SZ

Karibische Entschleunigung auf St. Martin
Jetzt aber mal langsam

Petit Plage: Der kleine Strand von Grand-Case ist eine von zahlreichen Traumkulissen auf der Insel. Im Hintergrund erkennbar: Die zum UK gehörende Insel Anguilla.
38Bilder
  • Petit Plage: Der kleine Strand von Grand-Case ist eine von zahlreichen Traumkulissen auf der Insel. Im Hintergrund erkennbar: Die zum UK gehörende Insel Anguilla.
  • Foto: Jan Schäfer
  • hochgeladen von Jan Schäfer (Redakteur)

js St. Martin. Die Menschen auf St. Martin lassen sich nicht in ihrem Tempo beschleunigen. „Wer kommt, muss verlangsamen“, sagt Angie Soeffker, und sie spricht aus Erfahrung. Genau darauf hat sich auch die 55-jährige Hamburgerin eingelassen. 2015 kam sie mit ihrer Familie nach St. Martin, ohne die überschaubare Karibikinsel jemals zuvor besucht zu haben. Haus und Job ließ sie zurück, so wie den Rest ihres alten Lebens.

Mutig? Ach was! „Vielleicht ein bisschen verrückt“, lacht sie, „das Risiko war ja nicht groß.“ Trotz 7300 Kilometern Entfernung zur Heimat blieb die Familie schließlich in Europa. Der Norden der von zwei Ländern geteilten Antilleninsel gehört zu Frankreich, ist westlichster Punkt der EU. Gezahlt wird mit dem Euro, gern mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

js St. Martin. Die Menschen auf St. Martin lassen sich nicht in ihrem Tempo beschleunigen. „Wer kommt, muss verlangsamen“, sagt Angie Soeffker, und sie spricht aus Erfahrung. Genau darauf hat sich auch die 55-jährige Hamburgerin eingelassen. 2015 kam sie mit ihrer Familie nach St. Martin, ohne die überschaubare Karibikinsel jemals zuvor besucht zu haben. Haus und Job ließ sie zurück, so wie den Rest ihres alten Lebens.

Mutig? Ach was! „Vielleicht ein bisschen verrückt“, lacht sie, „das Risiko war ja nicht groß.“ Trotz 7300 Kilometern Entfernung zur Heimat blieb die Familie schließlich in Europa. Der Norden der von zwei Ländern geteilten Antilleninsel gehört zu Frankreich, ist westlichster Punkt der EU. Gezahlt wird mit dem Euro, gern mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Das stets wohltemperierte Klima wirkt aufs Gemüt.

Soeffker ist geblieben, und nicht nur sie: Die 73 000 Insulaner gehören rund 120 unterschiedlichen Nationalitäten an. Etwas weniger als die Hälfte lebt auf dem größeren französischen Teil, die anderen im Süden der Insel, der autonomes Land ist und zum Königreich der Niederlande gehört. Gesprochen wird ein Sprachenmix – in erster Linie Englisch und Französisch. Zurechtkommen fällt nicht schwer.

Die kleinste von in zwei Staatsgebiete aufgeteilte Insel der Welt: Die Grenze zwischen der niederländischen und der französischen Seite (Teil der EU) ist aber kein Hindernis.
  • Die kleinste von in zwei Staatsgebiete aufgeteilte Insel der Welt: Die Grenze zwischen der niederländischen und der französischen Seite (Teil der EU) ist aber kein Hindernis.
  • Foto: Jan Schäfer
  • hochgeladen von Jan Schäfer (Redakteur)

Eine Insel, zwei Länder

Sint Maarten, der Süden, kommt trubelig daher, mit seinem Flughafen samt dem Maho Beach am Ende der Einflugschneise, mit Kreuzfahrtterminal, verdichteter Bauweise und dem fröhlich bunten Casinostädtchen Philipsburg ist er das mondäne Empfangsportal der Insel. Beschaulicher ist da schon der dünner besiedelte Nordteil, die sogenannte French Side, also französische Seite. Amerikaner, die das Gros der Besucher ausmachen, prägen den niederländischen Teil, lieben aber den Norden besonders für seine kulinarischen Kleinode.

Marigot ist die Hauptstadt des französischen Inselteils. Auf dem Hügel über der Marina thront das Fort Luis.
  • Marigot ist die Hauptstadt des französischen Inselteils. Auf dem Hügel über der Marina thront das Fort Luis.
  • Foto: Jan Schäfer
  • hochgeladen von Jan Schäfer (Redakteur)

Französische Seite das kulinarische Zentrum

Fast-Food-Ketten sucht man vergebens, gastronomische Vielfalt ist angesagt – von den Ablegern französischer Sternerestaurants bis hin zu bodenständiger kreolischer Kost in den fröhlichen Lolos mit Meerblick. Diese inseltypischen Gaststätten voller (Lokal-)Kolorit reihen sich insbesondere in Marigot und Grand-Case gesellig aneinander. Der Ruf als kulinarisches Zentrum der Karibik eilt St. Martin voraus, mit einem neuen Festival soll dieser von nun an jährlich im November verfestigt werden.

Der Hummer sieht hier anders aus als in Nordamerika, ist aber ebenfalls eine Delikatesse.
  • Der Hummer sieht hier anders aus als in Nordamerika, ist aber ebenfalls eine Delikatesse.
  • Foto: Jan Schäfer
  • hochgeladen von Jan Schäfer (Redakteur)

Eine Speise gehört stets dazu: Der Johnny Cake, ob pur, süß oder herzhaft gefüllt, ist immer zu haben. Das einfache und haltbare Gebäck, das nie fehlen durfte, wenn die St. Martinois aufs Meer fuhren oder Besuch vom nahe gelegenen britischen Anguilla anrückte, ist vielseitiges und nahrhaftes Nationalgericht. Journey Cake (Reisekuchen) gilt daher als wahrscheinlicher Namensursprung.

Hurrikan Irma hinterlässt Spuren

Von Corona ist in diesem Frühling kaum etwas zu merken auf St. Martin. Die Infektionszahlen sind gering, das Leben an der frischen Luft lässt das Virus rasch in Vergessenheit geraten. Natürlich hat auch die Antilleninsel gelitten unter der Pandemie. Die Reisenden hätten kommen dürfen, blieben aber fern. Und das ausgerechnet in einer Zeit, als es nach Irma endlich wieder aufwärts gehen sollte. Der Hurrikan, der das Eiland im September 2017 mit voller Wucht traf, hat seine Spuren hinterlassen – in den Menschen und an Gebäuden.

Nach wie vor sind Schäden sichtbar, der Wiederaufbau ist unvollendet. Die Inselbewohner haben aus der Not eine Tugend gemacht und Wände und Mauern mit Street Art versehen: Die kunstvollen Murals sind farbenfroh leuchtende Hoffnungsschimmer. Auch Menschen von der Insel kommen hier zu Ehren. „Das hätte man schon viel früher machen sollen“, findet Lady Ruby Bute. Die Inselkünstlerin, die sich sowohl mit Gemälden als auch Gedichten einen Namen gemacht hat, kennt einige der Street-Artisten persönlich, hat sie unterrichtet. Die knalligen Farben der Karibik prägen auch das Werk der 79-Jährigen, die ihrer Kreativität auf einem Landsitz unter einem beeindrucken den Kapokbaum freien Lauf lässt. „Als ich den Baum sah, wusste ich: Das ist der Platz für mich.“ Ihre hölzerne Muse ist für sie eindeutig weiblich: Ruby Bute spricht von „ihr“, wenn sie liebevoll über den Baum redet, der Namensgeber für ihre Silk Cotton Grove Art Gallery in Marigot ist.

Künstlerin Ruby Bute setzt die Insel ins Bild: In Zeichnungen, Gemälden und Gedichten.
  • Künstlerin Ruby Bute setzt die Insel ins Bild: In Zeichnungen, Gemälden und Gedichten.
  • Foto: Jan Schäfer
  • hochgeladen von Jan Schäfer (Redakteur)

Mit großer Produktivität hat die stolze Frau ihren Lebensunterhalt stets selbst bestritten, als alleinerziehende Mutter. Als erste Frau überhaupt veröffentlichte sie auf St. Martin ein Buch. Ihre Gemälde fanden Anklang bis Europa. Die niederländische Ex-Königin Beatrix hat sie ausgezeichnet, daran denkt sie gern zurück. Eines ihrer Werke, über die Folgen von Irma, wurde in Regierungsgebäuden von Den Haag ausgestellt.

So weit würde Jah Bash auf keinen Fall gehen – in seinen philosophischen Exkursen vielleicht, aber eben nicht physisch. Der 64-jährige Rastafari lebt seit Jahren auf einer kleinen Farm in den Hügeln von St. Martin. Eine Schule hat er nur zwei Jahre lang besucht, alles Wesentliche fürs Leben hat er sich als Autodidakt angeeignet, Mutter Natur ist seine Lehrerin. „Mein Garten spricht eine universelle Sprache“, sagt Bash, der nach eigener Auffassung zu viel Energie abgibt für ein soziales Miteinander und daher das Eremitendasein bevorzugt.

Rastafari Jah Bash betreibt eine Biofarm in den Hügeln von St. Martin.
  • Rastafari Jah Bash betreibt eine Biofarm in den Hügeln von St. Martin.
  • Foto: Jan Schäfer
  • hochgeladen von Jan Schäfer (Redakteur)

Einsam fühlt er sich nicht, er ist sogar verheiratet. Seine Frau indes lebt im Dorf. Die Farm verlässt Jah Bash nie, er wüsste nicht warum. Geld verdient er mit dem Verkauf seiner lokalen Bioprodukte und von Obst und Gemüse. Gegen jedes Leiden ist ein Kraut gewachsen in seiner grünen Oase, so Bash.

Auf dem Wasser ist's am schönsten

Wer St. Martin einen Besuch abstattet, sollte seefest sein. Sowohl auf der Atlantikseite als auch der Karibikküste wartet die Insel mit atemberaubenden Stränden an türkisfarbenen Buchten auf. Allesamt sind öffentlich zugänglich, manche direkt von den Hotels aus, andere sind nur zu Fuß erreichbar. Oder eben per Boot: Ob mit dem Katamaran oder kräftigem Außenborder, ein Tag auf dem Wasser darf nicht fehlen.

Das ist Karibik pur: türkise Buchten und Katamarane.

"Burn-out kennt hier niemand"

Vetea Kerdraon, auch „Captain V“ genannt, gehört zu den Insulanern, die dafür und davon leben. Der 24-Jährige mit dem polynesischen Namen kurvt das Privatboot des elterlichen Betriebs „Blue Pelican“ meisterhaft durch die Wellen, bringt seine Passagiere zu den herrlichsten Buchten und Schnorchelspots – etwa zu den naturbelassenen Inselchen Tintamarre und Pinel, die atemberaubende Blicke auf St. Martin bieten. Angie Soeffker ist mit an Bord. Unter dem Label „Zauber der Karibik“ begleitet sie Touristen über die am Martinstag 1493 von Kolumbus erspähte Insel, berichtet von Land und Leuten, weiß von Besonderheiten, aber auch Schrulligkeiten zu berichten. „Burn-out kennt hier niemand“, spielt sie auf das ganz eigene Tempo der Insulaner an. Runterkommen von der mitteleuropäischen Hektik, das ist ihr gelungen. Ein Jahr habe sie dafür gebraucht.

Wandere 2015 nach St. Martin aus: Angie Soeffker.

Die Langsamkeit und Gelassenheit hätten ihren eigenen Charme, den sie nicht mehr missen möchte. „Man muss allerdings immer frühzeitig los“, räumt sie ein. Selbst wenn sie mit einer Gästegruppe unterwegs sei, müsse sie Bekannten die gebührende Aufmerksamkeit schenken, wenn sie ihren Weg kreuzten. Mit einem „Hallo“ sei es da nicht getan. „Man schenkt sich gegenseitig Zeit.“ Egal, ob sich dadurch ein Stau bildet auf der Straße. Gehupt wird dabei durchaus. Aber nur zum Gruß und Dank. Man kennt sich, man sieht sich.

St. Martin

  • Aktuelle Situation: Alle Reisenden müssen vorab online eine Gesundheitserklärung ausfüllen. Ungeimpfte müssen zudem einen negativen PCR-Test vorlegen (www.vacationstmaarten.com).
  • Anreise: Ein Visum ist nicht erforderlich, zur Einreise ist aber ein Reisepass nötig, da der Flughafen im Inselsüden und damit nicht im Schengenraum liegt. Es gibt (noch) keine Direktflüge aus Deutschland. Die besten Verbindungen gehen über Amsterdam oder Paris. Die Flugzeit von dort beträgt etwa neun Stunden.
  • Beste Reisezeit: Durch die Äquatornähe ist das Klima beinahe gleichbleibend auf St. Martin. Die maximalen Temperaturen liegen das gesamte Jahr über bei etwa 27 bis 30 Grad. Hauptsaison ist zwischen November und Ostern. Ab Juni beginnt die Hurrikanzeit, die im September ihren Höhepunkt erreicht.
  • Attraktionen: Bootstouren zu den schönsten Stellen rund um die Insel und zu den Nachbarinseln Anguilla und St. Barth bietet etwa Blue Pelican Boat Charter an (bluepelicancharter.com).
  • Weitere Informationen gibt es unterwww.st-martin.org und www.festival-st-martin.com.
Autor:

Jan Schäfer (Redakteur) aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

15 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige

Anzeigen in der Siegener Zeitung
Anzeigen einfach online aufgeben

Egal ob privat oder gewerblich: Mit der Online-Anzeigenannahme der Siegener Zeitung können Kunden ihre Anzeige schnell und unkompliziert über das Internet aufgeben. Die Online-Anzeigenaufgabe bietet ein breites Spektrum an Gestaltungsmöglichkeiten und verschiedene Buchungsoptionen. Viele Kategorien und Muster für AnzeigenWählen Sie die gewünschte Kategorie und ein Anzeigenmuster, gestalten Sie Ihre eigene Anzeige und buchen Sie in der gewünschten Rubrik. Als registrierter Benutzer können Sie...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.