Lesbos: Kein Ort für Massentourismus
Sapphos Erben bewahren die Ruhe

Authentische Szene aus dem Inselleben: Der alte Fischer und seine Frau im Hafen von Skala Kallonis wirken beim abendlichen "Netzwerken" wie aus der Zeit gefallen.
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  • Authentische Szene aus dem Inselleben: Der alte Fischer und seine Frau im Hafen von Skala Kallonis wirken beim abendlichen "Netzwerken" wie aus der Zeit gefallen.
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js Mytilini. Schlagzeilen hat Lesbos in jüngster Vergangenheit immer wieder gemacht. Nicht zum ersten Mal in ihrer jahrtausendealten Geschichte wurde Griechenlands drittgrößter Insel die geografische Lage zum Verhängnis. Nur ein Steinwurf trennt sie von der Küste Kleinasiens, wenige Kilometer Meer machen hier die EU-Außengrenze zur Türkei aus. Mit voller Wucht traf die Flüchtlingswelle das beschauliche Eiland vor vier Jahren, machte es zum Ziel unzähliger Boote und damit zu einer Transitzone für Hunderttausende verzweifelter Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, in der Hoffnung auf eine sichere oder schlichtweg bessere Zukunft in der Fremde.

Flüchtlingskrise bestimmt die Schlagzeilen

Bis heute sind es vor allem die Bilder aus dem überfüllten Camp von Moria, die Lesbos in die Medien bringen. Eine tonnenschwere Last liegt auf der Insel, die sie alleine gar nicht tragen kann. „Die Verantwortung liegt aber an höherer Stelle“, betont Angeliki Sarantinou, Regionalrätin für Tourismus. Athen sei gefragt, ebenso Brüssel. Die Folgen für Lesbos waren hart: Von einem Jahr aufs andere brachen die Buchungen um etwa 70 Prozent ein. Das war schwer zu verkraften für eine Gesellschaft, die ohnehin unter der landesweiten Wirtschaftskrise ächzt. Der Tourismus in der Ägäis erholt sich, in Lesbos indes hinken die Zahlen hinterher.

"Mikrogalerie Griechenlands"

Aphrodite Vati hat es mehrfach in die internationale Presse geschafft. Die fröhliche Hotelchefin aus Molyvos ist Sprecherin des örtlichen Tourismusverbands und erlebte die Ankunft der ersten Flüchtlingsboote hautnah. Gesprochen hat sie schon oft über diese dramatischen Tage, Wochen und Monate. Viel zu oft für ihren Geschmack. Heute sehnt sich die 45-Jährige einen Themenwechsel herbei. Die Zeiten, in denen das Leben der Lesbier um die Flüchtlingsfrage kreiste, seien vorüber. Der Blick müsse wieder auf das gelenkt werden, was ihre Insel eigentlich ausmache. „Wir haben so viel zu bieten!“
Die Vielfalt der Insel ist es auch, die Elsa Egglezopoulou besonders schätzt. Die gebürtige Norddeutsche kam vor drei Jahrzehnten nach Mytilini, der Liebe wegen ist sie geblieben. Lesbos sei wie eine „Mikrogalerie Griechenlands“, sagt die Touristenführerin, die in ihrer Freizeit als Vorsitzende eines Wandervereins am liebsten stundenlang in der Natur unterwegs ist. Ausgesprochen vielseitig sei die Insel, langweilig werde sie nie.

Kein großer Trubel

In der Tat: Wer nicht gerade auf der Suche ist nach dem großen Trubel, der findet hier jede Menge. Ausgesprochen munter geht es in Mytilini zu. Der Sitz der Umweltwissenschaftlichen Fakultät der Universität der Ägäis präsentiert sich als lebendige Studentenstadt mit unzähligen Tavernen, hippen Bars und Cafés.
Das touristische Zentrum indes liegt im Norden von Lesbos: Molyvos, das antike Mythimna, ist ein bildschönes Städtchen, dessen inseltypische Steinhäuser mit ihren roten Dächern sich an den Hang rund um die Burg schmiegen. Hier hat der moderne Fremdenverkehr in den Sechzigern Einzug gehalten auf der Insel, überrannt hat er sie bis heute nicht. Dazu hat auch die zurückhaltende Architektur beigetragen: Selbst die Hotels müssen sich an die klaren Bauvorschriften halten, dürfen nur zweistöckige Gebäude errichten. Auch im Nachbarörtchen Petra findet der Urlauber so etwas wie eine kleine „Touri-Meile“. Verglichen mit weitaus prominenteren Zielen Griechenlands ist ihre Ausprägung aber mehr als harmlos.

Ouzo-Hauptstadt Plomari

Plomari im Süden, einst prosperierende Hafen- und Industriestadt zu Füßen des 968 Meter hohen Olymp, kommt mit einem rauen Charme daher. Auch wenn die in einem liebevollen Museum nachgezeichneten Zeiten der Seifenherstellung vorüber sind, spielen Olivenprodukte – die Haine bestehen inselweit aus 11 Mill. Bäumen – hier weiterhin eine tragende Rolle für die Einwohner. Nicht weniger wichtig ist der Ouzo aus Plomari, der weltweit einen ausgezeichneten Ruf genießt und dem Örtchen den Beinamen „Hauptstadt des Ouzo“ eingebracht hat. Ohnehin ist Lesbos ein wichtiger Produktionsstandort für das griechische Nationalgetränk – nirgendwo in Griechenland wird so viel Anisschnaps destilliert wie hier.

Vulkanische Ursprünge erkunden

Während der Osten der von zwei binnenseegleichen Golfen zerteilten Insel vom grünen Band eines dichten Pinienwalds bestimmt wird, zeigt sich der Westen weitaus schroffer und karger. Hier wird der vulkanische Ursprung von Lesbos offenbar. Sigri, ein schmuckes Hafendorf ganz am „Ende“ der Insel, bietet neben seiner Ruhe und Gelassenheit spannende Einblicke in die Geologie der Ägäis. Rund 20 Millionen Jahre sind vergangen, seitdem an dieser Stelle ein gigantischer Wald aus Mammutbäumen stand. Ein Vulkanausbruch brachte die bis zu 100 Meter hohen Sequoias zu Fall, begrub sie unter Asche und konservierte sie für die Nachwelt. Erosion sorgte dafür, dass der nunmehr versteinerte Wald inzwischen wieder an die Oberfläche getreten ist.

Geopark Lesbos

Wurzeln, Stämme, dicke Äste – faszinierend sind die vorgeschichtlichen Exponate, die Restauratoren wie Elena Kouniarelli für die staunenden Besucher im Hier und Jetzt aufarbeiten. Nicht umsonst ist Lesbos als ausgewiesener Geopark Teil eines globalen UNESCO-Netzwerks. Das sehenswerte Naturkundemuseum von Sigri veranschaulicht die Bedeutung der fossilen Funde und verortet sie im erdgeschichtlichen Kontext.

Heimat von Sappho und Theophrastos

Mit einem mehr als 2 Kilometer langen Sandstrand hat sich Eressos als leicht alternativer Ferienort einen Namen gemacht. Die Geschichte des Dorfes geht bis ins 11. Jahrhundert vor Christus zurück, zwei prominente Kinder stechen daraus hervor: Philosoph und „Vater der Botanik“ Theophrastos (4. Jh. v. Chr.) sowie Sappho (7. bis 6. Jh. v. Chr.), Platos zehnte Muse und bedeutende Dichterin der Antike. Nicht viel ist bekannt über das Leben der Adeligen, ein Kapitel ihrer Biografie indes hat den Wortschatz zahlreicher Sprachen beeinflusst: Als Lehrmeisterin höherer Töchter war sie ihren Schülerinnen eng verbunden. Die Zuneigung zu ihnen drückte sie in ihrer Lyrik aus – ob diese rein platonischer oder auch erotischer Natur war, ist umstritten; der Begriff der „lesbischen“ Liebe indes geht auf Sappho zurück. Die Rolle der Frau spielt ohnehin eine wichtige Rolle auf der Insel, nicht zuletzt in der Erbfolge: Traditionell werden hier die Häuser nicht an die Söhne, sondern an die Töchter vererbt – eine Besonderheit im ansonsten eher patriarchisch geprägten Griechenland.

Wandern, Rad fahren, Vögel beobachten

Doch bei aller Liebe und Wortkunst, der größte Schatz der Insel sind ihre Naturschönheiten. 250 Kilometer Wanderwege sind ausgezeichnet, Mountainbiking ist voll im Trend. Vogelbeobachter haben den Golf von Kalloni längst als Top-Adresse erkannt; Flamingos, Schwarzstörche und andere seltene Arten bevölkern Salinen und Sümpfe. Nicht nur Sappho hatte allen Grund zu schwärmen.

Urlaub auf Lesbos

  • Anreise: Derzeit gibt es keine direkte Flugverbindung von Deutschland nach Lesbos. Aegean Airlines bietet Flüge von Düsseldorf oder Frankfurt nach Athen und Thessaloniki an. Von dort gibt es Anschlussflüge nach Mytilini.
  • Unterkunft: Große Hotelburgen? Fehlanzeige! Als flughafennaher Insel-Einstieg eignet sich das Elysion Hotel. Individuell kommt das stadtnahe Boutiquehotel Pyrgos of Mytilene daher. Das Aphrodite Hotel bei Molyvos liegt in einer ruhigen Strandbucht. Luxuriösen Familienurlaub verspricht das Hotel Ouzo Villas in Plomari  im Inselsüden. 
  • Nicht verpassen: das Naturkundemuseum und den versteinerten Wald von Sigri besuchen, einen Ouzo in Plomari verkosten, durch die Gassen von Molyvos bummeln, ins rege Nachtleben von Mytilini mit seinen Bars und Cafés eintauchen, Flamingos am Golf von Kalloni beobachten, Berge und Wälder zu Fuß oder per Mountainbike erkunden. 
  • Informationen in deutscher Sprache: www.discovergreece.com/de 
Autor:

Jan Schäfer (Redakteur) aus Siegen

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