakteur. Doch eine verbindliche Antwort konnte auch der ihm nicht geben. Möglichst schnell wieder mit seinen Mannschaftskameraden dem runden Leder nachjagen, das ist der große Wunsch von Moritz – und damit spricht er seinen „Leidensgenossen“ aus der Seele. „Der Fußball fehlt mir schon sehr“, so Moritz.

Moritz Schade.

Nach dem Online-Schulunterricht fahre er Fahrrad, jogge ab und an mal mit Mama oder Papa oder spiele mit seinem Bruder vor der Garage Fußball, um sich ein wenig zu bewegen und fit zu halten, erzählt er. „Aber schöner wäre es, wieder auf den Fußballplatz zu dürfen.“

Lesen Sie hier, was der Kinder- und Jugendmediziner Dr. Gebhard Buchal zu den Auswirkungen des Lockdowns auf Nachwuchssportler sagt.

Autor:

Redaktion Sport aus Siegen

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