Beschluss für Nordrhein-Westfalen
Azubiticket kommt nun doch

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ch/sz/dpa Siegen/Olpe. Ein landesweit gültiges Azubi-Ticket soll helfen, mehr junge Leute in Nordrhein-Westfalen für eine berufliche Ausbildung auch außerhalb ihrer Wohnorte zu begeistern. Industrie, Handwerk und Gewerbe starteten am Dienstag in Düsseldorf gemeinsam mit Landesverkehrsminister Hendrik Wüst (CDU) eine Informations- und Werbekampagne für das Azubi-Ticket „NRWupgrade“.

Azubiticket kostet maximal 82 Euro pro Monat

Verfügbar ist das Zusatzticket ab dem 1. August für maximal 82 Euro je Monat; wer nur innerhalb eines einzigen Verkehrsverbunds fährt, muss maximal 62 Euro für ein Azubi-Ticket zahlen. Die Verbünde garantieren für das 20 Euro teure Zuschlagsticket Preisstabilität bis zum Jahr 2023.

Im Gegensatz zum Semesterticket, das Studenten mit dem AStA-Beitrag bezahlen müssen, ist das Ticket für Lehrlinge freiwillig – Nutzerbefragungen hätten ergeben, dass jeder zweite der rund 770 000 Studenten in NRW sein Semesterticket gar nicht nutze, berichtete Wüst. Azubis, die das neue Angebot nicht benötigten, bräuchten es nicht zu bestellen. Der Kreis der berechtigten Nutzer sei darüber hinaus auch auf Gesellen in Meisterausbildung, Beamtenanwärter bis zum mittleren Dienst und Helfer im Bundesfreiwilligendienst ausgeweitet worden.

Das Ticket sei ein kleiner Beitrag, um mit der Attraktivität der akademischen Ausbildung gleichzuziehen, sagte der Präsident des Westdeutschen Handwerkskammertags, Hans Hund. Derzeit gingen 60 Prozent der Schulabgänger in eine akademische Ausbildung. „Das ist nicht gut für Deutschland und die Wirtschaft“, betonte der Handwerkspräsident.

Das Azubiticket könne helfen, mehr junge Menschen zu einer Ausbildung in unserem Bundesland zu bewegen. Sehr großer Mangel herrsche etwa im Baubereich, sagte Hund. Regional gebe es aus vielen Landesteilen Klagerufe über den leer gefegten Azubi-Markt. Dies betreffe das Münsterland und die Emscher-Lippe-Region ebenso wie Ostwestfalen oder das Sauerland und Siegen-Wittgenstein.

Arbeitgeber können das Azubiticket steuerlich geltend machen

Arbeitgeber, die das Azubiticket bezuschussen, könnten die Zulage als Betriebsausgabe steuerlich geltend machen, sagte Wüst. Azubis müssten solche Zuschüsse – oder die komplette Übernahme der Kosten – nicht als geldwerten Vorteil versteuern. Die Jugendorganisation des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) appellierte erneut an die Unternehmer, sich an den Kosten zu beteiligen, da sie für Azubis zu hoch seien. Diesen Aufruf hatte die Jugendorganisation bereits mehrfach gestartet (die SZ berichtete).

Ob die Wirtschaft dem Appell folgen wird, wird sich zeigen. Industrie- und Handelskammer Siegen und die Kreishandwerkerschaft Westfalen-Süd hatten im Jahr 2016 auf Bitten der Kreise Siegen-Wittgenstein und Olpe Befragungen unter den ausbildenden Betrieben zum Azubiticket durchgeführt, zwecks Vorbereitung einer politischen Entscheidung in den Kreistagen, mit dem Ziel, ein eigenes, regional begrenztes Ticket einzuführen.

An der Umfrage der IHK beteiligten sich damals 282 Ausbildungsbetriebe, auf die Umfrage der Kreishandwerkerschaft hatten 44 Handwerksbetriebe reagiert. Zusammenfassend waren die Ergebnisse der Befragungen so zu interpretieren, dass die Idee eines angedachten, möglichst kostenfreien Azubi-Tickets zwar auf positive Resonanz stößt. Jedoch war nur ein Drittel der Unternehmen bereit, einen eigenen Beitrag zur Finanzierung zu leisten.

Die IHK hatte ferner danach gefragt, warum sich die Unternehmen nicht an einer Finanzierung beteiligen wollen. Danach sahen 72 Prozent der Unternehmen keinen Handlungsbedarf, weil die meisten Auszubildenden mit dem eigenen Fahrzeug zum Betrieb kommen. 47 Prozent gaben an, dass die Auszubildenden nur in geringem Maß öffentliche Verkehrsmittel nutzen würden. Ein Drittel der Betriebe gab an, dass ihr Betrieb an den ÖPNV schlecht angebunden sei – und ein knappes Drittel der Firmen zahlt seinen Lehrlingen bereits einen Zuschuss zu den Fahrtkosten.

Zudem müsse vor allem im ländlichen Raum intensiv in den öffentlichen Nahverkehr investiert werden, forderte der Jugendsekretär des DGB NRW, Eric Schley in einer Mitteilung. „Wenn keine Busse und Bahnen zum Ausbildungsbetrieb fahren, kommt das Azubiticket wie ein schlechter Treppenwitz rüber.“ Eine interessante Anmerkung mit Blick auf die vielen Busausfälle im Kreis Siegen-Wittgenstein derzeit.

Siegen-Wittgenstein hätte lokales Azubiticket alleine schultern müssen

Ebenso bemerkenswert: Mit dem jetzigen Azubiticket wird endlich eine Variante für Auszubildende eingeführt. Die bereits angerissene Einführung im Gebiet der ZWS (Zweckverband Personennahverkehr Westfalen-Süd) scheiterte vor drei Jahren. Weil der Kreis Siegen-Wittgenstein allein auf weiter Flur stand, sagte er „nein“ zum geplante Azubi-Ticket. Da der Kreis Olpe als ZWS-Partner nicht mitziehen und sich nicht an der angedachten gemeinsamen Azubi-Ticket-Finanzierung beteiligen wollte, hätte Siegen-Wittgenstein das Sonder-Tarif-Angebot alleine stemmen müssen. Im Klartext: Pro Jahr wären allein für diese freiwillige ÖPNV-Leistung rund 2,1 Mill. Euro fällig gewesen.

Das Geld hätte mit der allgemeinen Kreisumlage, sprich: von den Kommunen erbracht werden müssen. Undenkbar wie unzumutbar, sagten damals die elf Bürgermeister im Kreis Siegen-Wittgenstein, die sich – wie die Olper Amtskollegen – bereits zuvor einstimmig gegen die Einführung des Azubitickets ausgesprochen hatten.

Der Kreistag Siegen-Wittgenstein vertagte das Thema – bis es zum Jahresanfang von der schwarz-gelben Landesregierung aufgegriffen und gestern nun zum Abschluss gebracht wurde.

Mit Flyer mit dem neuen „mobil.NRW“-Logo soll kräftig die Werbetrommel für das Azubiticket gerührt werden.
Autor:

Christian Hoffmann (Redakteur) aus Siegen

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