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Selbsthilfegruppe für Angehörige von Missbrauchsopfern
Schweigen schützt den Täter

Viele Kinder schweigen häufig aus Scham oder Angst, um ihre Familie nicht zu belasten. Der Grund: Die meisten Täter stammen aus dem Umfeld der Kinder.
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  • Viele Kinder schweigen häufig aus Scham oder Angst, um ihre Familie nicht zu belasten. Der Grund: Die meisten Täter stammen aus dem Umfeld der Kinder.
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  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

mari Olpe. 2019 wurden in Deutschland 15.701 Kinder als Opfer sexuellen Missbrauchs polizeilich erfasst. Doch die Dunkelziffer ist nach Schätzungen des Bundeskriminalamtes deutlich höher. So wird vermutlich nur jeder 15. Missbrauch zur Anzeige gebracht. Viele Kinder schweigen aus Scham oder Angst, um ihre Familie nicht zu belasten. Denn die meisten Täter stammen aus dem Umfeld der Kinder.
Durch den Vertrauensmissbrauch werden seelische Schäden hervorgerufen, die oft ein Leben lang bleiben, wenn sich die Opfer keine psychologische Hilfe oder Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe suchen. Doch auch Angehörige von Opfern sexuellen Missbrauchs werden oft nicht mit einem solchen Tatbestand fertig.

mari Olpe. 2019 wurden in Deutschland 15.701 Kinder als Opfer sexuellen Missbrauchs polizeilich erfasst. Doch die Dunkelziffer ist nach Schätzungen des Bundeskriminalamtes deutlich höher. So wird vermutlich nur jeder 15. Missbrauch zur Anzeige gebracht. Viele Kinder schweigen aus Scham oder Angst, um ihre Familie nicht zu belasten. Denn die meisten Täter stammen aus dem Umfeld der Kinder.
Durch den Vertrauensmissbrauch werden seelische Schäden hervorgerufen, die oft ein Leben lang bleiben, wenn sich die Opfer keine psychologische Hilfe oder Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe suchen. Doch auch Angehörige von Opfern sexuellen Missbrauchs werden oft nicht mit einem solchen Tatbestand fertig.

Selbsthilfegruppe für Angehörige

Deshalb hat sich eine betroffene Mutter, die ihren Namen nicht nennen möchte, bereiterklärt, unter dem Dach des DRK-Kreisverbands Olpe eine Selbsthilfegruppe zu gründen. Im Mehrgenerationenhaus in Olpe berichtete sie gestern von ihren schlimmen Erfahrungen, die sie anderen ersparen helfen will.
Im Alter von elf Jahren kam ihre jüngste Tochter völlig verstört nach Hause und berichtete, ihr Onkel habe sexuelle Handlungen von ihr verlangt. Sie habe sich aber gewehrt und sei weggelaufen. „Wir haben sofort den Familienrat einberufen und meinen Schwager zur Rede gestellt. Zunächst hat er es abgestritten, es dann aber zugegeben“, so die Siegerländerin.

Kontakt zu Onkel abgebrochen

Eine Anzeige wurde damals nicht gestellt. Auch vor dem Hintergrund, dass es zu keiner Tat gekommen war. „Er hat versprochen, in Therapie zu gehen, was er aber dann doch nicht gemacht hat. Und wir wollten meine Schwester schützen, die selbst drei Jungen und ein behindertes Mädchen hatte. Im Nachhinein gehe ich aber davon aus, dass er auch seine eigenen Kinder, besonders das behinderte Mädchen, sexuell missbraucht hat. Den Kontakt haben wir aber abgebrochen.“

Tochter wollte Mutter nicht belasten

Was die Mutter jedoch damals noch nicht wusste: Ihre älteste Tochter, die heute im Raum Wenden lebt, wurde über Jahre von dem Onkel sexuell missbraucht. „Sie hat es mir erst vor zehn Jahren erzählt. Ihre Schwester wusste davon, und sie hat sie dazu gedrängt, es mir endlich zu sagen. Es begann, als sie vier Jahre alt war. Als sie in die Pubertät kam, hat sie sich dann gewehrt, weil sie wohl merkte, dass das alles nicht in Ordnung war. Sie hat es mir aber nicht gesagt. Ich vermute, weil sie mich schützen wollte.“
Seit sie von den schlimmen Erlebnissen weiß, begleiten sie Wut und Fassungslosigkeit. „Anzeigen kann man das leider nicht mehr, weil es nach zehn Jahren verjährt ist.“

Schuldgefühle begleiten die Mutter

Daneben plagen sie große Schuldgefühle: „Ich bin tagelang neben mir hergelaufen, hatte einen Nervenzusammenbruch und habe mich schuldig gefühlt, weil ich nichts gemerkt habe. Das wird mich wohl ein Leben lang begleiten. Ich schaue heute noch oft Kinderfotos an, um irgendwas in den Mienen meiner Töchter zu entdecken.“

Trauma aus der Kindheit

Dass ihre Töchter das Trauma aus ihrer Kindheit mit durchs Leben schleppen, belastet die Mutter sehr. „Meine jüngste Tochter verfiel nach dem Vorfall in eine Magersucht, und wir mussten sie in die Kinderklinik bringen. Ihre Kinderseele wollte nicht erwachsen werden. Sie trug seitdem nur weite Kleider, um ihre weiblichen Formen zu verdecken.“ Die Ehe ihrer ältesten Tochter sei gescheitert, weil sie bei ihrem Mann aufgrund ihrer depressiven Phasen auf kein Verständnis stieß. „Sie ist zum zweiten Mal verheiratet, und diese Ehe ist zum Glück sehr glücklich. Sie hat noch ein kleines Kind bekommen, und ihr Mann unterstützt sie und redet mit ihr über ihre Gefühle.“

Gruppe für Opfer sexuellen Missbrauchs

Vor zwei Jahren trat die älteste Tochter der damals in Olpe neu gegründeten Selbsthilfegruppe für Opfer sexuellen Missbrauchs bei. „Das hat ihr sehr geholfen, seitdem ist etwas passiert und sie arbeitet an sich“, so die Mutter. „Inzwischen redet sie über ihre schlimmen Kindheitserfahrungen. Endlich ist sie auch soweit, sich psychologische Hilfe zu suchen. Was ich aber nicht verstehe, Täter kriegen sofort einen Psychologen an ihre Seite, Opfer müssen zwei bis drei Jahren warten.“

Schlimme Erfahrungen verarbeiten

Ihre Tochter habe in der Selbsthilfegruppe erfahren, wie sehr Reden und Austauschen helfen können, um die schlimmen Erfahrungen zu verarbeiten. „Deshalb habe ich mich auf ihren Wunsch hin entschlossen, anderen betroffenen Eltern auf der Ebene eines Gesprächskreises die Möglichkeit zum Austausch zu geben. Denn auch Angehörige sind Opfer“, erklärte die 70-Jährige. „Reden ist so wichtig, Das habe ich in unserer Ehe bemerkt, in der es durch die Vorfälle auch Spannungen gab. Mein Mann hat genauso gelitten wie ich, doch jeder von uns hat versucht, das für sich zu verarbeiten. Doch wenn man mit Gleichgesinnten redet, merkt man, dass sie nachfühlen können, was man erlebt hat und was einen bedrückt.“

Schweigen schützt den Täter

Ulrike Bell von der Selbsthilfe-Kontaktstelle ist dankbar, dass die betroffene Mutter den Mut zur Gründung der Selbsthilfegruppe für Angehörige von Opfern sexuellen Missbrauchs hat: „Es ist wichtig, solche Vergehen aus der Tabuzone rauszuholen. Wenn man schweigt, schützt man den Täter. Und so kann man Verständnis über die eigene Betroffenheit erreichen.“
Das erste Treffen für die neue Selbsthilfegruppe ist am Mittwoch, 28. Oktober, um 18 Uhr in Olpe geplant. Anmeldungen bei der Selbsthilfe-Kontaktstelle, Tel. (0 27 61) 26 43, shk@kv-olpe.drk.de. Die Örtlichkeit wird dann am Telefon oder in der Antwortmail bekanntgegeben.

Viele Kinder schweigen häufig aus Scham oder Angst, um ihre Familie nicht zu belasten. Der Grund: Die meisten Täter stammen aus dem Umfeld der Kinder.
Ulrike Bell von der Selbsthilfe-Kontaktstelle.
Autor:

Marianne Möller

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