»Es waren nicht ,die’ Deutschen«

Adolf Burger überlebte mehrere KZ / In »des Teufels Werkstatt«–als Geldfälscher gearbeitet

win Olpe. Spannend, ergreifend, schockierend und stellenweise sogar witzig erlebten rund 200 Oberstufenschüler der beiden Olper Gymnasien am Montagnachmittag drei außergewöhnliche Stunden in der Aula des St.-Franziskus-Gymnasiums. Dort fand erstmals in der Kreisstadt ein Termin der »Oberstufenakademie«–statt, einem Projekt der Benediktinerabtei Königsmünster aus Meschede. Bruder David Damberg, der die Oberstufenakademie betreut, hatte einen außergewöhnlichen Referenten mitgebracht: den 89-jährigen Adolf Burger. Er gehört zu den wenigen Zeitzeugen, die mehrere Konzentrationslager der Nazis überlebt haben. Ermöglicht wurde der Vortrag von dem Kirchhundemer Unternehmer Walter Mennekes.

Mit erstaunlicher Kondition erzählte der gelernte Buchdrucker Burger von seinem Leben, Leiden und Überleben. Dabei blickt Adolf Burger auf einen besonders reichen Erfahrungsschatz zurück, gehörte er doch zu einer ausgewählten Spezialisten-Gruppe, die von den Nazis gezwungen wurden, in der als »Operation Bernhard«–bekannt gewordenen Fälscherwerkstatt im Konzentrationslager Sachsenhausen Millionen von englischen Pfund-Noten, dazu Ausweise, Soldbücher, Briefmarken und Formbriefe für die deutschen Spione im Ausland nachzumachen.

Geboren wurde Adolf Burger in Großlomnitz (Velka Lomnica) am Fuß der Hohen Tatra. Burger berichtete den Olper Schülern von der Gründung des slowakischen »Marionettenstaats«–unter Josef Tiso, der sich den Deutschen anbiederte und ähnliche Truppen wie SA und SS etablierte und auch die Judenverfolgung initiierte. Als katholischer Pfarrer setzte Tiso allerdings durch, dass vor 1938 christlich getaufte Juden nicht verfolgt wurden und keinen Judenstern tragen mussten. Hier sei er als Buchdrucker ins Spiel gekommen, berichtete Burger: Er habe auf das Jahr 1938 datierte Taufscheine gedruckt, die von Untergrundkräften genutzt worden seien, Juden zu retten. Doch als das System aufflog, wurden Adolf Burger und seine Frau Gisela 1942 verhaftet und ins KZ Auschwitz gebracht. Im benachbarten Vernichtungslager Birkenau starb Burgers Frau in der Gaskammer. Er habe nur überlebt, weil er von einem Bekannten erfahren habe, dass die Koffersortierkommandos genügend Lebensmittel im Gepäck der Häftlinge beiseite schaffen konnten, um sich satt essen zu können, schilderte Burger.

Er ließ nichts aus, schilderte die grausamen Verhör- und Foltermethoden der Nazis wie der Tiso-Schergen, betonte aber stets gegenüber den Schülerinnen und Schülern, dass er nicht »den Deutschen«–die Schuld gebe. »Es waren nicht ,die’ Deutschen. Ich hatte Deutsche bei mir im KZ.« Schuld an den Taten der Nazis trügen die Konzerne, zum einen die Rüstungsunternehmen, zum anderen die I. G. Farben.

Er schilderte den Weg der Gefangenen vom Zug ins Lager, die Aussortierung durch KZ-Ärzte wie Josef Mengele, die per Fingerzeig zwischen Leben und Tod entschieden. Er sei beruhigt gewesen, als er einen Rotkreuz-Wagen hinter den Über-40-Jährigen und Kranken herfahren gesehen habe. Erst später habe er erfahren, dass in diesem Fahrzeug die Behälter mit dem Giftgas »Zyklon B«–transportiert wurden.

Häftlinge hätten den Toten die Goldzähne herausbrechen, den Frauen und Kindern die langen Haare abschneiden müssen, die von den Nazis verkauft worden seien. Erst vor wenigen Jahren sei herausgekommen, dass in einer Schweizer Bank sechs Tonnen Goldbarren lagerten, die aus Goldzähnen geschmolzen worden seien, sowie Tausende von Eheringen. »Die Nazis haben alles aufgeschrieben und dokumentiert«, erklärte Burger. Täglich seien bis zu 4000 Menschen getötet und verbrannt worden, ihre Asche wurde in einen nahen Fluss gekippt. »Ihr, die ihr hier sitzt, ihr könnt nichts dafür. Aber ihr sollt das wissen. Ihr dürft kein Schuldgefühl haben.« Allerdings warnte Burger drastisch: »Wer von euch zu den Neonazis geht, der wird irgendwann zum Mörder. Denkt an Solingen.«–Er sei nach dem Brandanschlag dorthin gefahren und habe sich umgesehen. Dort wohne ein reicher Nazi »in einer Villa und schult an den Wochenenden die 15-, die 16-Jährigen«.

Im letzten Abschnitt seines Vortrags schilderte Adolf Burger seine Zeit beim »Kommando Bernhard«, einer Zeit, in der er sich gefühlt habe »wie ein Toter auf Urlaub«. Das Kommando sei so streng geheim gewesen, dass erkrankte Mithäftlinge, die einer Behandlung außerhalb des Lagers bedurft hätten, kurzerhand erschossen worden seien – vom selben SS-Offizier, der mit ihnen Tischtennis gespielt und ihnen Zigaretten geschenkt habe.

»Die Geldscheine mussten perfekt sein«, schilderte Burger die hohen Ansprüche, denen die Gefangenen unter Todesangst gerecht werden mussten. Das Falschgeld sollte in England eingeschleust werden und die britische Wirtschaft unterhöhlen. Die Fälschungen waren so perfekt, dass selbst Fachleute sie nicht erkennen können. Großbritannien sah sich nach dem Krieg gezwungen, alle von der »Aktion Bernhard«–betroffenen Banknotensorten gegen neue auszutauschen. Kurz vor Kriegsende seien sie bereit gewesen, auch amerikanische Dollar in nahezu perfekter Qualität zu drucken, doch sei dies nicht mehr umgesetzt worden. Die Druckplatten und Falschgeld in Millionenauflage landeten in Kisten auf dem Grund des Toplitzsees. Dass er und seine Mitgefangenen nicht noch von den Nazis in die Luft gesprengt worden seien, habe er österreichischen Partisanen zu verdanken, die die Wehrmachts-Lkw nachts fahruntüchtig gemacht hätten.

In den Pausen und am Ende des Vortrags nutzten viele der Schüler die Gelegenheit, mit dem Referenten persönlich zu sprechen und ihm sein Buch »Des Teufels Werkstatt«–abzukaufen, das im Buchhandel vergriffen ist. Im nächsten Jahr kommt unter dem Titel »Der Fälscher«–ein Spielfilm in die Kinos, der auf den Erinnerungen Adolf Burgers aufbaut.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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