Kretas frühere Inselhauptstadt
Chania: Charmant, charismatisch und charakterstark

Die Weißen Berge und das blaue Meer zugleich im Blick - im venezianischen Hafen von Chania ist das möglich.
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  • Die Weißen Berge und das blaue Meer zugleich im Blick - im venezianischen Hafen von Chania ist das möglich.
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js Chania. Krisenerprobt sind sie, die Kreter. Vielfach umkämpft ist ihre Insel, die größte der griechischen,  dieser lange und ausgesprochen hoch aufragende Landriegel zwischen den Kontinenten,  zwischen Europa, Afrika und Kleinasien. Zahlreiche Besatzungsmächte sorgten über Jahrtausende und  bis in die Neuzeit für eine wechselvolle Geschichte mit entsprechenden kulturellen Einflüssen. Auf die Minoer, die mehr als drei Jahrtausende vor Christus ihr Erbe auf der seit der Steinzeit bewohnten Insel hinterließen, folgten die Mykener, die Römer, die Araber, die Venezianer, die Osmanen und – nach der Vereinigung mit Griechenland im frühen 20. Jahrhundert – die deutsche Besatzungsmacht, die Kreta wegen seiner strategisch günstigen Lage einnahm und erst zum Kriegsende wieder verließ. Angesichts dieser Hintergründe dürften die noch immer nicht ausgestandene Wirtschaftskrise und die aktuelle Coronapandemie eines Tages eher als Randnotizen in der Geschichtsschreibung auftauchen.

2020 wird in Erinnerung bleiben

Dennoch: Das Jahr 2020 wird sich einbrennen in das Gedächtnis der Kreter. Ihre Insel, die normalerweise rund 3 Millionen Touristen von April bis Oktober begrüßt, lockte diesmal nur ein Drittel der Besucher, die zu einem großen Teil die Einkommen sichern. Und das, obwohl Griechenland vergleichsweise glimpflich durch das erste halbe Jahr der Pandemie navigierte und erst nach der Saison wieder in den Lockdown gehen musste.Sevastiana Souki, Reiseführerin in Chania, wurde in all der Zeit an gerade einmal 15 Tagen gebucht. Auskömmlich war das nicht. Umso mehr freut sie sich, zum Ausklang dieser schwierigen Saison noch einmal eine Journalistengruppe durch ihre Stadt zu geleiten und dieser im Schnelldurchgang einen Überblick über die Geschichte der alten Inselkapitale zu verschaffen und damit das Interesse zu wecken für ein Reiseziel, das hoffentlich bald wieder sorgenfrei erreichbar sein wird.

Wer gräbt, stößt auf die Vergangenheit

Bei jedem Schritt, so erkennt der Gast sehr schnell, tritt er Geschichte mit Füßen. Unter fast jedem Quadratmeter Chanias befindet sich ein Zeugnis der Vergangenheit. Als einer der ältesten durchgehend besiedelten Orte Europas würde sich die Stadt als einzigartige Ausgrabungsstätte eignen; wenn sie nicht immer wieder überbaut worden wäre. Wer gräbt, stößt auf alte Grundmauern, das Erbe der Jahrtausende. Doch auch wer den Blick oben behält, wird fündig, kann die Geschichte der Stadt aus ihren teils schmucken, teils sanierungsbedürftigen Gebäuden herauslesen.
Rund um den venezianischen Hafen pulsiert das touristische Herz der Stadt. Taverne reiht sich an Taverne, ein Ladenlokal lockt neben dem anderen. Abseits der Hauptströme und der bekannten „Ledergasse“ bieten sich dem Besucher Fotomotive en masse. Jedes der fußläufig schnell erreichten Viertel überrascht mit seinen ganz eigenen Reizen. Selbst verfallene Häuser werden durch ihre Blumenpracht zu wahren Hinguckern.

Das grüne Gold des ewigen Baumes

Geschichte auf Schritt und Tritt

Hier und da sind die mannigfaltigen kulturellen und religiösen Einflüsse in nur einem Gebäude vereint – bestes Beispiel ist die St.-Nikolaus-Kirche, direkt am urbanen „Dorfplatz“ Platia 1821 gelegen. Das heute griechisch-orthodoxe Gotteshaus hat sowohl einen Glockenturm als auch ein stolzes Minarett – damit ist die Kirche mit ihrem Ursprung im Jahr 1320 ein Unikat in ganz Griechenland.
An einigen Stellen der Stadt blitzt die Vergangenheit noch deutlicher durch. Die venezianische Stadtmauer etwa, die das Kastelli-Viertel umschließt, war zwischendurch mit Häusern bebaut – inzwischen liegt sie wieder in weiten Teilen frei. Die Grundmauern einiger minoischer Villen sind als Ausgrabungsstätte zwar nicht begehbar, aber dennoch zu bestaunen. Die größeren Ausgrabungen der Insel befinden sich anderswo – der Palast von Knossos bei Heraklion etwa, oder die Stätten von Phaestos und Gortys im Süden von Kreta. Im dicht überbauten Chania ist derartiges Freilegen und Erlebbarmachen schlicht und ergreifend nicht möglich. Im Übergang zwischen Alt- und Neustadt findet sich der gesellschaftliche Mittelpunkt Chanias, die geschäftige, etwas mehr als 100 Jahre alte kreuzförmige Markthalle, die nach Marseiller Vorbild gebaut worden war.
Charmant, charismatisch und charakterstark empfängt die zweitgrößte Stadt der Insel ihre Besucher. Nahegelegene Badebuchten sorgen dafür, dass auch Erholungssuchende auf ihre Kosten kommen. Wer nach Kreta reist, ist jedoch nicht auf einen Städtetrip aus. Das Hinterland zu verpassen, wäre auch eine Schande – empfiehlt sich Chania doch als idealer Ausgangspunkt, um den Westen der für einen einzigen Urlaub zu gewaltig dimensionierten Insel zu erkunden. Ein bunter Strauß von Angeboten lässt in Tagesausflügen immer wieder neue Seiten Kretas entdecken.

Guter Ausgangspunkt zum Insel-Erkunden

Wer die Wanderschuhe schnüren möchte, ist hier richtig – wenn auch nicht unbedingt in den heißen Sommermonaten. Levka Ori, die bis zu 2454 Meter hohen Weißen Berge, liegen zum Greifen nah. Nicht nur die Tour durch die zu Recht prominente Samariaschlucht bietet sich an, zahlreiche Routen führen durchs Gebirge, im Süden auch entlang der Küste – und bieten grandiose Aussichten und Einblicke in das ländliche Leben.Geführte Jeep-Touren bringen den Urlauber über unwegsame Wege hoch hinauf bis zu den Mitatas, den Hütten der Schaf- und Ziegenhirten. Das macht Spaß, bringt Adrenalinschübe und zugleich profundes Wissen – etwa über das kleine Bergdorf Theriso, in dem der Nationalheld und spätere griechische Ministerpräsident Eleftherios Venizelos die Kretische Revolution ausrief. Oder über den Epochenwechsel in den Plantagen – weg von den einst so einträglichen Orangenbäumen, hin zu angesagten Avocados, gespeist aus einem dank EU-Subventionen gestauten Wasserreservoir im Gebirge.  Von Chora Sfakion aus, einem anderthalb Autostunden entfernten Hafendorf am Libyschen Mehr, lässt sich die Südküste der Insel mit ihren vom Land aus höchstens zu Fuß erreichbaren Buchten bequem und eindrucksvoll per Boot erkunden. Türkisblaues, kristallklares Wasser lädt zum abkühlenden Sprung ein. Wer bleiben möchte: Das hübsche Hafendörfchen Loutro bietet Kost und Logis.

Die Aussicht auf einen unbeschwerten Besuch in Chania und Umgebung ist nur einer von unzähligen Gründen, die Coronapandemie schnell in den Wind schlagen zu wollen.

  • Chania: Die frühere Inselhauptstadt Kretas (bis 1971) mit ihrem lebendigen Zentrum rund um den venezianischen Hafen hat 54 000 Einwohner und empfiehlt sich als idealer Ausgangspunkt zum Erkunden des westlichen Inselteils.
  • Anreise: Der Flughafen Chania (CHQ), 12 km vom Stadtzentrum entfernt, wird von Chartermaschinen direkt angeflogen. Enger getaktete Linienverbindungen ab Düsseldorf und Frankfurt bietet die griechische Airline Aegean mit Umstieg in Athen an – https://de.aegeanair.com
  • Unterkunft: Wer Wert darauf legt, schnell ins Stadtleben eintauchen zu können, ist im Vier-Sterne-Hotel Kydon direkt neben der Markthalle gut aufgehoben. – www.kydonhotel.com
  • Ausflüge: Das Hinterland Chanias lässt sich zu Fuß und per Auto erkunden, spektakulärer ist es mit dem dem Jeep (www.unchartedescapes.com – hier am besten nach individuellen Touren erkundigen); die Weißen Berge laden zum Wandern ein – der „Klassiker“ ist die Tour durch die beeindruckende Samariaschlucht (als Tagesausflug buchbar); herrliche Buchten mit türkisblauem Wasser an der Südküste lassen sich oftmals nur zu Fuß oder per Boot ab Chora Sfakion erreichen (notosmare.com/boat-trips).
  • Infos: www.discovergreece.com/de
Autor:

Jan Schäfer (Redakteur) aus Siegen

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