Dreimal bei Olympischen Spielen
Trauer um Kugelstoßer Heinfried Birlenbach

Heinfried Birlenbach in Aktion.

krup Birlenbach. Die Siegerländer Sportwelt trauert um eines ihrer größten Aushängeschilder: Heinfried Birlenbach, dreifacher Olympia-Teilnehmer im Kugelstoßen, ist kurz vor Vollendung seines 80. Lebensjahres verstorben.

Olympische Feuertaufe 1964 in Tokio

Seine olympische Feuertaufe erlebte der für die Siegener Sportfreunde startende Leichtathlet 1964 in Tokio. Der damals 23-jährige Birlenbach, geboren am 7. Dezember 1940 im namensgleichen Örtchen Birlenbach, verpasste die Qualifikation für den Endkampf im Kugelstoßen nur denkbar knapp – „Drei lächerliche Zentimeter weiter, und Birlenbach hätte mit den weltbesten Kugelstoßern im Medaillen-Endkampf gestanden“, kommentierte die Siegener Zeitung am 17. Oktober 1964 seine Vorkampf-Leistung von 17,77 Metern. Die geforderte Norm von 17,80 Metern hatte Heinfried Birlenbach schon damals in sich, stand seine persönliche Bestleistung doch bei 18,70 m. „Aber der 2,04 m große Heinfried hatte in der alles entscheidenden Stunde der olympischen Bewährung nicht seine beste Form“, merkte der SZ-Berichterstatter an.
So musste Heinfried Birlenbach noch knapp acht Jahre auf seinen größten sportlichen Erfolg warten. Dabei war er sportlich ein eher Spätberufener, denn erst 1960 suchte er an einem ungastlichen Winterabend das Training der Sportfreunde-Leichtathleten in der Turnhalle des Siegener Mädchen-Gymnasiums in der Sankt-Johann-Straße auf. Zunächst freilich interessierte er sich eher für die Laufstrecken über 1500 Meter und mehr, ehe er sein Faible für das Kugelstoßen entdeckte.

Um ein Haar wäre Heinfried Birlenbach jedoch in einer anderen Kraftsportart der Leichtathletik gelandet. Der in Siegen ansässige Rolf-Günter Jabs, damals Cheftrainer der Hammerwerfer im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV), sah in dem Birlenbacher etwas Besonderes für seine Riege: „Das ist der Mann fürs Hammerwerfen. Endlich ein großer Athlet mit langen, vorteilhaften Hebeln“, zeigte sich Jabs spontan beeindruckt.

Birlenbach folgte also dem Ratschlag, trainierte den Hammerwurf, fokussierte sich aber schon bald wieder auf das Kugelstoßen – dies war nun mal „sein“ Metier, in dem er sich am wohlsten fühlte. Nach diesem Intermezzo startete der Siegerländer relativ schnell durch. Sein großes Potenzial deutete er im Sommer 1962 an, als er bei einem Sportfest in Bochum-Dahlhausen seine Bestleistung um sensationelle 1,85 Meter auf 16,06 m steigerte. Zum Vergleich: Nur 14 Zentimeter mehr, 16,20 Meter, hatten 1936 in Berlin dem im ostpreußischen Bischofsburg geborenen Hans Otto Woellke zum Olympiasieg gereicht. Dieser Leistungssprung bescherte Heinfried Birlenbach zum Ende des Jahres 1962 die Einreihung in die bundesdeutsche Olympia-Kernmannschaft.

1968 Europarekord geschafft

1963 steigerte er sich im Rahmen eines Länderkampfes gegen Finnland auf 18,25 Meter, im September 1967 stellte der Siegerländer mit 19,20 Metern einen neuen DLV-Rekord auf und übertraf dabei die bisherige Bestweite von Dieter Urbach (München) vom 8. September 1964 um elf Zentimeter, ehe er sich am 21. Juli 1968 bei einem Sechs-Länder-Kampf im italienischen Brescia mit einer Weite von 20,18 Metern in die Ehrenliste der Europa-Rekordhalter eintrug.

Bei seiner zweiten Olympia-Teilnahme 1968 in Mexiko erreichte Heinfried Birlenbah mit nur einem Versuch (19,43 m) den Endkampf, den er letztlich auf Rang 8 mit 18,80 Metern beendete. „Er hatte seit seinem Eintreffen in Mexiko unter einer starken Magenverstimmung gelitten, fünf Kilogramm Gewicht verloren und seitdem nie zu seiner besten Form gefunden“, lieferte das Olympia-Buch von 1968, herausgegeben von der Bertelsmann-Sportredaktion in Zusammenarbeit mit dem Sport-Informationsdienst (sid), eine durchaus schlüssige Begründung.

So dauerte es also weitere vier Jahre, bis der vielfache deutsche Meister seine Fähigkeiten auf dem sportlichen „Olymp“ beweisen durfte. Bei den XX. Olympischen Sommerspielen in München zog Heinfried Birlenbach mit seiner absoluten Bestweite von 20,37 Metern in den Endkampf ein und erreichte dort beim Goldmedaillen-Triumph des Polen Wladyslaw Komar (21,18 m) den 7. Rang.
Dazu schrieb die Redaktion des vom bekannten Sportjournalisten Harry Valérien herausgegebenen Olympia-Nachschlagewerks: „Heinfried Birlenbach, der 2,02 Meter große und 120 Kilogramm schwere Hüne aus Birlenbach bei Siegen (man beachte die leichte Abweichung bei der Körpergrößen-Angabe im Vergleich zu 1964), feierte mit seinem siebten Platz und der persönlichen Bestleistung von 20,37 Metern einen Erfolg, den man gar nicht hoch genug einschätzen kann.“

Nachdem der dreifache Olympia-Teilnehmer Anfang Februar 1973 der LG Kindelsberg Kreuztal beigetreten war – zuvor war der ehemalige Siegener „Sportfreund“ einige Monate lang vereinslos gewesen –, verkündete er ein gutes Jahr darauf heimlich, still und leise seinen Abschied vom Leistungssport. „Mir blieb einfach keine Zeit in den letzten Wochen, da ich voll und ganz mit der Einrichtung einer öffentlichen Sauna beschäftigt war, die ich vor einigen Tagen im Schulzentrum in Freudenberg-Büschergrund eröffnet habe“, sagte Heinfried Birlenbach am 21. Juni 1964 gegenüber der Siegener Zeitung.

Der langjährige und 2002 verstorbene SZ-Sportchef Karl Heinz Hof charakterisierte den Vorzeige-Kugelstoßer in seinem Buch „Siegerländer Sportgeschichten“ vielschichtig: „Heinfried Birlenbach mag auf den ersten Blick ,eckig’ und nicht ,pflegeleicht’ wirken, weil er mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält und Mitglied im ,Verein der klaren Aussprache’ ist. Doch hinter der rauhen Schale steckt ein geradliniger und ehrlicher Mensch, auf dessen Freundschaft man bauen darf, wenn man einmal sein Vertrauen gewonnen hat.“

Mit seinen körperlichen Ausmaßen wirkte Birlenbach absolut Respekt einflößend, war aber durchaus auch als Gentleman unterwegs. So erinnerte sich die Weitsprung-Olympiasiegerin von 1972 und spätere DLV-Vizepräsidentin Heide Rosendahl daran, dass „Heinfried der einzige war, der den Mädchen mal half, wenn die Reisetaschen zu schwer waren“.

Nach dem Ausklang seiner bewegten sportlichen Laufbahn widmete sich Heinfried Birlenbach mit ähnlicher Leidenschaft der Musik – bei der Feuerwehrkapelle Weidenau und beim Musikverein „Hoffnung“ Hünsborn blies er die Tuba. Auch beruflich stellte sich der gelernte Schlosser und spätere Technische Zeichner nach seiner Arbeit als Saunameister in Büschergrund nochmals um und betrieb eine selbstständige Versicherungsagentur.
Heinfried Birlenbach hinterlässt neben seiner Ehefrau Rita die beiden gemeinsamen Kinder Dr. Lars Birlenbach und Kerstin Birlenbach.

Autor:

Frank Kruppa (Redakteur) aus Siegen

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