Seltsamer Freundschaftsdienst

Eineinhalb Jahre Freiheitsstrafe und zehn Monate auf Bewährung für Sparbuch-Betrug

rudi Olpe. Wie verschieden der Begriff des Freundschaftsdienstes aufgefasst werden kann, wurde gestern Morgen wieder deutlich, als das Jugendschöffengericht verhandelte. Ein 18-jähriger Olper sowie ein 22-jähriger in Olpe wohnhafter türkischer Mitbürger waren dabei angeklagt, einem 23-jährigen Einzelhandelskaufmann aus Wenden das Konto »geplündert« zu haben. Eine Freiheitsstrafe von eineinhalb Jahren sowie eine zehnmonatige Bewährungsstrafe sollten die Angeklagten letztlich erwarten.

Im August des vergangenen Jahres sei dem Geschädigten Omar G.* bei einem Treffen in der Olper Innenstadt eine Parkscheibe samt Sparbuch aus der Seitentasche seines Autos gefallen, sagten beide Angeklagten aus. Nach kurzem Überlegen entschlossen sich der 18-jährige Daniel K. sowie der 22-jährige Ali B., mit dem stattlichen Betrag die horrende Schuldensumme von mehr als 3000e auszugleichen, die Daniel K. durch lange Handy-Telefonate zu tilgen hatte. Bevor die beiden am nächsten Tag zur Tat schritten, übten sie sich zunächst darin, die Unterschrift des eigentlichen Sparbuch-Eigentümers bestmöglichst zu imitieren.

Ali B. gab sich am Folgetag zunächst in der Gerlinger Volksbank-Filiale als Kontoinhaber aus und unterschrieb mit dessen Namen. In Anwesenheit seines Komplizen hob er zweimal innerhalb von drei Minuten jeweils 500e ab. Tags darauf übernahm Daniel K. die Urkundenfälschung. Am Nachmittag ließ er sich in der Wendener Bank-Filiale zunächst 1500e, kurz darauf in Drolshagen 1400e auszahlen. Nach einem ursprünglichen Konto-Stand von nur etwas mehr als 3900e war das Konto somit fast komplett leer geräumt.

Trotz gleicher »Anstrengungen« gab der Ältere der beiden Täter sich zugunsten von Daniel K. mit lediglich 300e zufrieden. »Das machen wir so unter Freunden«, lautete die eindeutige Erklärung von Daniel K. diesbezüglich. Angesichts der Tatsache, dass der Angeklagte Ali B. mehr als elf Jahre mit dem Geschädigten befreundet war, konnte auch Richter Richard Sondermann diese Aussage nur müde belächeln.

Nach dem Vorfall traten beide Angeklagten in unterschiedlicher Weise mit dem Geschädigten in Verbindung, um eine Schadensregulierung auszuhandeln. Eine Einigung konnte jedoch nicht getroffen werden, da sich Omar G. nicht auf die Vorschläge der vermeintlichen Freunde einließ. Angesichts der Tatsache, dass beide Angeklagten auch gestern nicht glaubwürdig darstellen konnten, einen Arbeitsplatz sowie entsprechendes Einkommen zu haben oder in nächster Zeit eine »Geldquelle« aufzutun, verwunderte dies weder Richter Sondermann noch Staatsanwalt Hans-Werner Münker.

Vor allem die Umstände, die der Tat vorausgegangen waren, fielen den Angeklagten auf die Kehrseite. Nur drei Wochen vor der Tat hatten sich beide bereits wegen gemeinschaftlichen Diebstahls vor Gericht zu verantworten. Gerade der jüngere Daniel K. hätte danach gewarnt sein müssen. Ihm wurde bereits eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten zur Bewährung »aufgebrummt«. »Dann müssen wir ja davon ausgehen, dass das wieder so läuft«, zeigte sich Richter Sondermann skeptisch gegenüber den Beteuerungen des Angeklagten, er habe sich gebessert. Dies sei »lupenreines Bewährungsversagen«. Gegen die Glaubwürdigkeit des Angeklagten sprach zudem, dass dieser bis heute 100 ausstehende Sozialstunden trotz mehrmaliger Ermahnungen noch nicht abgeleistet hat.

Trotz intensiver Bemühungen des Verteidigers konnte auch dem angeklagten Ali B. keine »reine Weste« bescheinigt werden. »Faul, verlogen, arbeitsscheu«, lautete die eindeutige Bewertung des Bewährungshelfers, der recht skurrile Begebenheiten über den 22-Jährigen zu berichten wusste.

Wegen gemeinschaftlicher Urkundenfälschung und Betrug in vier Fällen wurde Ali B. deshalb zu einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten auf Bewährung sowie zu 80 Sozialstunden verurteilt. Bisher hätten sich die Straftaten des Angeklagten noch auf der Ebene »richterlicher Weisungen« ereignet, begründete Richter Sondermann das Urteil. Man wolle dem 22-Jährigen noch eine Chance einräumen. Aufgrund der »hoch kriminellen Energie« des Daniel K. wurde dieser zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt. »Er ist ein klassischer Bewährungsversager«, so Sondermann, »deutlicher geht's eigentlich nicht« (* Namen von der Redaktion geändert).

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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