In einem berückend schönen Sog

Theater Siegen mit »Novecento« am Out-of-Aula-Ort Biggesee / Wundersame Erfahrung

ciu Sondern. Irgendwo da draußen ist die Welt. Oder ist sie an Bord dieses Schiffes, das fast lautlos über das nächtlich stille Gewässer gleitet? Vielleicht. Schwer zu fassen ist er in jedem Fall, der Begriff von Welt; denn Welt ist relativ, ist bestimmt von der eigenen Sicht der Dinge, auch von Grenzen und Unendlichkeit, von Bekanntem und Fremdem, von Möglichem und Unerreichbarem. Für den Ozeanpianisten Namen Danny Boodman T.D. Lemmon Novecento bildet der Dampfer, der zwischen den Welten pendelt, den Raum, der ihn leben lässt. Hier wurde er geboren, hier wuchs er auf. Ein Findelkind, ein Wunderkind. Denn wie er sollte niemand auf der Welt (!) Klavier spielen können. Nicht einmal Jelly Roll Morton, der »Erfinder des Jazz«, der sich mitten auf dem Meer mit Novecento misst – und verliert.

Das Duell der Tastengötter findet im Tanzsaal der ersten Klasse statt. Wo sonst?! Es ist Teil dieser außergewöhnlichen Geschichte, von der an ungewöhnlichem Ort berichtet wird. Das Theater Regensburg spielte am Wochenende in zwei Aufführungen mit »Novecento – Die Legende vom Ozeanpianisten« auf der »MS Westfalen«. Die fuhr zwei Stunden als »MS Apollo« mit jeweils rund 180 Passagieren an Bord auf dem Biggesee, war am Freitag und am Samstag Out-of-Aula-Spielort von Theater Siegen. Für die, die sich in den berückend schönen Sog dieser Erzählung ziehen ließen, war es eine wundersame Erfahrung. Unweigerlich nämlich wurde das Publikum Teil des Geschehens. Es fand sich im Schlafrock wieder, mit der Nachtcreme im Gesicht, um den geheimnisvollen Klängen zu lauschen, die der kleine Novecento dem Klavier entlockt; es zählte zu denen in der dritten Klasse, die während der Überfahrt in die Neue Welt alles Alte (auch die alten Kleider) zurücklassen; und es durchlitt diesen Orkan, in dem Novecento und Tim Tooney, der Trompeter, zu Freunden werden. Zwei Figuren, dargestellt von Oliver Severin und Michael Heuberger, die mit Blicken und Gesten, dem Aufeinanderbezogensein und geschicktem Rollenwechsel fesseln, die sich einlassen auf die poetische und zugleich kräftige Sprache des Textes von Alessandro Baricco und auch auf die Musik, die mit dem Licht (von sehr hell bis ganz dunkel) Atmosphäre schafft.

Die Inszenierung von Horst Kiss (Premiere war 2004 auf der Donau) lässt das Schiff mit seinen Gängen und Räumen mehr sein als nur Kulisse. Der »Dampfer« spielt mit. Auch auf der Bigge. Rund und rund und rund dreht sich die »MS Westfalen«, so lange, bis die Regie dem Kapitän, Winfried Stracke, via Telefon das Zeichen gibt, dass es reicht. Die Passagiere atmen auf, denn ein bisschen beängstigend war dieser Sturm auf hoher See schon. Nach diesem dramatischen Höhepunkt herrscht Ruhe. Novecento träumt sich am Klavier in die Welten der Menschen – und fasst irgendwann den Entschluss, an Land zu gehen. In Mantel und Hut, den Koffer in der Hand, nimmt er Abschied von Tim und vom Schiff, um bald, sehr bald zurückzukehren. Mit Entsetzen im Blick. »Es ist alles da. Nur kein Ende«, sagt Novecento. Zu viel Welt! Für ihn kein Leben. Er findet im begrenzten Raum seiner 88 Tasten unendliche Möglichkeiten. Mehr braucht er nicht, weniger aber auch nicht. Ohne die »Virginian« kann er nicht sein. Er bleibt ihr treu, bis zum Schluss. Die Kiste mit Dynamit, von Anfang an zu sehen (damit war Gefahr immer gegenwärtig!), spricht Bände vom Ende. Was bleibt, ist die Geschichte. Die hat selbst Tim Tooney nie verloren, die ist ihm von alledem geblieben. Ein Schatz, den jetzt die mit sich tragen, die dabei waren, als auf der Bigge die Legende vom Ozeanpianisten erzählt wurde.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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