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SZ-Interview mit Kinderhospiz-Pflegedienstleiterin Monika Krumm
„Man darf die Schicksale nicht zu nah an sich ranlassen“

Monika Krumm arbeitet seit 2006 im Kinderhospiz Balthasar in Olpe.

ap Olpe. Monika Krumm ist Pflegedienstleiterin im Kinderhospiz Balthasar. Die gelernte Fachkinderkrankenschwester für Anästhesie und Intensivmedizin macht diesen Job seit 15 Jahren und hat mit der SZ über ihren Arbeitsalltag sowie die Sterbebegleitung vor und während der Corona-Zeit gesprochen.
In der Kinderhospizarbeit werden Sie ständig mit dem Thema Tod konfrontiert. Inwieweit verändert das den Blick auf das eigene Leben?
Vorab muss man wissen, dass wir die Familien von der Diagnose über den Weg der Krankheit hinweg bis zum Tod ihres Kindes begleiten. Die Kinder kommen nicht nur zum Sterben zu uns, so wie es bei einem Erwachsenenhospiz der Fall ist. Es geht auch darum, den Kindern noch eine schöne Zeit zu ermöglichen und den Eltern Entlastung und Beratung zu bieten.

ap Olpe. Monika Krumm ist Pflegedienstleiterin im Kinderhospiz Balthasar. Die gelernte Fachkinderkrankenschwester für Anästhesie und Intensivmedizin macht diesen Job seit 15 Jahren und hat mit der SZ über ihren Arbeitsalltag sowie die Sterbebegleitung vor und während der Corona-Zeit gesprochen.
In der Kinderhospizarbeit werden Sie ständig mit dem Thema Tod konfrontiert. Inwieweit verändert das den Blick auf das eigene Leben?

  • Vorab muss man wissen, dass wir die Familien von der Diagnose über den Weg der Krankheit hinweg bis zum Tod ihres Kindes begleiten. Die Kinder kommen nicht nur zum Sterben zu uns, so wie es bei einem Erwachsenenhospiz der Fall ist. Es geht auch darum, den Kindern noch eine schöne Zeit zu ermöglichen und den Eltern Entlastung und Beratung zu bieten. Durch meine Arbeit habe ich die Berührungsängste, die ich früher mit dem Thema Tod hatte, nicht mehr. Er gehört zum Leben dazu – auch wenn es bei einem Kind natürlich besonders schlimm ist.

"Meinst du, mein Freund stirbt?"

Wie gehen die betroffenen Kinder selbst mit ihrem bevorstehenden Tod um? Ist ihnen bewusst, dass sie bald sterben werden?

  • Manchmal kann man das nur schwer beurteilen. Die meisten Kinder leiden unter einer Erkrankung, bei der sie geistig sehr eingeschränkt sind. Was ich persönlich aber trotzdem glaube: Viele fragen dann auch danach – manchmal gezielt, aber oft auch verdeckt. „Ich hab da einen Freund, der ist ganz krank. Meinst du, der stirbt?“, wollen sie dann wissen. In so einer Situation muss man ganz genau hinschauen und sehr sensibel sein, was man dem Kind antwortet. Mit Prognosen bin ich immer vorsichtig. Was ich aber ganz wichtig finde: Immer ehrlich zu sein, wenn die Kinder fragen. Man kann das auch auf eine schonende Art machen. Ich gebe ihnen dann immer das Versprechen und die Zusage: Wir sind bei dir und wir lassen dich nicht allein, egal was passiert. Das hilft den Kindern dann schon ein ganzes Stück weiter.

Sie betreuen nicht nur die betroffenen Kinder, sondern auch deren Familien. Was sagen Sie den Eltern, deren Kind kurz vorm Sterben ist?

  • Auch hier sind Gespräche sehr wichtig, finde ich. Tatsächlich suchen ältere Kinder oder Jugendliche häufig den Kontakt zu uns, weil sie sich um ihre Eltern sorgen. Und auch die haben meistens ganz viele Fragen: Wie wird es sein, wenn mein Kind stirbt? Wie wird die Beerdigung ablaufen? Wie geht es dann weiter? Wobei man darüber ja nur vage Aussagen treffen kann. Wir machen natürlich auch schöne Sachen mit den Familien – aber wir tun das nicht, um sie mit aller Gewalt von der Situation abzulenken. Wir sind schon dafür da, darüber zu sprechen, was die Krankheit mit der Familie macht.

Manche Fälle vergisst Monika Krumm nie

Wie schaffen Sie es, trotz all der traurigen Gespräche und einschneidenden Schicksale nach Feierabend abzuschalten?

  • Bei unserer Arbeit braucht man eine gewisse Distanz. Das hat nichts damit zu tun, dass wir nicht empathisch sind. Aber: Man darf die Schicksale nicht zu nah an sich ranlassen, denn dann kann man nicht mehr helfen. Schwer ist das trotzdem. Und natürlich gibt es Fälle, an die ich mich auch heute noch wegen ihrer besonderen Tragik gut erinnern kann. Ich hatte zum Beispiel mal einen Jugendlichen mit einer Muskelerkrankung, mit dem ich im Gespräch war, wie es für ihn weitergeht. Es ging um die Frage: Lasse ich mir eine Beatmungsmaschine anlegen? Oder gehe ich den Weg so weiter, wie die Krankheit ihn vorgibt und lasse mich nur medikamentös behandeln, bis es zu Ende ist. Mitten in diesem Entscheidungsprozess ist der junge Mann dann leider verstorben. Das hat mich schon ziemlich getroffen.

Jeder (Schicksals-)Fall verläuft sehr individuell – ihre Arbeit hat sich durch Corona aber sicher auch stark verändert. Welche Auswirkungen haben die aktuellen Rahmenbedingungen auf die Sterbebegleitung?

  • Wir sind eingeschränkt, weil wir derzeit nur zehn von zwölf Plätzen belegen dürfen. Was aber ganz schwer und hinderlich ist, sind die Masken – vor allem für die Kinder, die nicht hören können und von den Lippen ablesen müssen. Da ist die Kommunikation natürlich gerade sehr erschwert. Wenn eine Mutter im Büro sitzt, um eine ernste Angelegenheit mit mir zu besprechen – meinetwegen auch den bevorstehenden Tod ihres Kindes – und dieses Gespräch mit einer Maske geführt werden muss, dann ist das auch für uns ganz, ganz schlimm. Zu einem richtigen Gespräch gehört dieses Empfinden, das man hat, wenn man die Mimik lesen und jemandem ins Gesicht schauen kann. Darunter leiden wir sehr, und wir alle beten, dass diese Zeit bald wieder vorbei sein wird.
Kinder- und Jugendhospiz Balthasar benötigt Hilfe
Autor:

Alexandra Pfeifer

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