Parallel-Initiativen gefragt

Die für die Bürgermeister reservierten Sitze blieben unbesetzt. Sie boykottierten die Veranstaltung wegen öffentlicher Äußerungen im Vorfeld.
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  • Die für die Bürgermeister reservierten Sitze blieben unbesetzt. Sie boykottierten die Veranstaltung wegen öffentlicher Äußerungen im Vorfeld.
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hobö  Problem erkannt, aber nicht gebannt. So könnte ein Fazit nach dem Kolloquium „Zukunft“ zur ärztlichen Versorgung in Südwestfalen lauten, das am Mittwoch in der Olper Stadthalle stattfand. „Wir werden das Problem heute auch nicht lösen können“, hatte Stefan Spieren schon einleitend eingeräumt. Gleichwohl, betonte der Vorsitzende des Ärzteverbunds Südwestfalen, sei es wichtig, über das Thema zu sprechen und gemeinsam nach Wegen aus der drohenden Krise zu suchen.

Hierfür hatte der Ärzteverbund Ärzte, Klinikleiter, Landräte, Bürgermeister, Kommunalpolitiker und andere Interessierte aus der Region zu der Veranstaltung in die Kreisstadt geladen. Der informativen Analyse über die ärztliche Versorgung im hiesigen Raum und der Informationen über Förderprogramme (vergl. gesonderten Bericht) folgte eine Podiumsdiskussion, die unter anderem generelle Systemkritik, Forderungen an die Politik und trotz der derzeit wenig rosigen Aussichten auch Optimismus zutage förderte.

Auffällig war, dass zunächst eine Stuhlreihe in der ansonsten gut gefüllten Stadthalle unbesetzt blieb. Hier lagen Zettel mit der Reservierungsaufschrift „Bürgermeister“ auf den Plätzen. Doch eben jene, zumindest die aus dem Kreis Olpe, blieben der Veranstaltung demonstrativ fern. Wie SZ-Recherchen ergaben, hatten sich die Chefs in den Rathäusern über Aussagen in einem Interview geärgert, das Stefan Spieren als Vorsitzender des Ärzteverbunds Südwestfalen im Vorfeld des Kolloquiums gegeben hatte. Der Hausarzt aus Hünsborn warf den Bürgermeistern hierin vor, nichts gegen den drohenden Ärztemangel zu tun. „Da rührt sich keiner“, hatte Spieren zu Protokoll gegeben und lediglich den Attendorner Bürgermeister hervorgehoben, da die Hansestadt 5000 Euro an Ärzte zahle, die sich dort niederlassen würden.

Auf die Frage von Thorsten Scheen, UWG-Fraktionsvorsitzender im Rat der Gemeinde Wenden, wo die Bürgermeister denn alle seien, gab es in der Podiumsdiskussion keine Antwort. In seiner Begrüßung hatte Stefan Spieren aber bereits kritische angemerkt, dass 33 Kommunen in den Kreisen Siegen-Wittgenstein, Olpe und Märkischer Kreis angeschrieben und gebeten worden seien, ihre Projekte im Kampf gegen den drohenden Ärztemangel im Rahmen des Kolloquiums vorzustellen. Im Foyer der Stadthalle aber stellte keine Stadt oder Gemeinde irgendetwas vor.

Dabei habe eine AOK-Umfrage aufgezeigt, dass den Bürgern die hausärztliche Versorgung enorm wichtig sei. Auf die Frage, welche „Einrichtung“ besonders wichtig sei, hätten 97 Prozent der Befragten den Hausarzt auf Platz 1 befördert.

Die ärztliche Versorgung besitze also für alle Menschen eine hohe Bedeutung, beteuerte Spieren. Betroffen seien nicht nur Kranke, sondern auch die Maßnahmen der Gesundheitsvorsorge. Ferner seien Apotheken, Physiotherapeuten, Sanitätshäuser und Pflegedienste abhängig von Ärzten vor Ort. „Es geht um ihre Zukunft“, betonte der Ärzteverbunds-Vorsitzende.

In der Podiumsdiskussion fragte ein Arzt aus Altena, ob man „auch nach einer Niederlassung gefördert oder weiter drangsaliert wird“. Dr. Dr. med. Charles Adarkwah, Facharzt aus Kreuztal und mit der Vertretungsprofessur für Versorgungsforschung an der Universität Siegen versehen, entgegnete, dass „Hausarzt sein, ein schöner Beruf ist. Mir macht mein Job Spaß, die Verdienst-Situation der Ärzte ist gut. Ein Stück weit mehr Optimismus würde uns gut tun.“

Dr. med. Thomas Giesen aus Wenden hob hervor, dass „wir alle hier motiviert sind“. Er kritisierte aber die Kassenärztliche Vereinigung, die auf mehrfache Anfragen, wie man einem jungen Kollegen bei der Niederlassung helfen könne, keine Antwort erhalten habe. Außerdem müssten Ärzte einfach nur dafür bezahlt werden, was sie leisteten, kritisierte Giesen Pauschalabrechnungen bzw. Behandlungen, die gar nicht vergütet würden. Ein Arzt aus Burbach schlug in dieselbe Kerbe: „Das System passt nicht, wenn ich auf meine Abrechnung der KV (Kassenärztliche Vereinigung) gucke. Die Bezahlung muss gerechter werden.“

Ansgar von der Osten, Geschäftsbereichsleiter Sicherstellungspolitik und -beratung bei der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL), erklärte, dass es sich hier um eine Systemfrage handele. „Das Honorarsystem werden sie nie perfekt hinkriegen, alles freizugeben, schafft das System nicht. Die KV hat doch spürbare Honorarzuwächse erkämpft.“

Fred Josef Hansen, Sprecher der Grünen-Fraktion im Olper Kreistag, fragte derweil, was der Kreis und die Politik für die Niederlassung neuer Ärzte tun könne. Landrat Frank Beckehoff wies diesbezüglich darauf hin, dass die Kassenärztliche Vereinigung den Sicherstellungsauftrag für die ärztliche Versorgung habe. „Kommunal kann man das nur begleiten“, erklärte Beckehoff. Alle Kommunen hätten sich im Übrigen mit der Frage befasst, ob man finanzielle Anreize schaffe. Ein vom Kreis Olpe gefordertes Stipendium mit einhergehender Verpflichtung zur Niederlassung vor Ort sei schwierig, da sich ein angehender Arzt bereits elf oder zwölf Jahre vor dem Einstieg in den Beruf festlegen müsse, wo er beginne. Er halte eine „Willkommenskultur für Ärzte“ hingegen für ein „spannendes Thema“.

Der Landrat verwies auf die „Willkommens-Offensive“ der Südwestfalen-Agentur mit der Zielstellung, „Fach- und Führungskräfte mit ihren Familien in Südwestfalen langfristig zu binden“, sowie die rund 890 000 Euro, die erst vergangene Woche von der Bezirksregierung zur Umsetzung der Projektidee „Perspektive Südwestfalen 2.0“ bewilligt worden seien. Das Vorhaben ziele darauf ab, das Markenimage der Region Südwestfalen nachhaltig zu verbessern und heimischen Unternehmen bei der Fachkräftesicherung unter die Arme zu greifen. Hierbei, so Beckehoff, solle unter anderem gezielt medizinisches Fachpersonal angesprochen und auf die beruflichen und privaten Perspektiven in der Region aufmerksam gemacht werden.

Volker Schmidt, Leitender Kreisverwaltungsdirektor Märkischer Kreis, meinte, ein Stipendium sei nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, „aber wir machen es“. Man habe damit bundesweit Aufmerksamkeit erregt. Ferner versuche der Märkische Kreis über ein „Medizinisches Forum“ alle Akteure an einen Tisch zu bekommen und intelligente Lösungen zu erarbeiten. Die Digitalisierung sei eine weitere Möglichkeit, das Fehlen von Ärzten auszugleichen.

Letztlich, resümierte Dr. Dr. med. Charles Adarkwah, seien viele Parallel-Initiativen gefragt, um dem drohenden Ärztemangel entgegenzuwirken. Und man dürfe nicht auf die einzelne Kommune, sondern müsse auf ganz Südwestfalen schauen.

Diskussions-Moderator Dr. med. Rainer Pfingsten, Vorstandsmitglied im Ärzteverbund Südwestfalen und Gynäkologe in Attendorn, wies auf seine gute internationale Vernetzung hin und erkannte dabei: „Nirgendwo gibt es eine bessere gesundheitliche Versorgung als in Deutschland.“ Sein Optimismus sage ihm: „Ich glaube, wir können das halten.“

Ob die Bemühungen, dem drohenden Ärztemangel entgegenzuwirken, Fortschritte bringt, kann sich vielleicht schon im nächsten Jahr zeigen. Denn Stefan Spieren verabschiedete Teilnehmer und Gäste mit den Worten „Auf Wiedersehen 2020“. Dann folgt also ein weiteres Kolloquium zu dem fürwahr bedeutenden wie komplizierten Thema der ärztlichen Versorgung in der Zukunft.

Autor:

Holger Böhler (Redakteur) aus Wenden

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