Serienmeister Straubenhardt erstmals besiegt

Ein historischer Triumph der Siegerländer KV

Der Moment der Entscheidung: Die Athleten und Verantwortlichen der Siegerländer Kunstturn-Vereinigung sehen nach dem letzten Duell am Reck eine rote "4" aufleuchten - der 35:30-Sensationssieg gegen den Deutschen Serienmeister KTV Straubenhardt ist perfekt.

Der Moment der Entscheidung: Die Athleten und Verantwortlichen der Siegerländer Kunstturn-Vereinigung sehen nach dem letzten Duell am Reck eine rote "4" aufleuchten - der 35:30-Sensationssieg gegen den Deutschen Serienmeister KTV Straubenhardt ist perfekt.

krup Dreis-Tiefenbach. 24:51, 24:49, 20:54, 19:50, 29:42 – das sind die Ergebnisse der Siegerländer Kunstturn-Vereinigung (SKV) gegen die KTV Straubenhardt seit 2014, nachdem die SKV Ende 2013 in die 1. Bundesliga aufgestiegen war. Im Jahre 2015 gab es diesen Direktvergleich nicht, weil die Siegerländer damals in der 2. Bundesliga aktiv waren und von dort aus den sofortigen Wiederaufstieg schafften.

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Fast wie FC Bayern gegen den HSV

Eine klare Kiste also. Ungefähr wie die Fußball-Ergebnisse des Hamburger SV gegen den FC Bayern in den letzten Jahren. Naja, nicht ganz so deutlich in der Differenz, aber so ähnlich. Und dann dies: Samstagabend, 3. Oktober 2020. Die neue Saison der Kunstturn-Bundesliga startet unter erheblichen Einschränkungen. Die SKV erwartet den siebenmaligen Deutschen Meister KTV Straubenhardt nicht etwa im Kreuztaler Sportzentrum Stählerwiese, wo unter „normalen“ Bedingungen wie vor der Corona-Pandemie zweifellos 800 bis 900 Zuschauer für eine prächtige Stimmung und einen echten „Hexenkessel“ gesorgt hätten.

Nein, diesmal wird im Kunstturn-Landesleistungszentrum in Dreis-Tiefenbach geturnt. Vor einer Handvoll Augenzeugen: Kampfgericht, das Aufbauteam für den Gerätepark, zwei Fotografen der SKV und das Team von Colorsound, das den Wettkampf via Livestream auf Sportdeutschland.tv in die heimischen Wohnzimmer überträgt, fachkundig und äußerst launig kommentiert vom ehemaligen Reck-Olympiasieger Fabian Hambüchen und dem langjährigen SKV-Turner Sebastian Spies. Dazu im Versammlungsraum – durch eine dicke Glasscheibe vom Innenraum getrennt – zwei junge Damen vom Deutschen Roten Kreuz und zwei schreibende Journalisten – das war’s. Andere Zeiten, andere Begleitumstände.

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Und dann entwickelt sich in den folgenden 155 Minuten Historisches. Der 8:4-Gerätesieg der Hausherren am Boden treibt den Puls bei den Gästen aus Baden-Württemberg noch nicht in die Höhe, zumal der Favorit die beiden folgenden Geräte Seitpferd (6:4) und Ringe (10:3) für sich entscheidet. Zur Halbzeit führt Straubenhardt mit 20:15 Score-Punkten, „The same procedure as every year“ also, wie beim „Dinner for one.“ Cheerio, Miss Sophie.

In den Köpfen beginnt es zu rattern...

Aber dann: Die Siegerländer kommen wie an der Trafo-Station aufgeladen aus der Pause, distanzieren den Gast beim Sprung mit 7:1, siegen auch am Barren mit 9:5 (begünstigt von zwei schweren „Aussetzern“ der KTV) und führen plötzlich mit 31:26 – die Sensation ist greifbar nahe! Nun beginnt es bei den Siegerländern in den Köpfen zu arbeiten. Die Mimik und Körpersprache von Philipp Herder verraten es deutlich: Der Berliner, seit elf Jahren in Diensten der Siegerländer KV, glaubt plötzlich fest daran, seine Kameraden aus der deutschen Nationalriege endlich, endlich mal besiegen zu können.

„Ich habe dann überlegt, sicherer zu turnen, um die Führung nicht zu gefährden. Dann aber wollte ich meine Übung nicht verändern, weil ich diesen Wettkampf auch als Test und Training für die Deutschen Meisterschaften gesehen habe. Dieser Zwiespalt hat sich auch in meinem Kopf zugetragen, und schon ging’s nicht mehr rund zu Ende“, schilderte Herder hernach seine Gefühlslage. Immerhin, 4 Score-Punkte – aber bei der „Vorlage“ seines Kontrahenten Nils Dunkel hätten es eigentlich 5 sein müssen. Am Reck ging das Drama weiter. Seine im Grunde wunderschöne Übung setzte Herder beim Abgang nicht in den Stand, sondern auf den Hosenboden. Statt Vorentscheidung unnötige neue Spannung, nur noch 31:30. „Ganz ehrlich: In diesem Moment habe ich gedacht, jetzt hast du es versaut. Wenn wir das Ding verlieren, geht das auf dein Konto“, gestand der 27-jährige Nationalturner im SKV-Trikot später. Fortan lief er wie ein Tiger im Käfig auf der Bodenfläche auf und ab, nichts mehr hielt ihn im provisorisch eingerichteten „Mannschaftslager“.

Mittendrin statt nur dabei im Pulk der „Feierbiester“ war natürlich auch Fabian Lotz. Wer sich über die ungewohnt dezenten Vorstellungen des 31-jährigen Lehrers aus Gießen am Seitpferd und an den Ringen gewundert hatte, wurde von SKV-Präsident Reimund Spies aufgeklärt: „Fabs hatte eine Bauchmuskelzerrung, die ihn sicherlich gehandicapt hat. Ich bin froh, dass er da war, denn am Reck hat er mit einer bärenstarken Leistung entscheidend zu unserem Sieg beigetragen.“ Alles im Lot also auf dem Boot!

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