Gleich zweifach Geschichte geschrieben

Andreas Gummersbach (hinten), Dietmar Heuel (l.) und Rafet Tahiri (kniend) öffneten nach 52 Jahren den Grundstein der Realschule. Stadtarchivar Josef Wermert (r.) wartete gespannt. Fotos: win
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win Olpe. Für die drei Männer des Baubetriebshofs der Stadt Olpe stand am Donnerstag ein ungewöhnlicher Auftrag im Lastenheft: Sie waren von Stadtarchivar Josef Wermert angefordert worden, um einen Stein zu bergen. Einen Stein, auf den ungezählte, in jedem Fall hunderttausende Blicke getroffen sind und von dem doch die wenigsten ahnten, was er in sich barg.

Obwohl gerade einmal 52 Jahre alt, steht der ehemaligen Realschule in Olpe der Abbruch bevor. Die Versorgungsleitungen sind gekappt, Vandalen haben Fenster besprüht oder zertrümmert. Die Stadt hat keine Verwendung mehr für die kernsolide, in Stahlbeton-Skelettbauweise errichtete Schule, die vom selben Architekturbüro entworfen wurde wie das benachbarte Rathaus, dem in einigen Jahren dasselbe Schicksal blüht. Daher war Wermert tätig geworden, um rechtzeitig vor der Abrissbirne den Grundstein ausbauen zu lassen, der vor 52 Jahren, verbunden mit vielen Hoffnungen, feierlich in die dafür vorgesehene Lücke gesetzt worden war.

Andreas Gummersbach, Dietmar Heuel und Rafet Tahiri vom Bauhof stemmten den Sandstein frei und hoben ihn auf einen Arbeitswagen. „1967” ist in schlichten, schmucken Ziffern auf die glatte Seite des Steins eingeschlagen worden, und als er frei stand, wurde der Blick auf die Rückseite frei: Hier prangt die Zahl „1894”, verziert und geschmückt, passend zur Zeit dieser Arbeit: Denn als Grundstein der Realschule hatten die Verantwortlichen damals den Stein genommen, der über 100 Jahre zuvor die Kapelle des Mutterhauses der Olper Franziskanerinnen gegründet hatte.

Was in der Realschule zur Rückseite wurde, war 73 Jahre lang die Vorderseite des Grundsteins der Mutterhaus-Kirche gewesen. Auf der Oberseite verschloss eine einzementierte Platte die Öffnung, in der seinerzeit das verlötete Kupferrohr eingelassen worden war, das traditionell in einen solchen Grundstein gehört.

Mit Säge und Hammer öffneten die Bauhof-Mitarbeiter den Deckel, und dann konnte Josef Wermert vorsichtig den Inhalt herausziehen. Tageszeitungen, eine verzierte Urkunde, Münzen vom Pfennig bis zur Mark und ein Schulheft waren in dem Rohr verborgen, nach 52 Jahren fast perfekt erhalten, zwar modrig riechend, aber intakt. In sauberer Handschrift ist in dem Schulheft die Chronik der Realschule festgehalten, die 1967 ihr eigenes Gebäude erhalten sollte, nachdem sie in anderen, provisorischen Unterkünften residiert hatte.

Wie das Sauerländische Volksblatt 1967 berichtete, hat der seinerzeitige Werklehrer der Realschule, Ulrich Laumann, sowohl die Urkunde geschrieben als auch den alten Grundstein mit der Jahreszahl versehen. Die Papiere nahm Wermert mit ins Archiv, wo sie konserviert und dokumentiert werden. Der Stein selbst, der zweifach Geschichte geschrieben hat, wird in den Museumsbestand der Stadt transportiert, wo er Zeugnis davon gibt, wie kurz es dauern kann, bis praktisch für die Ewigkeit geplante Gebäude obsolet werden können.

Noch einmal das Volksblatt von 1967: Es zitiert den damaligen Vorsteher der Realschulverbandsversammlung, Günter Hetzel: „Hoffentlich strahlt dieses Gebäude denselben Geist aus wie das altehrwürdige Haus, aus dem der Stein stammt.” Sein Wunsch hielt 50 Jahre – kurz nach dem Jubiläum wurde die Realschule geschlossen, eine Nachfolgenutzung wurde nicht gesucht, daher bleibt nun nur noch der Abbruch. Immerhin: Zumindest der Grundstein und seine Geschichte bleiben der Nachwelt erhalten.

Autor:

Jörg Winkel (Redakteur) aus Stadt Olpe

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