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Phantasie- und Ziellosigkeit
Arzt übt Kritik an Corona-Maßnahmen

Neben den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie kritisiert Dr. Martin Junker auch die Organisation beim Impfstart.
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hobö Olpe. „Ich musste mir mal eine Sammlung von Wut aus dem Bauch schreiben“, begründet Dr. Martin Junker aus Olpe ein fünfseitiges Memorandum, das vollgestopft ist mit Kritik am Umgang mit der Corona-Pandemie. Im Gespräch mit der SZ bezeichnet er die Maßnahmen der „Regulierungsbehörden“ gar als „lächerlich bis sträflich“. Hierbei nimmt Dr. Junker aber explizit die Behörden vor Ort aus dem Fadenkreuz:  „Die Fehler sind nicht lokal passiert.“
Anstatt jene zu fragen, die tagtäglich mit Patienten und auch Epidemien zu tun hätten, kochten hier Bürokraten ihr eigenes Süppchen und träfen von ihren Schreibtischen aus Entscheidungen, die der Bewältigung der Pandemie nicht dienlich seien.

hobö Olpe. „Ich musste mir mal eine Sammlung von Wut aus dem Bauch schreiben“, begründet Dr. Martin Junker aus Olpe ein fünfseitiges Memorandum, das vollgestopft ist mit Kritik am Umgang mit der Corona-Pandemie. Im Gespräch mit der SZ bezeichnet er die Maßnahmen der „Regulierungsbehörden“ gar als „lächerlich bis sträflich“. Hierbei nimmt Dr. Junker aber explizit die Behörden vor Ort aus dem Fadenkreuz:  „Die Fehler sind nicht lokal passiert.“
Anstatt jene zu fragen, die tagtäglich mit Patienten und auch Epidemien zu tun hätten, kochten hier Bürokraten ihr eigenes Süppchen und träfen von ihren Schreibtischen aus Entscheidungen, die der Bewältigung der Pandemie nicht dienlich seien. „Die bisherigen Lockdown-Maßnahmen muss man durchweg als phantasie- und ziellos bezeichnen“, nimmt Junker kein Blatt vor den Mund. Der Leiter der Bezirksstelle Südwestfalen der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) betont, dass er mit der Kritik „eigentlich für alle niedergelassene Ärzte spreche“.

Corona: Impfen rettet Leben

Er sei selbst seit über 43 Jahren niedergelassener Haus- und Landarzt, Facharzt für Allgemeinmedizin – mit Zusatz Betriebsmedizin, Umweltmedizin, Gesundheitsförderung und Prävention – und dabei auch viele Jahre aktiv in einem freien Ärzteverband auf Bundes- wie europäischer Ebene. „Nun möchte ich meine persönlichen Erfahrungen zu diesem ,Jahrhundert-Problem’ festhalten“, schreibt Dr. Martin Junker in seinem Memorandum, das er auch an Landtags- und Bundestagsabgeordnete gesandt hat.
Aktuellster Kritikpunkt sind die Umstände der Impfungen zum Schutz vor Covid-19. Hier betont Junker gegenüber der SZ deutlich: „Impfen schützt und rettet Leben. Das muss obendrüber stehen.“
Die Organisation der Impfungen aber lässt Junkers Hutschnur buchstäblich hochgehen. Rechtzeitige Erstellung von Impfdokumenten und -aufklärungsschreiben, digitale Online-Erfassung der Impflinge und frühzeitiges Terminmanagement der Anmeldungen: Fehlanzeige. Dr. Junker: „Eine rechtzeitige Befähigung des Robert-Koch-Instituts (RKI), die umfangreichen und geforderten Impfdaten überhaupt verarbeiten zu können, eine nachvollziehbare und erklärbare Priorisierungsregelung – dies alles und vieles mehr hätten geholfen, den ,ruckeligen’, ja fast chaotisch zu beschreibenden Impfstart zu optimieren“, so der Mediziner.
Sicher habe bei den fehlenden Impfmengen eine Reihenfolge ausgesprochen werden müssen, so schwierig das auch sei. Aber mache es Sinn, diejenigen, die auf Intensivstationen und in Praxen die medizinische Versorgung der Hochrisiko-Patienten durchführen müssen, erst nach den Hochbetagten zu impfen? Ferner fragt Dr. Junker, der auch im Krisenstab des Kreises Olpe zu Corona mitwirkt: „Wo bleiben die Chargen-Aufkleber, die das NRW-Gesundheitsministerium liefern wollte? Wie kann es im heutigen Online-Zeitalter sein, dass sämtliche, umfangreich verlangten Impfdokumentationen per Zettel händisch erstellt werden? Ist es richtig und gewollt, dass das RKI die von der Kassenärztlichen Vereinigung abgeforderten Daten nicht mal verarbeiten kann?“
Es sei nicht die Zeit für wahlwirksam beabsichtigte Versprechungen der Politik. Die Bevölkerung werde durch verfrühte Aussagen eher verstört als dass sie hilfreich seien. Hier, so Dr. Junker, habe Bundesgesundheitsminister Jens Spahn „ein gerütteltes Maß an ,Schlaglöchern’ zu verantworten. Viele vollmundige Ankündigungen in den Medien über die Anmeldemöglichkeiten in den Impfstraßen zeigen sich als verfrüht, nicht umsetzbar oder haben gar die Notruf-Nummer 116 117 in eine gefährliche Überlastung geführt.“
Impfzuteilungsdaten habe man noch Weihnachten geändert respektive reduziert, obwohl die mobilen Impfteams dafür bereits in Gang gesetzt worden seien. Junker: „Alle zugesagten und von den ministerialen Behörden vorbehaltenen Unterlagen und Regelungen, ob von Berlin oder aus Düsseldorf, wurden durchweg wesentlich zu spät oder gar nicht geliefert und mussten stattdessen zum Teil in Nachtaktionen in den Kassenärztlichen Vereinigungen gedruckt und mit Pkw einzeln an die Pflege-Einrichtungen verschickt werden, die dann oft gar nicht so schnell die Zustimmungserklärungen der Angehörigen einholen konnten.“

Kritik an Vorgehen der Behörden in der Pandemie

Und der Arzt aus Olpe geht noch weiter: „Wenn die gesamte KVWL, die Kreise und Kommunen, die Pflegeeinrichtungen mit ihren engagierten betreuenden Ärzten und ihren medizinischen Fachangestellten, wenn die von der KV beauftragten koordinierenden Impfärzte der Impfzentren nicht so hervorragend und effektiv gearbeitet und bisher sämtliche Impfungen sicher verimpft hätten, säßen das Ministerium und die Politik in Berlin immer noch auf den verfallenen Impfdosen. Es ist eine Frechheit“, so Junker, „was den Handelnden vor Ort mit den Impfzentren in aller Eile aufgedrückt worden ist.“
Dabei hätte man nicht so in die Pandemie und die jetzige Lage hineinschlittern müssen. In Indonesien beispielsweise sei man bislang mit SARS- und Covid-Viren schneller fertiggeworden, weil man dort andere Strategien anwende. Junker hält es für sinnvoll, Mediziner aus allen Gruppen an einen Tisch zu bringen, um Erfahrungen und Wissen zusammenzutragen und Maßnahmen zu erarbeiten – aber nicht die in TV-Talkrunden „explosionsartig aufsteigenden ,Fachleute’, von denen nicht bekannt ist, ob sie jemals Patienten, geschweige denn Corona-Kranke, selbst behandelt hätten“. Dr. Junker abschließend: „Mir geht es nicht um Kritik um jeden Preis, sondern es bedarf eines Umdenkens über die bisherige starre Vorgehensweise. Dafür möchte ich einen Anstoß gegeben haben.“

Neben den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie kritisiert Dr. Martin Junker auch die Organisation beim Impfstart.
Dr. Martin Junker übt harsche Kritik an Politik und Behörden.
Autor:

Holger Böhler (Redakteur) aus Wenden

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