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Intensivmediziner des Kreisklinikums im Interview
Der tägliche Kampf auf der Intensivstation

Auch im Kreisklinikum im Siegener Stadtteil Weidenau kämpfen Mediziner und Pflegepersonal täglich um Menschen, die sich mit dem Coronavirus infziert haben.
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  • Auch im Kreisklinikum im Siegener Stadtteil Weidenau kämpfen Mediziner und Pflegepersonal täglich um Menschen, die sich mit dem Coronavirus infziert haben.
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  • hochgeladen von Jan Krumnow (Redakteur)

ap Weidenau. Die schwere Automatiktür öffnet sich. Sterile Sauberkeit, die man sehen und auch riechen kann. Technisches Piepen, mechanische Arbeitsabläufe. Hier muss jeder funktionieren. Die mentalen Sorgenpäckchen lassen das Personal oft auch nach Feierabend nicht aufatmen. Das Virus begleitet sie Tag und Nacht (Schicht), es hat ein Gesicht und fordert Leben. Und es bringt selbst erfahrene Mediziner und Pfleger im Siegener Kreisklinikum an ihre Belastungsgrenzen – wie Dr. Anja Frevel, Oberärztin der Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin, Schmerztherapie und Notfallmedizin und Leiterin der interdisziplinären Intensivstation sowie Kersten Schaab, Teamleitung der Intensivstation, im SZ-Interview ganz offen erzählen.

ap Weidenau. Die schwere Automatiktür öffnet sich. Sterile Sauberkeit, die man sehen und auch riechen kann. Technisches Piepen, mechanische Arbeitsabläufe. Hier muss jeder funktionieren. Die mentalen Sorgenpäckchen lassen das Personal oft auch nach Feierabend nicht aufatmen. Das Virus begleitet sie Tag und Nacht (Schicht), es hat ein Gesicht und fordert Leben. Und es bringt selbst erfahrene Mediziner und Pfleger im Siegener Kreisklinikum an ihre Belastungsgrenzen – wie Dr. Anja Frevel, Oberärztin der Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin, Schmerztherapie und Notfallmedizin und Leiterin der interdisziplinären Intensivstation sowie Kersten Schaab, Teamleitung der Intensivstation, im SZ-Interview ganz offen erzählen.

Vorab: Wie ist die aktuelle Lage auf der Intensivstation des Kreisklinikums?

Dr. Anja Frevel: Zur Zeit haben wir sieben Patienten, die Sars-CoV-2 positiv sind und intensivmedizinisch betreut werden müssen.

Stimmt es, dass jeder zweite Corona-Patient, der beatmet werden muss, verstirbt?

Dr. Anja Frevel: Hier muss man differenzieren. Es kommt zum Beispiel darauf an, in welcher gesundheitlichen Konstitution der Patient war, bevor er auf unsere Station verlegt wird oder ob er Vorerkrankungen hatte. Auch das Alter spielt bei der Sterberate eine entscheidende Rolle. Junge Patienten müssen in der Regel kürzer behandelt werden als ältere. Eine kausale Therapie gibt es für Corona aber nach wie vor nicht.

In den Medien ist auch immer wieder die Rede von der Triage. Halten Sie eine solche Situation, über das Lebenlassen entscheiden zu müssen, auch in ihrem Krankenhaus für denkbar?
Dr. Anja Frevel: Das ist ein heikles Thema. Natürlich möchte niemand so eine Situation erleben und wir tun alles dafür, um sie zu verhindern. Prinzipiell halte ich es aber immer für denkbar, dass wir irgendwann mal in eine solche Lage kommen können, sei es durch eine Pandemie wie Covid-19 oder eine andere Naturkatastrophe.

Um das Gesundheitssystem zu entlasten, wurden bereits die ersten Impfungen durchgeführt. Können Sie eine Prognose geben, ab wann mit einem Rückgang der Fallzahlen zu rechnen ist?
Dr. Anja Frevel: Es kommt darauf an, wie viele Dosen tatsächlich vorhanden sind und verabreicht werden können. Die Impfungen entbinden uns aber nicht davon, die AHA-Regeln anzuwenden. Denn der Impfstoff schützt nach jetziger Kenntnis nicht vor der Übertragung des Virus, sondern vor einem schweren Verlauf. Ich hoffe dennoch, dass sich zum Sommer die Lage dadurch etwas entspannt haben wird.

Wie stehen Sie zu den politischen Entscheidungen der vergangenen Monate? Wurde aus Ihrer Sicht richtig gehandelt?
Dr. Anja Frevel: Ich wollte den Job eines Politikers nicht machen, da bin ich ehrlich. Ich glaube aber, sie haben in der Sache eine relativ gute Arbeit geleistet. Ich kann die Entscheidungen nur aus medizinischer Sicht sehen. Da hätte man wahrscheinlich direkt für einen Lockdown plädiert, dann hätte man die Pandemie sicher schnell im Griff gehabt. Aber das ist ja nicht realistisch.

Inwieweit hat sich Ihre Arbeit im Verlauf der Corona-Pandemie verändert?
Dr. Anja Frevel: Für uns Mediziner ist das alles auch eine ganz neue Situation. Wir sind viel Stress und Leid gewohnt. Nun kommen aber so viele andere Aspekte hinzu. Was für uns wirklich emotional unglaublich belastend ist: dass niemand zu Besuch kommen darf. Das ist nicht nur für Patienten und Angehörige schlimm, auch für uns als Personal. Das Emotionale, das sonst unterstützend wirkt, fehlt völlig. Schlimme Botschaften müssen über das Telefon überbracht werden. Wir sind die Letzten, die am Bett stehen, wenn jemand verstirbt. Und auch die Schutzkleidung ist etwas, das wir zwar kennen, aber nicht in diesem Maße.
Früher hatte man ein bis zwei isolierungspflichtige Patienten, heute betrifft das manchmal die Hälfte der Station. Ich mache meinen Job als Intensivmedizinerin seit 18 Jahren, aber das ist ein völlig anderes Arbeiten und eine Situation, die noch keiner so erlebt hat.

Corona ist für viele Menschen noch weit weg. Für Sie hat die Krankheit jedoch ein Gesicht. Ist es nicht eine unglaubliche Belastung, täglich schwerkranke Patienten zu behandeln und sterben zu sehen? Wie schaffen Sie es, die Schicksale nicht mit nach Hause zu nehmen?
Kersten Schaab: Um ehrlich zu sein, gar nicht. Auch zu Hause, sei es im Familienkreis oder durch die Presse, wird man immer wieder auf dieses Thema hingewiesen. Dadurch können wir unsere Gedanken gar nicht auf der Arbeit lassen.

Gibt es ein Schicksal, das Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist, Herr Schaab?
Kersten Schaab: Corona ist eine sehr aggressive Erkrankung mit vielen Facetten. Es kommt ganz häufig irgendwann der Punkt, an dem schlagartig der Tod naht. Es ist sehr belastend, wenn man lange um das Leben eines Patienten gekämpft hat und dann sieht, wie schnell es zu Ende geht. Für mich persönlich war der eindringlichste Moment, als ein Patient ins künstliche Koma gelegt werden musste und seine Angehörigen noch kurz vorher mit der letzten Luft, die er hatte, angerufen hat, um sich bei ihnen für unbestimmte Zeit zu verabschieden.

Ihre Arbeit ist nicht nur mental sehr belastend. Die Umlagerung der Patienten bedeutet doch sicher auch eine große körperliche Belastung, oder?
Kersten Schaab: Das Problem ist, dass wir einen Patienten nicht einfach mal eben umdrehen können. Für eine Umlagerung brauchen wir einen Arzt und zwei Pfleger. Dabei passieren mit dem Körper eines Patienten ganz unterschiedliche Dinge: der Kreislauf geht runter oder die Beatmung wird schlechter. Die Stabilisierung und Untersuchungen dauern lange. Damit ist man schon ein paar Stunden beschäftigt. Und das alles in Vollschutzkleidung. Da kommt man schon an seine Grenzen.

Solche Bilder machen betroffen. Aber dennoch gibt es einige, die Covid-19 verharmlosen und mit einem herkömmlichen Grippevirus vergleichen. Was denken Sie über solche Menschen?
Dr. Anja Frevel: Ich glaube, es wird immer Leute geben, die uneinsichtig sind. Für uns ist die Krankheit unglaublich nah, weil wir das Leid jeden Tag sehen, aber genauso gibt es andere, die noch nie einen Covid-19-Erkrankten gesehen haben. Da kann man nur an den Verstand appellieren. Aber es gibt ja auch noch eine große Masse dazwischen, die das Virus sehr ernst nimmt.

Haben Sie selbst Angst, sich mit Covid-19 zu infizieren?
Dr. Anja Frevel: Ich würde nicht sagen, dass ich Angst vor einer Corona-Erkrankung habe. Aber der nötige Respekt schwingt bei meiner Arbeit immer mit.

Auch im Kreisklinikum im Siegener Stadtteil Weidenau kämpfen Mediziner und Pflegepersonal täglich um Menschen, die sich mit dem Coronavirus infziert haben.
Dr. Anja Frevel und Kersten Schaab betonen im SZ-Interview die Belastung für das Personal.
Autor:

Alexandra Pfeifer

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