Irland ist reich an Geschichte und Geschichten
Cromwells „Vermächtnis“ im verlorenen Tal

Dramatische Szenen spielen sich immer wieder am Himmel über Irland ab - wie hier beim Ballycroy Nationalpark im County Mayo.
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  • Dramatische Szenen spielen sich immer wieder am Himmel über Irland ab - wie hier beim Ballycroy Nationalpark im County Mayo.
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nja  Mayo.  Oreo und Benjamin heißen die Besuchergruppe am Ende einer holperigen und kurvenreichen Anreise über ein Sträßchen, das eigentlich keinen Gegenverkehr duldet, mit einem freundlich geblökten „Mäh“ willkommen. „Sie glauben, sie seien Hunde“, erzählt Gastgeber Gerard Bourke mit einem Augenzwinkern, als die beiden Lämmer sich wie selbstverständlich der Gruppe anschließen, um im Lost Valley drei Stunden lang irische Geschichte zu erwandern, die zugleich auch Bourkesche Familienhistorie ist – und tief berührt.
Hier, gefühlt am Ende der Welt im Westen Irlands, wir befinden uns im County Mayo nahe Louisburgh, haben Landwirt Gerard Bourke und seine Frau Maureen 2015 eine Art Heimatmuseum eröffnet, das vom Leben der Menschen auf diesem eigentlich unwirtlichen Flecken Erde direkt am Atlantik erzählt: Im „Lost Valley of Uggool“ lebten bereits sieben Bourke-Generationen. Gerard war es, der 1989 eigenhändig das erste Sträßchen dorthin baute und damit mühsame und sicherlich nicht immer ungefährliche Fußwege zur Geschichte werden ließ.
Oliver Cromwells Politik der Enteignung der irischen Bevölkerung bzw. ihrer Vertreibung in die armen, kargen Regionen des Westens (verbrieft ist sein Zitat: „To hell or to Connacht“ – „Zur Hölle oder nach Connacht“) im 17. Jahrhundert ging einer fürchterlichen humanitären Katastrophe voraus. Die Kartoffelfäule Mitte des 19. Jahrhunderts kostete in Irland rund einer Million Menschen das Leben, führte zu einer großen Auswanderungswelle und ist unter dem Begriff „The Great Famine“ – die große Hungersnot – in die Annalen eingegangen.  Bis heute im kollektiven Gedächtnis geblieben: Selbst in der schlimmsten Hungersnot wurden große Mengen an Nahrungsmitteln von Irland nach England verschifft.

Beeindruckend:  "Lost Valley"

Im Lost Valley, wo Bourkes sich neben ihrem „Freilichtmuseum“ auch noch um 500 Schafe kümmern, sind noch heute Kartoffelfelder erkennbar, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts unberührt sind. Die Steincottages, in denen die Menschen damals lebten, sind verfallen, Ruinen aber stehen noch – und im Cottage, in dem Gerards Vater das Licht der Welt erblickte, ist nur scheinbar die Zeit stehen geblieben: Es wurde in den damaligen Zustand zurückversetzt. Die Überreste geben heute Zeugnis ab von der Härte des Lebens – und vom Willen zum Überleben. Kartoffeln und Torf, so erzählt Gerard Bourke während des sehr bewegenden dreistündigen Rundgangs, sicherten bis zur Kartoffelfäule das Überleben: „Land was life“( www.thelostvalley.ie).

Mayo: fern des Massentourismus

Es sind Begegnungen wie diese, aber auch die nahezu unberührten Landschaften fernab der großen Tourismusströme, wie sie neben Dublin z. B. auch auf den südlicheren Halbinseln Kerry und Dingle anzutreffen sind, die das County Mayo als Urlaubsdestination auszeichnen. Seit Anfang Juni ist der Westen der Republik mit einem neuen Flug erreichbar: Ryanair steuert den kleinen Regional-Airport Knock zweimal die Woche an – samstags und dienstags. Wie es dazu kam, dass gewissermaßen „in the middle of nowhere“ ein Regionalflughafen entstand – auch dies ist ein nicht alltägliches Kapitel irischer Geschichte. 1980 fand der erste Spatenstich statt, sechs Jahre später wurde er unter dem Namen Horan International Airport eröffnet.

Marienerscheinung führte zu Knock-Airport

Der Priester James Horan hatte den Stein ins Rollen gebracht, denn: Am Abend des 21. August 1879 sollen die Jungfrau Maria, Josef sowie der Evangelist Johannes am Giebel der Johannes dem Täufer geweihten Kirche von Knock insgesamt 15 Personen erschienen sein – zwei Stunden lang, im in Irland nicht untypischen strömenden Regen, wobei der Legende nach weder Giebel noch die Stelle auf dem Boden, über der die Erscheinung stattfand, nass geworden seien. Pilgerströme setzten ein; 1963 entstand auf Horans Betreiben hin eine Wallfahrtskirche, die bis zu 10 000 Gläubige beherbergen kann. Knock wird seither in einem Atemzug mit Fatima und Lourdes genannt.

Der  "Wild Altlantic Way"

Die Küste ist touristisch über den „Wild Atlantic Way“, eine 2500 km lange Straße, erschlossen, in Mayo locken ferner der „Great Western Greenway“ (eine 41 km lange Gelände-Radstrecke, die an der früheren Eisenbahnstrecke Westport-Achill entlangführt) und der Ballycroy Nationalpark – mit 117,79 Quadratkilometern eines der größten Regenmoore Europas (www.ballycroynationalpark.ie) – zum Erkunden per Pedale oder Pedes.
Nachdem die Whiskeyproduktion in Irland Jahrzehnte lang zum Erliegen gekommen war, sprießen seit 2012 immer neue Destillerien aus dem Boden – so 2015 auch in Mayo, wo der erste Tropfen der Connacht-Distillery gegen Ende des Jahres seine finale Reife erreicht haben wird. Während die Konkurrenz aus Schottland ihrem Whisky drei Jahre Entwicklungszeit gönnt, sind es in Irland „drei Jahre und ein Tag“, erläuterte Eoin Duffy während eines Rundgangs durch die Stätte, in der das „Wasser des Lebens“ destilliert und dann in Eichenfässern gelagert wird (www.connachtwhiskey.com). Der irischstämmige Amerikaner P. J. Stapleton kam bei einer Visite in der Heimat seiner Vorfahren mit Cousins ins Gespräch: Der Gedanke, in Mayo nach über 100 Jahren endlich wieder und gemeinsam Whiskey herzustellen, war geboren. Noch in diesem Jahr steht wohl die erste Flaschenabfüllung an.

Blacksod-Leuchtturm und der D-Day

Neue und ältere Geschichte beschert ein Ausflug auf die Belmullet-Halbinsel im äußersten Westen Mayos. Ein Beispiel jüngeren Datums: Aus dem Blacksod Lighthouse wurde im Juni vor 75 Jahren telefonisch jene wohl schicksalhafte Wettervorhersage übermittelt, die General Eisenhower überzeugte, den Tag der Invasion – als D-Day in die Geschichtsbücher eingegangen – um 24 Stunden zu verschieben und so ein militärisches Desaster zu vermeiden. Und auch die Legende um die Lokalheilige Deirbhile lebt hier weiter – Heilquelle und Kirchlein sind Pilgerstätten geworden.

Eine Volksheldin: Grace O'Malley

Irland ist reich an Geschichte und Geschichten – Schlösser und Ruinen geben Zeugnis von Ersterem, die unzähligen Pubs bieten das passende Ambiente für Letzteres. Zwei Beispiele aus dem County Mayo: Rockfleet Castle am Nordufer der Clew Bay ist ein 18 Meter hohes, viereckiges, wehrturmartiges Gebäude aus Stein aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, in dem die legendäre irische Piratin Grace O’Malley gelebt hat. Belleek Castle, erbaut zwische 1825 und 1831 nahe Ballina, beherbergt nach einer bewegten Geschichte (u. a. wurde es Mitte des vergangenen Jahrhunderts als Krankenhaus und Militärbaracke genutzt) mittlerweile ein Hotel – samt denkwürdiger Ausstellung im Kellergeschoss.
Marshall Doran, ein passionierter Sammler nicht nur von Fossilien und mittelalterlichen Waffen, erwarb die Immobilie 1961, restaurierte sie und eröffnete das Hotel 1970. Seine Sammelleidenschaft kann heute noch besichtigt werden, eine Führung z. B. unter Leitung seines Sohns Paul ist ein Erlebnis der spezielleren Art. Was beide Schlösser verbindet? Paul Doran freut sich, das Bett beherbergen zu dürfen, in dem Grace O’Malley sich einst von ihren maritimen Raubzügen erholte. Die Herkunft der Lagerstätte scheint verbrieft zu sein.
Und doch sind es während der SZ-Tour durch den Westen der Republik, unterstützt übrigens von Tourism Ireland, immer wieder Iren, die den amerikanischen Autor Mark Twain mit folgenden Worten zitieren: „Never let the truth get in the way of a good story“. Anja Bieler-Barth

Autor:

Anja Bieler-Barth (Redakteurin) aus Siegen

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