Corona ist kein Grund zum Trinken
Blaues Kreuz mit neuem Weg: Online-Gruppe

Kontakt per Smartphone: Die Verabredung zur Online-Gemeinschaft ist für die Blaukreuz-Gruppen ungemein wichtig.
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  • Kontakt per Smartphone: Die Verabredung zur Online-Gemeinschaft ist für die Blaukreuz-Gruppen ungemein wichtig.
  • Foto: Christian Hoffmann
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ciu Siegen/Wuppertal. „Durchhalten“ – die Frau, die das weiße Blatt Papier mit dieser Aufforderung in die Kamera hält, weiß, wovon sie spricht. Renate Kölsch kennt die Not von Menschen, die (nicht nur, aber auch) gerade jetzt Begleitung brauchen, Ermutigung und vor allem ein offenes Ohr. Die 71-Jährige aus Anzhausen ist Vorsitzende des Blauen Kreuzes Siegen, sie leitet Gesprächskreise an der Friedrichstraße 106, wo dienstags ab 19.30 Uhr alkoholkranke Frauen und Männer einander austauschen können.Normalerweise. Seit Wochen kann diese Begegnungsgruppe nicht stattfinden. Die Corona-Krise hat auch die Suchtselbsthilfe erfasst, die vom Kontakt lebt, vom Miteinander, vom Reden und Hören, von der Hand auf der Schulter, von Weggefährten, die gemeinsam befreit leben lernen. Diese Ermutigungsrunden brauchen in anderen Zeiten andere Formen. Und die hat Renate Kölsch für ihre Gruppe gefunden.

Begegnung zu dritt über Whatsapp

Seit Wochen verabredet sie sich dienstags ab 17 Uhr immer mit je drei weiteren Personen zu einem halbstündigen Gespräch. Sie nutzt dazu die Videokonferenz-Funktion des Messenger-Dienstes Whatsapp. Fünf Runden hat sie zuletzt nacheinander moderiert. Selbst sagen braucht sie kaum etwas. „Die sprudeln so was von über.“

Rückfall? Im Bereich des Möglichen

Gerade Suchtkranke, die alleine lebten, hätten augenblicklich unter der Einsamkeit zu leiden; fehlende Perspektiven führten zur Sinnfrage. Ein Rückfall? Im Bereich des Möglichen. Die Gruppe, so Renate Kölsch, könne hier helfen, beistehen, Problemanzeigen auffangen. Auch von Menschen, die in eine tiefe Depression gefallen sind, berichtet die ehrenamtliche Suchtkrankenhelferin. „Einer sagte: ,Ich war so weit und wollte nicht mehr.“ Da sei es gut, im Gespräch zu sein und zu bleiben, dafür zu sorgen, „dass der Kontakt nicht abreißt“.

Erstgespräch mit genügend Abstand

Geht es darum, ein sogenanntes Erstgespräch zu führen, also einem ratsuchenden Menschen das Kennenlernen der Blaukreuz-Gruppe zu ermöglichen, auch herauszufinden, welches Hilfeangebot das aktuell richtige und wichtige ist (das kann auch der Weg der Suchtberatung sein oder die Empfehlung, sich für eine Entgiftung ins Krankenhaus einweisen zu lassen), dann trifft sich Renate Kölsch durchaus „auf Abstand“ und auch an der frischen Luft. Die neuen Gruppenteilnehmer (drei seien es, sagt sie, und eine Familie), die sie in den vergangenen Wochen gewonnen hat, lädt sie im Video-Talk in eigenen Runden ein, auch weil manche Frage und Antwort einen noch geschützteren Raum braucht.

Kraftspender für die Leitung ist Gott

Was Renate Kölsch in allen Kleingruppen ans Ende stellt, ist „ein Vers auf den Weg“, ein mutmachender Satz aus der Bibel, wie dieser aus Psalm 147: „Gott heilt dich, wenn du innerlich zerbrochen bist, und Er verbindet deine Wunden.“ Diese geistliche Ausrichtung ist ihr wichtig. Weil sie, selbst mit einer Sucht-Geschichte und in vielen Bereichen enorm gefordert, ohne den „Kraftspender“ Gott nicht agieren könne. „Dass Gott mit mir durch den Tag geht, das ist mein morgendliches Gebet.“
Renate Kölschs „Durchhalten“-Aufforderung ist Teil einer bundesweiten Aktion des Blauen Kreuzes in Deutschland. Gemeinsam mit anderen Mitgliedern und Mitarbeitern sind plakative Botschaften entstanden wie „Corona ist kein Grund zum Trinken!“, „Greift zum Telefon, nicht zur Flasche!“ oder eben „Gib nicht auf! Durchhalten lohnt sich!“.

Blaues Kreuz mit Mutmach-Foto-Storys

In regelmäßigen Abständen teilt die Zentrale in Wuppertal unter dem Hashtag #gemeinsamechtstark diese Mutmach-Foto-Storys in den sozialen Medien; hinter den selbst beschrifteten Schildern stehen Menschen aus der ehren- und hauptamtlichen Suchthilfe. Ihr Anliegen sei, so Jürgen Paschke, neuer Bundesvorsitzender des Blauen Kreuzes in Deutschland, „suchtgefährdete und suchtkranke Menschen in dieser schwierigen Zeit zu ermutigen, dem Suchtmittel zu widerstehen und zu sagen: ‚Wir sind für dich da. Gönn der Sucht nicht den Triumph!‘“.

Bald wieder ein "Offline"-Angebot

Die Blaukreuz-Gruppe in Siegen plant bald wieder mit ihrem „Offline“-Angebot zu starten. Natürlich unter Berücksichtigung der geltenden Regeln, was Abstand und Hygiene angeht. Für alle, die sich dabei unsicher fühlten, so Renate Kölsch, bleibe die Möglichkeit des Einzelgesprächs oder eben der Whatsapp-Runde.

Verein in Siegen schon 125 Jahre alt

Übrigens: Das Blaue Kreuz Siegen feiert in diesem Jahr sein 125-jähriges Bestehen. Die Jubiläumsfeierlichkeiten sind auf den 9. Mai 2021 verschoben worden. Wer Kontakt zum Blauen Kreuz sucht - alle Infos gibt es hier.

Autor:

Claudia Irle-Utsch (Redakteurin) aus Siegen

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