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Abi-Feier mit Verspätung
Es waren keine Tomaten, sondern faule Äpfel

Das altehrwürdige Städtische Gymnasium Olpe – aus einem Lehrerseminar mit angeschlossener Seminarschule um den Ersten Weltkrieg herum entstanden – würde vermutlich in heutiger Zeit für solche „Abistreiche“ dankbar sein. Vor 50 Jahren waren sie Anlass für die Absage der Abiturfeier.
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  • Das altehrwürdige Städtische Gymnasium Olpe – aus einem Lehrerseminar mit angeschlossener Seminarschule um den Ersten Weltkrieg herum entstanden – würde vermutlich in heutiger Zeit für solche „Abistreiche“ dankbar sein. Vor 50 Jahren waren sie Anlass für die Absage der Abiturfeier.
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win Olpe. Seit einigen Jahren ist es am Städtischen Gymnasium Olpe üblich, dass bei der Abiturfeier, in deren Rahmen Schülerinnen und Schüler ihr Reifezeugnis erhalten, nicht nur die aktuelle Abiturientia und deren Familien zu Gast sind, sondern auch die Jubilare: Männer um die 70, die vor 50 Jahren am damaligen Jungengymnasium ihre Allgemeine Hochschulreife erlangt haben. Das soll auch in diesem Jahr so sein – aber diesmal gibt es dabei eine Besonderheit. Denn die Abiturienten von 1971 werden am 26. Juni erstmals würdig und festlich von ihrer Schule willkommen geheißen – mit einem halben Jahrhundert Verspätung.
Klasse stieg nachts in die Schule einDenn 1971 fiel die Abifeier aus.

win Olpe. Seit einigen Jahren ist es am Städtischen Gymnasium Olpe üblich, dass bei der Abiturfeier, in deren Rahmen Schülerinnen und Schüler ihr Reifezeugnis erhalten, nicht nur die aktuelle Abiturientia und deren Familien zu Gast sind, sondern auch die Jubilare: Männer um die 70, die vor 50 Jahren am damaligen Jungengymnasium ihre Allgemeine Hochschulreife erlangt haben. Das soll auch in diesem Jahr so sein – aber diesmal gibt es dabei eine Besonderheit. Denn die Abiturienten von 1971 werden am 26. Juni erstmals würdig und festlich von ihrer Schule willkommen geheißen – mit einem halben Jahrhundert Verspätung.

Klasse stieg nachts in die Schule ein

Denn 1971 fiel die Abifeier aus. Bodo Hoffmann, einer der Freudenberger Schüler, die schultäglich per Schienenbus nach Olpe pendelten, erinnert sich. Es waren zwei Klassen mit je 16 Schülern, die zum Abitur geführt wurden. „Wir sind nachts in die Schule eingestiegen, um Unsinn zu machen. Unsere Klasse wurde dabei vom Hausmeister vertrieben, einige von uns haben sich danach auch entschuldigt und es war eigentlich gut.“ Doch es gab ja noch eine Klasse, und die wiederholte die Untat.

Die damalige Unterprima 1970 auf Klassenfahrt in Wien beim Verschnaufen nach anstrengendem Museumsbesuch vor dem Belvedere. Ein Jahr später gehörten diese Schüler zum letzten Abiturjahrgang vor der reformierten Oberstufe. Links im Bild Klassenlehrer Hans-Bodo Thieme, in der Bildmitte der als Begleiter mitgereiste, bereits verstorbene Lehrer Gerd Knippschild.
  • Die damalige Unterprima 1970 auf Klassenfahrt in Wien beim Verschnaufen nach anstrengendem Museumsbesuch vor dem Belvedere. Ein Jahr später gehörten diese Schüler zum letzten Abiturjahrgang vor der reformierten Oberstufe. Links im Bild Klassenlehrer Hans-Bodo Thieme, in der Bildmitte der als Begleiter mitgereiste, bereits verstorbene Lehrer Gerd Knippschild.
  • Foto: Sammlung Joachim Bever
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Unter anderem standen damals Vitrinen mit ausgestopften Tieren in der Schule. Diese wurden von den Abiturienten geöffnet, die Präparate fantasievoll im Schulgebäude verteilt. Auch landete das Ergebnis übermäßigen Alkoholgenusses in einer der Vitrinen – ob beabsichtigt oder als „Unfall“ wurde nie geklärt. Weiterhin kühlten einige der Schüler auf dem Rückweg von einer privaten Feier ihr Mütchen, indem sie nachts das Haus eines äußerst unbeliebten Biologielehrers bewarfen.

Klassensprecher findet die Strafe noch immer ungerecht

Der damalige Schulleiter war so ungehalten, dass er die Feier absagte. Die Schüler mussten sich die Zeugnisse ganz unfeierlich samstags im Sekretariat abholen. „Für die berühmten Achtundsechiger waren wir etwas zu jung, aber die nötige Renitenz haben wir offenbar abbekommen“, erinnert sich Bodo Hoffmann lächelnd.

Dr. Stephan Schlösser, Klassensprecher einer der beiden Klassen, findet die damalige Kollektivstrafe noch heute ungerecht und überzogen. „Wir sind ja nicht eingebrochen, die Schule war offen. Das war eigentlich eine Einladung“, so der Mediziner, der kürzlich aus Bochum zurück in die alte Heimat gezogen ist. „Wir haben unsere Graffitis nicht mit Farbe auf die Wand geschmiert, sondern sie ganz ordentlich mit Kreide auf den Tafeln hinterlassen.“ Und dass, wie von der Schule damals in einem Elterbrief vermerkt, Tomaten geworfen worden seien, stimme gar nicht: „Es waren faule Äpfel“, und es seien nur wenige Schüler dabeigewesen, aus seiner Klasse beispielsweise keiner.

Auch dass die Schule den Brief an die Eltern über die Schüler selbst verschickte, sei ein Unding gewesen, das die Schüler damals in einem Antwortbrief aufgriffen. So sei es in jedem Jahrgang Usus, dass die Abiturienten, „die neun Jahre das Joch der Schule ertragen mussten, durch einige ,Untaten’ ihre neue Freiheit bekundeten. Solche Streiche wurden dann auch von den Lehrern auf die leichte Schulter genommen und toleriert. Warum nicht in diesem Jahr?“

„Gefeiert haben wir trotzdem“

Dem Zusammenhalt der Klassen tat die Absage der Feier keinen Abbruch, ganz im Gegenteil: „Wir haben uns regelmäßig alle fünf Jahre getroffen.“ Auch für dieses Jahr war das Treffen bereits anberaumt, als die Einladung der Schule eintraf. Die Freude darüber sei groß, hat Bodo Hoffmann von seinen Schulkameraden erfahren.

Jochen Bever wurde, wie die meisten seiner Mitschüler, später selbst Lehrer. Den Brief an seine Eltern hat er aufgehoben. „Gefeiert haben wir trotzdem“, so Bever, der in Kerken am Niederrhein wohnt: „Und zwar im Schwanen-Saal, ganz festlich mit unseren Eltern.“ Aber eben ohne Zeugnisübergabe und offizielle Beteiligung der Schule. Die Parallelklasse feierte ähnlich im Saal des Hotels Tillmann.

Eine edle Pfeife schenkte eine der beiden Abschlussklassen ihrem Lehrer Hans-Bodo Thieme. Dieser hält das Erinnerungsstück seit 50 Jahren in Ehren.
  • Eine edle Pfeife schenkte eine der beiden Abschlussklassen ihrem Lehrer Hans-Bodo Thieme. Dieser hält das Erinnerungsstück seit 50 Jahren in Ehren.
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Auch einer der beiden Klassenlehrer, Dr. Hans-Bodo Thieme, kann sich an diesen Jahrgang sehr gut erinnern: Es war sein erster, den er zum Abitur führte. Der in Neuenkleusheim lebende Pädagoge weiß noch genau, wie sauer sein damaliger Schulleiter war und welche Wellen die Aktion geschlagen hatten – wohl nicht zuletzt, weil der Hausmeister die Polizei wegen des „Einbruchs“ alarmiert hatte. Thieme freut sich sehr auf das Wiedersehen mit der einstigen Abiturklasse. Die Pfeife, die ihm seine Schüler als Abschiedsgeschenk überreichten, hat er in Ehren gehalten und sie kürzlich aufarbeiten lassen als Andenken an ein ganz besonderes Abitur.

Autor:

Jörg Winkel (Redakteur) aus Stadt Olpe

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