Spendeninitiative für "Vita Assistenzhunde" ins Leben gerufen
Große Vorfreude auf Assistenzhündin „Hazel“

Nina Hoffmann und "Hazel".
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soph Halbhusten / Köln / Hümmerich. Schubladen öffnen, Socken ausziehen oder den Lichtschalter bedienen – wie alltäglich und selbstverständlich sich diese Vorgänge auch anhören mögen, so herausfordernd oder sogar unmöglich sind sie für Menschen mit einer körperlichen Beeinträchtigung. Nina Hoffmann leidet an einer Muskelerkrankung, die seit der Diagnose im Alter von zwei Jahren stetig fortschreitet. Die heute 35-Jährige, die in Halbhusten aufgewachsen ist, ist mittlerweile auf den Rollstuhl und 24 Stunden am Tag auf eine Assistenz angewiesen.Die erhält sie zum einen von einem Team aus sechs Pflegern, zum anderen war bis September vergangenen Jahres Hündin „Emily “ immer an ihrer Seite, die im Ausbildungszentrum des Vereins „Vita Assistenzhunde“ in Hümmerich im Landkreis Neuwied ausgebildet worden ist. Der Verein hat im Laufe der vergangenen 20 Jahre 63 Mensch-Hund-Teams zusammengebracht  – eines davon waren Nina Hoffmann und „Emily “.In ihrem Blog rollinginthedeep.de beschreibt sie es als „Liebe auf den zweiten Blick“, denn als sie im Jahr 2005 die Reha-Care-Messe in Düsseldorf besuchte, blieb sie mehr durch Zufall am Stand von „Vita“ stehen. Damals bestimmten Hilflosigkeit, Wut und Trauer schon länger den Alltag von Nina Hoffmann. Denn sie erlebte den wohl größten Einschnitt im bisherigen Verlauf ihrer Erkrankung: den stetigen Verlust ihrer Gehfähigkeit. Erst „Emily“ sollte sie wieder zurück ins Leben holen.

Ein schleichender Verlauf

Die Gliedergürtel-Muskeldystrophie nimmt einen schleichenden Verlauf. Als Kind und Jugendliche war Nina Hoffmann wenig eingeschränkt. Zwar hatte sie stets weniger Ausdauer und war vom Schulsport befreit, aber Fahrradfahren und Inlineskaten im kleineren Rahmen, all das war möglich. Gegen Ende der Pubertät wurde ein weiter Weg immer schwieriger, jede Treppe zur großen Herausforderung. Doch Nina Hoffmann erkämpfte sich ein relativ normales Leben, machte den Führerschein und am Berufskolleg in Olpe ihr Fachabitur, zog mit Anfang 20 nach Köln in eine eigene Wohnung, studierte Sozialpädagogik und arbeitete anschließend in diesem Bereich. Doch die Krankheit schränkte sie mehr und mehr ein. „Es wurde immer schwieriger für mich, vom Stuhl aufzustehen.“ Bei der Muskeldystrophie sind besonders die rumpfnahen Muskeln betroffen, Nina Hoffmann kann beispielsweise die Finger noch gut bewegen, aber die Arme nicht mehr alleine heben. Bei ihr nimmt die Krankheit einen schweren Verlauf, vor allem die Atemmuskulatur ist stark betroffen. Heute wird sie nachts und mehrere Stunden tagsüber nicht-invasiv beatmet.

Ohne „Emily“ ging nichts mehr

Damals, im Jahr 2005, hatte sich Nina Hoffmanns Aktionsradius auf ein Minimum reduziert – Auto, Uni, Wohnung. Mehr ging nicht, weil sie den Rollstuhl nicht nutzen wollte. „Ich assoziierte ihn damals mit Stillstand, Isolation, Einsamkeit und konnte ihn nicht als das sehen, was er heute für mich ist: der Inbegriff von Freiheit, weil ich durch ihn am Leben teilnehmen kann.“ Am Messestand von „Vita“ hatte Nina Hoffmann zum ersten Mal etwas gesehen, das für sie vorher unmöglich schien: Die Tatsache, ein Rollstuhlfahrer und gleichzeitig glücklich zu sein.

Nina Hoffmann und "Emily".

Von ihrem geweckten Interesse bis zum Einzug von „Emily“ vergingen drei Jahre. Ab dann war die schwarze Labradorhündin immer an ihrer Seite, ob Studium oder dann Vorstellungsgespräche, ohne „Emily“ ging nichts mehr. Sie begleitete Nina Hoffman durch den weiter fortschreitenden Krankheitsverlauf. Am Anfang öffnete sie Türen und Schubladen, betätigte Lichtschalter, drückte den Aufzugsknopf. Sie apportierte heruntergefallene Gegenstände, kannte viele davon mit Namen. „Such das Telefon“, Hol’ Hilfe“ oder „Mach dich bemerkbar“ – auf all diese Kommandos wusste „Emily“ sofort, was zu tun war. Später kamen noch mehr Hilfestellung hinzu, die Hündin zog Nina Hoffmann die Socken, Hose oder Mütze aus, hob ihre Beine ins Bett oder auf die Couch.

Normalität, Leichtigkeit und Sicherheit

Aber die Assistenz ist darüber hinaus auch im sozialen Bereich nicht genug wertzuschätzen. „Die Menschen reagieren nun mal anders auf einen Rollstuhlfahrer als auf einen Fußgänger. Wenn ich dann noch das mobile Atemgerät dabei habe, dann sehen sie nur noch das: eine kranke Frau. Aber ich bin in aller erster Linie ein Mensch, die Krankheit ist nur ein Teil von mir.“ Ein Assistenzhund lässt die Menschen mehr sehen, als diese Offensichtlichkeiten. Dann, wenn der erste Blick nicht auf den Rollstuhl oder das Atemgerät geht, sondern zu dem freundlichen Labrador. Wenn das Gespräch nicht aus Unsicherheit zurückhaltend, sondern aus Interesse für den vierbeinigen Begleiter und offen und unvoreingenommen beginnt.

Nina Hoffmann und "Emily".

„Emilys“ Hilfe brachte Normalität, Leichtigkeit und vor allem Sicherheit in Nina Hoffmanns Leben zurück. „Sie war meine Konstante, wenn sich wieder etwas Krasses verändert hat.“ Als vor drei Jahren notgedrungen die Berentung anstand, gab die Hündin ihr Tagesstruktur und Antrieb.

Persönliche Assistentinnen sichern ihr Überleben

Mittlerweile ist Nina Hoffmann durchgehend auf Hilfe angewiesen, die kein Hund ersetzen kann. Ein Team aus sechs persönlichen Assistentinnen ist 24 Stunden am Tag bei ihr und sichert so ihr Überleben. Die innige Beziehung zu „Emily“ ließ Nina Hoffmann diese Abhängigkeit regelmäßig vergessen, in ihrer Rolle als „Frauchen“ war sie souverän und mit „Emily“ an ihrer Seite entdeckte sie die Welt vor der Haustür nochmal neu für sich. 

Nina Hoffmann und "Emily".

Im September ist „Emily“ nach zwölf gemeinsamen Jahren gestorben. In ihrem Blog verarbeitet Nina Hoffmann unter dem Titel „Für immer ab jetzt“ mit traurigen, aber vor allem sehr dankbaren Worten den Verlust ihres „Seelenhundes“.

Große Vorfreude auf "Hazel"

Aber trotz aller Trauer, hatte Nina Hoffmann schon bald wieder Grund zur Freude, denn sie hatte großes Glück und mit „Hazel“ sehr schnell die Hündin gefunden, die die Lücke schließen soll. Seit Dezember war sie fast jede Woche im „Vita“-Ausbildungszentrum, eigentlich sollte ab April mit der Zusammenführung begonnen werden.

Nina Hoffmann und "Hazel".

Doch dann kam Corona. Nina Hoffmann gehört zur Hochrisikogruppe, befindet sich seit Anfang März in Isolation. Und auch für den kleinen Verein, dessen Mitglieder in ständigem Austausch mit den ausgebildeten Teams stehen, wäre eine Ansteckung mit dem Virus eine Katastrophe.
Darüber hinaus hat der Verein, der sich ausschließlich mit Spenden finanziert, stark zu kämpfen. Jedes Jahr gibt es eine große Charity-Gala im Oktober, ob die in diesem Jahr stattfinden kann, ist sehr unwahrscheinlich. Die geplante Geburtstagsfeier zum 20-jährigen Bestehen muss in jedem Fall ausfallen. Ein herber Schlag für den Verein und der Anlass für Nina Hoffmann, etwas aus der Quarantäne heraus zu unternehmen. „Ich habe im Moment viel Zeit und daher eine Spendenkampagne bei gofundme gestartet.“ Unter dem Stichwort „Mein Glück auf 4 Pfoten – ein Neuanfang mit Hazel“ freuen sich alle über jedwede Hilfe. Nina Hoffmann hofft derweil, dass es nicht all zu lang dauern wird, bis aus ihr und „Hazel“ das 64. „Vita“-Team wird.

Ein ausgebildeter Assistenzhund kostet rund 25 000 Euro:
Wer sich für einen Assistenzhund interessiert, muss sich bei „Vita“ bewerben und kommt dann auf eine Warteliste. Ist der passende Hund gefunden, beginnt die Zusammenführung. Nur vier bis fünf Teams werden pro Jahr ausgebildet, der Hund erhält eine Basisausbildung und dann eine speziell auf den Teampartner zugeschnittene Weiterbildung.

„Das wichtigste dabei ist die Beziehung, die Bindung zwischen Mensch und Tier. Das braucht Zeit, das kann man nicht anerziehen“, so Nina Hoffmann. Die ausgebildeten Assistenzhunde sind immer bei ihren Besitzern und dürfen so etwa auch in öffentliche Einrichtungen oder die Flugzeugkabine genommen werden. Bei aller Arbeit haben die Hunde natürlich auch genügend Freizeit. „Die Wertschätzung für das Lebewesen steht an oberster Stelle. Nur wenn es dem Hund gut geht, kann er ein guter Assistenzhund sein.“ Der Verein leistet eine lebenslange Nachbetreuung, ein ausgebildeter Assistenzhund kostet im Durchschnitt 25 000 Euro. Infos unter www.vita-assistenzhunde.de.

Autor:

Katja Fünfsinn (Redakteurin) aus Stadt Olpe

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