TV-Experten in Bestform

Kramer und Mertesacker: Endlich haben Delling und Netzer ihre Nachfolger

Die TV-Experten Per Mertesacker (links) und Christoph Kramer.

Die TV-Experten Per Mertesacker (links) und Christoph Kramer.

Da stehen Christoph Kramer und Per Mertesacker und singen die Nationalhymne, wie damals, vor acht Jahren in Brasilien, als sie gemeinsam Weltmeister wurden (auch wenn Innenverteidiger Mertesacker im Endspiel auf der Bank saß und Kramer nach einem Knockout fragen musste: „Schiri, ist das das Finale?“). „Brüderlich mit Herz und Hand...!“, singen Kramer und Mertesacker da Arm in Arm, gefilmt von ZDF-Moderator Jochen Breyer. Kramer hält die Hand auf dem Herzen. Es ist ein virales Hitvideo. Zwei Kerle bei dem, was sie lieben.

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Die Weltmeisterschaft ist zur Hälfte vorbei. Es gibt sehr, sehr viele Verlierer bei dieser Fußball-WM und nur ganz wenige Sieger. Die Gewinner sind gar nicht Teil einer Nationalmannschaft. Sie sind nicht einmal vor Ort in Katar. Die Gewinner der WM heißen Per Mertesacker und Christoph Kramer und sitzen als ZDF-Experten 6000 Kilometer von Doha entfernt im WM-Studio auf dem Mainzer Lerchenberg. Zwölf Jahre ist es her, dass Gerhard Delling und Günter Netzer nach zwölf Jahren als fröhlich frotzelndes Duo in der ARD die Segel strichen. Nun scheint es, als seien ihre legitimen Nachfolger endlich gefunden: Es sind Merte & Kramer.

Mertesacker und Kramer.

Mertesacker und Kramer.

Beide geben lässig hingeflezt auf das ZDF-Sofa das Bild eines perfekt ausbalancierten Bromance-Pärchens ab – brüderlich mit Herz und Hand, Sticheleien und piesakender Widerspruch inklusive. Der eine (Mertesacker) eher nüchtern-analytisch und nicht mehr als Fußballer aktiv, der andere (Kramer) eher jugendlich-offensiv und noch in Diensten von Borussia Mönchengladbach.

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„Es ist ja auch schon ein bisschen länger her, als der Per Fußball gespielt hat“

„Es ist ja auch schon ein bisschen länger her, als der Per Fußball gespielt hat“, scherzt Kramer etwa in Richtung Mertesacker. „Da war es noch nicht so wie heute, das war ein anderes Spiel! Und deshalb kann ich diese Einstellung von 2014 voll verstehen, 2014 hätte ich auch so gespielt. 2022 sieht das ein bisschen anders aus, aber das kann er nicht wissen.“ Mertesacker guckt sparsam. Aber in jedem Moment des Gespräches herrscht kein Zweifel an der Grundsympathie der beiden. Der Mertesacker, scherzt Kramer, habe ja auch „leicht reden: Er war ein großgewachsener Innenverteidiger bei Arsenal und hat das Ding da hinten mit Puls 80 runtergespielt“.

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Es ist ein schmaler Grat zwischen künstlichem Pathos und authentischem Scherzgezicke. Fernsehpersonal neigt dazu, dem Publikum auf Kosten der Glaubwürdigkeit immer mehr von dem Stoff zu liefern, der ihm gefällt – bis zum Moment des Überdrusses. Delling und Netzer haben im richtigen Moment aufgehört: dann nämlich, als ihre Sticheleien zur Masche zu werden drohten, zum erwartbaren Zank zwischen zwei Vollprofis. Kramer und Merte dagegen sind von anstrengender Künstlichkeit glücklicherweise weit entfernt. Ihr Unterhaltungswert ist hoch, ihre Sympathiewerte über jeden Zweifel erhaben, und ihre Fachkompetenz unbestritten. Es ist ein glücklicher Dreiklang für das ZDF.

Das WM-Personal des ZDF schlägt das ARD-Team

Ohnehin schlägt das ZDF mit seinem Personal die ARD bei dieser seltsamen Weltmeisterschaft um Längen. Moderator Jochen Breyer hat sich um die Aufklärung über die Absurdität der Wüsten-WM verdient gemacht. Und auch zwischen ZDF-Livereporter Oliver Schmidt und „seinem“ Vor-Ort-Experten Sandro Wagner stimmt die Chemie hörbar. Bastian Schweinsteiger dagegen steht weiterhin hölzern in der ARD herum wie ein wortkarger Buchhalter, der auf der Firmenweihnachtsfeier eine Rede halten soll. Es funktioniert einfach nicht. Immerhin wirkt er nicht mehr andauernd wie der Pressesprecher des DFB-Teams. Den (echten) Job als DFB-Mediendirektor hat jetzt ganz offiziell der frühere ARD-Sportjournalist Steffen Simon. Obwohl es natürlich ein Geschmäckle hinterlässt, wenn das einst populäre ARD-Gesicht Simon jetzt in Diensten des DFB auch mittelmäßige Spiele schönzureden gezwungen ist.

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Die FIFA Fußball-WM 2022 in der ARD – Bastian Schweinsteiger und Esther Sedlaczek präsentieren live das „Spiel des Tages“.

Die FIFA Fußball-WM 2022 in der ARD – Bastian Schweinsteiger und Esther Sedlaczek präsentieren live das „Spiel des Tages“.

Schweinsteiger müht sich sichtlich, sich nach seinem steifen Auftritt bei der Fußball-EM 2021 einen Schuss mehr Verve abzuringen. Er gestikuliert, er lacht, er urteilt etwas präziser. Aber seine Persönlichkeit gibt einfach nicht mehr Wumms her. Sein Charisma hat er auf dem Platz gelassen. Als Experte entwickelt er einfach nicht dieselbe Strahlkraft, auch nicht an der Seite von Esther Sedlaczek, die sich diesmal anstelle von Jessy Wellmer alle Mühe gibt, dem Mann an ihrer Seite verbale Pässe zuzuspielen, um ihn gut aussehen zu lassen.

Schweinsteiger, staatsmännisch silbrig schimmernd, wirkt weiterhin wie ein Mietprofi bei der Vertragserfüllung. Kramer und Merte dagegen strahlen massenhaft Bock aus. „Ich hab gerade 45 Minütchen Mittagsschlaf gemacht, ich bin richtig da!“, sagte Kramer jüngst vor dem Spiel Japan gegen Costa Rica. Und Merte pflichtete ihm bei: „Ich habe es auch geliebt, muss ich ganz ehrlich sagen. Das waren noch die Fußballerzeiten. Jetzt gibt es das nicht mehr. Mit Kindern und richtigem Arbeiten hat man da keine Zeit mehr zu.“ Das macht Spaß, wenn sich ab und zu Mertesackers alte Eistonnengnatzigkeit munter Bahn bricht. So schön zicken sonst nur Liebende. Fußball ist Entertainment. Und Entertainment lebt eben von Lust. Stattdessen schleppt sich in der ARD zum Beispiel Tom Bartels durch seine Sätze wie ein mittelalterlicher Treidler am Tau eines Transportschiffes.

Das WM-Team der Telekom (von links nach rechts): Johannes B. Kerner, WM-Moderator, Arnim Butzen, TV-Chef Telekom, Anette Sattler, Moderatorin, Tabea Kemme, TV-Expertin, Michael Ballack, WM-Experte, und Wolff Fuss, Kommentator.

Das WM-Team der Telekom (von links nach rechts): Johannes B. Kerner, WM-Moderator, Arnim Butzen, TV-Chef Telekom, Anette Sattler, Moderatorin, Tabea Kemme, TV-Expertin, Michael Ballack, WM-Experte, und Wolff Fuss, Kommentator.

Die Kumpeligkeit zwischen Merte und Kramer ist keine anachronistische, aus männerbündlerischem Corpsgeist geborene Kameradenloyalität. Sondern offenbart eine natürliche Seelenverwandtschaft. Sie wirken wie zwei Buddys beim Fußballgucken in einer Vorstadtgarage, wo kein Beziehungsgespräch mit der Freundin droht, kein Julia-Roberts-Film und kein Rucolasalat. Gleichzeitig gelingt ihnen der Spagat, diese Weltmeisterschaft mit ihrer unschönen Begleitmusik nicht blind hochzujazzen und trotzdem engagiert zu sein. Moderator Jochen Breyer bleibt da nur die Rolle des Stichwortgebers, gießt aber ab und an auch genüsslich Öl ins Feuer („Hast du‘s gemerkt? Er hat dich gelobt!“).

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Quotenmäßig freilich bleibt diese WM deutlich hinter den Zahlen früherer Turniere. Auch wenn immer mehr Zuschauer Mediatheken nutzen (die bei den Quoten nicht erfasst werden) und Magenta TV die Zuschauerzahlen geheim hält, ist sicher: Millionen Zuschauer halten sich an den angekündigten Boykott dieser WM. Auch die deutschen Spiele lagen deutlich unter den Zahlen früherer Jahre – und dafür ist die frühe Anstoßzeit etwa beim ersten Gruppenspiel gegen Japan nicht die einzige Erklärung.

Topneuzugang bei Magenta TV: Tabea Kemme

Und bei Magenta TV? Auch Johannes B. Kerner und Experte Michael Ballack sind inzwischen ein eingespieltes Team. Ballack mangelt es freilich an einer Tugend, ohne die eine Unterhaltungssendung – und auch der Sport ist am Ende Unterhaltung – kaum auskommt: Humor. So wirken die WM-Sendungen der Telekom glatter, reizärmer, irgendwie aseptisch. Gut im Training dagegen sind Starkommentator (und RND-Podcaster) Wolff Fuss – und die frühere Nationalspielerin Tabea Kemme. Kein leeres Gequatsche. Kein Schmusetext. Keine Floskeln. Auch Sportjournalist Jens Weinreich attestiert Neuzugang Kemme eine „herausragende WM-Performance“. Ein Glücksgriff für die Telekom.

Keine Zeit zum Mittagsschlaf: ZDF-WM-Experte Per Mertesacker mit Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein.

Keine Zeit zum Mittagsschlaf: ZDF-WM-Experte Per Mertesacker mit Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein.

Lange war öffentlich-rechtliches Fußballfernsehen in Deutschland ein Abklingbecken für Sportler in Altersteilzeit mit abgeschlossener Vermögensbildung, die Offensichtliches zur Kenntnis geben. Mit Prominentenbestaunung allein aber lässt sich ein Turnier nicht sinnvoll füllen. Günter Netzer war auch deshalb eine solche Ausnahmeerscheinung, weil er stets das Gefühl ausstrahlte, nichts zu verlieren zu haben. Er war angstfrei. Fast alle seine Nachfolger aber sprachen jahrelang, als fürchteten sie um Sponsorenverträge, Karrieren, Zukunftspläne.

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Die späte Rache des Medientrainings

Da rächte sich auch das Medientraining, das viele TV-Fachleute als aktive Fußballprofis absolviert hatten. Im Bemühen um Unangreifbarkeit hat man ihnen alles Charakteristische ausgetrieben. Zurück blieben aalglatte Floskelautomaten. Möglich, dass darin auch ein Vorteil der früheren Nationalspielerinnen wie Almuth Schult in der ARD und Tabea Kemme bei Magenta TV liegt: Ihr Umgang mit den Medien war deutlich weniger von Druck, Bringschuld und Erbarmungslosigkeit geprägt, weil Frauenfußball eben noch nicht dieselbe Aufmerksamkeit genießt wie die Herren. Entsprechend weniger zaudernd treten sie heute auf. Der Nachteil wird zum Vorteil.

Zuschauer wollen bitte nicht hören, was sie ohnehin selbst sehen oder wissen. Sie haben Augen. Sie können lesen und sehen. Sie wollen Mehrwert. Alles andere ist Spielverzögerung und gehört mit Gelb geahndet. Tacheles ist Mangelware im Expertengeschäft. Umso besser, das mit Kramer und Merte wieder ein stabiles Team willens und in der Lage ist, unterhaltsamen Klartext zu liefern.

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