SZ

„Milieu mit limitierten intellektuellen Kapazitäten“
Mann wegen Vergewaltigung vor Gericht

Das Schöffengericht Olpe beschäftigte sich zwei Tage lang mit dem Vorwurf einer Vergewaltigung und hatte infolge diffuser Zeugenaussagen keine leichte Aufgabe.
  • Das Schöffengericht Olpe beschäftigte sich zwei Tage lang mit dem Vorwurf einer Vergewaltigung und hatte infolge diffuser Zeugenaussagen keine leichte Aufgabe.
  • Foto: Pixabay
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

hobö Olpe. Schrecksekunde am Freitag im Olper Amtsgericht: Als eine Zeugin verneinte, ihre Maske im Zeugenstand ablegen zu wollen, und als Begründung lapidar erklärte, sie kenne jemanden, der Corona habe, schnellten Richter Richard Sondermann und Staatsanwalt Markus Bender mit aufgerissenen Augen mit ihren Stühlen nach hinten. Es dauerte seine Zeit, ehe die Frau glaubhaft machen konnte, dass sie nicht erkrankt sei und auch nicht unter Quarantäne stehe. Ein beredtes Beispiel für die These des Staatsanwalts, dass sich der zu verhandelnde Fall in einem „Milieu mit streng limitierten intellektuellen Kapazitäten“ zugetragen habe. Besagte Zeugin stufte Bender überdies als „naturbelassen“ ein, die von „taktischen Momenten eher weit entfernt“ sei.

hobö Olpe. Schrecksekunde am Freitag im Olper Amtsgericht: Als eine Zeugin verneinte, ihre Maske im Zeugenstand ablegen zu wollen, und als Begründung lapidar erklärte, sie kenne jemanden, der Corona habe, schnellten Richter Richard Sondermann und Staatsanwalt Markus Bender mit aufgerissenen Augen mit ihren Stühlen nach hinten. Es dauerte seine Zeit, ehe die Frau glaubhaft machen konnte, dass sie nicht erkrankt sei und auch nicht unter Quarantäne stehe. Ein beredtes Beispiel für die These des Staatsanwalts, dass sich der zu verhandelnde Fall in einem „Milieu mit streng limitierten intellektuellen Kapazitäten“ zugetragen habe. Besagte Zeugin stufte Bender überdies als „naturbelassen“ ein, die von „taktischen Momenten eher weit entfernt“ sei.

Vergewaltigung und Körperverletzung

Darum ging es: Das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Sondermann traf sich am Freitag zur Fortsetzung einer Verhandlung, in der sich ein 36-jähriger Mann aus Kiel wegen Vergewaltigung in Tateinheit mit Körperverletzung zu verantworten hat. „Irgendwann im September oder Oktober 2018“, so die Anklage, soll der Mann seine damals bereits ehemalige 48-jährige Lebensgefährtin vergewaltigt haben. Erst im April 2019 wurde der Fall polizeibekannt und im Juli dieses Jahres die Anklageschrift verfasst. Umstände, die die Beweisaufnahme am ersten Verhandlungstag am 9. Oktober ebenso erschwerten wie diffuse Zeugenaussagen und das Schweigen des Angeklagten zu den Vorwürfen (die SZ berichtete). Für Freitag waren zwei weitere Zeugen geladen, darunter eine Ex-Freundin des Angeklagten und zugleich Mutter eines gemeinsamen Jungen.

Zeugin sagt zugunsten des Angeklagten aus

Die Frau aus Essen brachte Staatsanwalt Bender regelrecht in Rage, weil sie sich in Widersprüche verhedderte und offen zugab, ihre Aussage „zugunsten“ des Angeklagten zu machen, weil sie ja der gemeinsame Sohn verbinde. Das Schöffengericht bewertete ihre Aussage in der späteren Urteilbegründung als „Gefälligkeitsaussage mit vielen Widersprüchen“.
Auch der als Zeuge vorgeladene Ehemann der damals 48-jährigen Frau brachte nichts Erhellendes zu Protokoll. Er lebte im vermeintlichen Tatzeitraum zusammen mit seiner Frau und dem Angeklagten in einem Haus im Kirchhundemer Raum. Der Ehemann räumte ein, dass er schwerhörig sei und nichts von dem angeklagten Vorfall mitbekommen habe – „sonst hätte es wohl gerappelt“.
Auch seine Ehefrau sagte am Freitag abermals als Zeugin aus und beteuerte, „ich kann mich an alles erinnern, ich bin ja nicht doof“. Sie attestierte sich ein „fotografisches Gedächtnis“, der genaue Tattag blieb aber weiter im Dunkeln.

Staatsanwalt fordert drei Jahre 

Staatsanwalt Markus Bender sah es nach der Beweisaufnahme als erwiesen an, dass der Angeklagte seine ehemalige Lebensgefährtin vergewaltigt und ihr mit „erheblicher, energischer Wut“ ein Büschel Haare ausgerissen habe. Er forderte eine Freiheitsstrafe von drei Jahren. Der aus Kiel angereiste Verteidiger, Rechtsanwalt Hans-Christian Krüger, beantragte hingegen Freispruch, da er „gravierende Zweifel“ an den Vorwürfen gegen seinen Mandanten sehe. In der Beweisaufnahme sei die Frage, wem man glauben könne, nicht beantwortet worden.
Dies wertete das Schöffengericht anders. Nach längerer Beratungspause verurteilte es den Angeklagten wegen Vergewaltigung in Tateinheit mit Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten, die für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wird – unter Aufsicht eines Bewährungshelfers. Außerdem muss der Kieler 200 Sozialstunden leisten und die Kosten der Verhandlung mitsamt seiner Reisekosten tragen.

Keine Zeugen

Die Frau habe dem Geschlechtsverkehr mit dem Angeklagten zunächst zugestimmt. Dabei habe die heute 50-Jährige starke Schmerzen gespürt und den Angeklagten aufgefordert, aufzuhören. Dieser Aufforderung sei er nicht gefolgt, er habe „weitergemacht“, die Frau an den Armen verletzt sowie ihr einen Büschel Haare vom Kopf gerissen.
Zeugen für die Tat gab es bekanntlich keine. Und das Opfer bekundete am Freitag noch mal, mit niemandem über die Tat gesprochen zu haben – außer eineinhalb Jahre später mit der Polizei. Die leitete dann das Ermittlungsverfahren ein. Die Frau selbst hatte keine Anzeige erstattet.
Im Gerichtssaal wurde nach der Urteilsverkündung von keiner Seite bekundet, ob man das Urteil annehme oder Berufung respektive Revision einlege. Beides sei möglich, erklärte Richter Sondermann.
Während die 50-Jährige beim Verlassen des Gerichtsssaals ein „schönes Wochenende“ wünschte, verließ der Angeklagte zerknirscht den Raum und machte sich auf den Heimweg nach Kiel.

Autor:

Holger Böhler (Redakteur) aus Wenden

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Eine/r folgt diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen