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Schon ein Käfer kann eine Fichte töten
Der Wald wird anders aussehen

Graue Baumleichen mit braunen, toten Nadeln – dieser Fichtenwald bei Hillmicke wird komplett fallen. Kein einziger Baum hat den Käfer überlebt. Auch die Bäume, die noch ein wenig Grün tragen, sind vom Borkenkäfer befallen und rettungslos verloren.
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  • Graue Baumleichen mit braunen, toten Nadeln – dieser Fichtenwald bei Hillmicke wird komplett fallen. Kein einziger Baum hat den Käfer überlebt. Auch die Bäume, die noch ein wenig Grün tragen, sind vom Borkenkäfer befallen und rettungslos verloren.
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  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

win Olpe. „Es war einmal.“ Märchenhaft war der Einstieg in ein Pressegespräch, zu dem das Regionalforstamt Kurkölnisches Sauerland jetzt geladen hatte, um eine Standmitteilung zu machen. Allerdings ist es ein Gruselmärchen. „Es war einmal ein geliebter Fichtenwald“, so Amtsleiter Jürgen Messerschmidt. Er zeigte gemeinsam mit Fachgebietsleiter Marc Muckenhaupt auf, warum derzeit im Forstamt fast nichts so ist wie üblich.
Stürme und heiße SommerEs begann 2018 mit den Stürmen „Burglind“ und „Friederike“, denen sich zwei heiße Sommer anschlossen und eine Trockenheit, wie sie wohl noch nie da war. Die Kombination aus hohen Temperaturen und wenig Niederschlag sorgten dafür, dass genau der Baum, der den Löwenanteil im Kreis Olpe ausmacht, in die Bredouille kam.

win Olpe. „Es war einmal.“ Märchenhaft war der Einstieg in ein Pressegespräch, zu dem das Regionalforstamt Kurkölnisches Sauerland jetzt geladen hatte, um eine Standmitteilung zu machen. Allerdings ist es ein Gruselmärchen. „Es war einmal ein geliebter Fichtenwald“, so Amtsleiter Jürgen Messerschmidt. Er zeigte gemeinsam mit Fachgebietsleiter Marc Muckenhaupt auf, warum derzeit im Forstamt fast nichts so ist wie üblich.

Stürme und heiße Sommer

Es begann 2018 mit den Stürmen „Burglind“ und „Friederike“, denen sich zwei heiße Sommer anschlossen und eine Trockenheit, wie sie wohl noch nie da war. Die Kombination aus hohen Temperaturen und wenig Niederschlag sorgten dafür, dass genau der Baum, der den Löwenanteil im Kreis Olpe ausmacht, in die Bredouille kam.
Schon ohne jede weitere Belastung herrscht im Boden eine solche Trockenheit, dass manche Fichte schlicht vertrocknet. Und gleichzeitig hat sich der „Buchdrucker“ in einer Art und Weise vervielfältigt, die ebenfalls schon ausreichen würde, um selbst gesunde Fichten zu töten.

Ein Borkenkäfer reicht

Bei ausreichend Wasserzufuhr habe eine normal gewachsene Fichte die Kraft, sich gegen bis zu 100 Borkenkäfer zur Wehr zu setzen, so Messerschmidt. Durch verstärkte Harzproduktion klebt der Baum die Käfer ein, die sterben und so ihr zerstörerisches Werk in der Wachstumsschicht, dem Kambium, beenden. „Derzeit haben wir aber eine solche Trockenheit, dass prinzipiell ein einziger Käfer reicht, der sich in die Rinde bohrt, um den Baum zu töten“, so Messerschmidt. Denn der Käfer bleibt nicht allein, er legt Eier und erzeugt Millionen von Nachkommen, wenn der Baum sich nicht wehren kann.
Und nachdem die Jahre 2018 und 2019 überstanden waren, hatten die Förster Hoffnung. Hoffnung, dass ein möglichst nasser und wechselhafter Winter den Borkenkäferbestand dezimieren und ein folgendes niederschlagreiches Frühjahr den Bäumen Kraft geben könnte, um sich gegen die Käfer zur Wehr zu setzen. In Kürze: Es kam anders.

Milder Winter - und dann die Dürre

Der Winter blieb mild, und „obwohl die Böden eigentlich ganz gut gesättigt waren“, reichte dies nicht, um ein extrem trockenes und warmes Frühjahr und den dann folgenden heißen und dürren Sommer zu kompensieren – ganz im Gegenteil.
In einem vom Olper Forstamt betreuten Staatsforst bei Lieberhausen wurde gezählt und hochgerechnet: Auf einem Hektar Fichtenwald hatten 12 Millionen Borkenkäfer den Winter überstanden.
Schon Ende 2019 hatten die Käfer landesweit schon mehr Fichten getötet als Sturmtief „Kyrill“. Im Kreis Olpe, dem fichtenreichsten Kreis in Nordrhein-Westfalen, fielen bei „Kyrill“ 2 Millionen Festmeter Holz. Bis Ende 2019 hatten die Käfer ein Viertel davon geschafft – Tendenz steigend. Messerschmidt: „Die Fachleute vom Helmholtz-Institut reden nicht mehr von Trockenheit, sondern von schwerer bis extremer Dürre.“ Insbesondere die Bodentiefe bis 1,8 Meter, die für die flachwurzelnde Fichte wichtig ist, hat praktisch kein Wasser mehr.

Tragisch für Waldbesitzer

Für die Waldbesitzer ist die Situation schlicht tragisch. Der Fichtenpreis ist dramatisch gefallen – blieben pro Festmeter vor der Krise 60 Euro an Einnahmen übrig, sind es derzeit vielleicht 10. Und das Holz, das in Containern nach China geht, ist nur ein Bruchteil dessen, was üblicherweise verarbeitet wird: Vom Stamm werden nur 11,85 Meter verwertet, die in den Standard-Container passen – der Rest bleibt im Wald und taugt maximal als Brennholz; ein Rohstoff, der früher noch für gut 30 Euro pro Festmeter verkauft wurde.
Im Staatswaldrevier Einsiedelei sind schon 43.000 Festmeter gefällt worden – die vierfache Menge des üblichen Jahreseinschlags. „Alle arbeiten am Limit“, so Messerschmidt, „und das ist bei uns nicht anders als im Privatwald.“ Vom Waldarbeiter bis zum Förster „machen alle, was sie können und viele mehr, als sie sollten“. Marc Muckenhaupt bittet um Verständnis, dass Förderanträge, die noch im vergangenen Jahr in zwei Arbeitstagen erledigt wurden, nun länger brauchen – die Menge hat sich vervielfacht, und das vom Land bereitgestellte Geld darf das Forstamt erst verteilen, wenn ein Förster vor Ort war und die Käferschäden begutachtet hat.

Fichte wird häufig ersetzt werden

34 Millionen Euro hat die Landesregierung bisher zur Verfügung gestellt – erst waren es 5, jetzt 8 Euro pro Festmeter aufgearbeitetes Käferholz, die zugeschossen werden. 13,5 Prozent davon fließen in den Kreis Olpe – so hoch ist der Fichtenanteil im kleinsten Kreis des Landes.
Von geschätzt 10 Millionen Kubikmetern Holz, die in den Fichtenwäldern im Kreis Olpe standen, sind über 20 Prozent gefällt und abtransportiert „und das geht noch lange so weiter“, so Messerschmidt.
Die Fichte wird nicht ganz aussterben, davon sind Messerschmidt und Muckenhaupt überzeugt. Aber auf vielen, vielen Flächen, die derzeit noch Fichtenschonungen sind, wird in Zukunft anderes wachsen. Was, das steht noch nicht fest – die einen wollen Naturwaldverjüngung, zu der dann auch die Fichte gehört, deren Samen ja im Boden liegen. Für Messerschmidt besteht der Waldbau der Zukunft in jedem Fall in Vielfalt. Monokulturen seien nie eine gute Lösung, und das werde gerade überdeutlich.

Jede Fläche im Wald prüfen

„Der Wald stirbt nicht, er ist nicht weg, aber das Bild des Waldes hat sich schon verändert und wird sich weiter wandeln.“ Wo Fichten aufwachsen, sei es sinnvoll, diese durch Zwischenpflanzen anderer Baumsorten zu durchmischen. Grundsätzlich müsse jede Fläche genau geprüft werden, jede Situation sei anders zu bewerten.
Und noch etwas müsse sich wandeln: die Jagd. Denn der zum Teil hohe Rehwildbestand sei tödlich für den jungen Wald, der nach dem Abräumen der toten Fichten dort wieder aufwachse.

Graue Baumleichen mit braunen, toten Nadeln – dieser Fichtenwald bei Hillmicke wird komplett fallen. Kein einziger Baum hat den Käfer überlebt. Auch die Bäume, die noch ein wenig Grün tragen, sind vom Borkenkäfer befallen und rettungslos verloren.
Anhand von Karten des Helmholtz-Instituts zeigt Forstamtsleiter Jürgen Messerschmidt die Dürresituation im Land und besonders im Kreis Olpe. Rot steht für Trockenheit.
Autor:

Jörg Winkel (Redakteur) aus Stadt Olpe

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