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Anwalt rang Krankenkassen Zusage ab
„Teuerste Spritze der Welt“

Johannes Kaiser in seiner Anwaltskanzlei an der Bruchstraße in Olpe. Der in Brachbach wohnende Jurist hat in drei Fällen eine in Deutschland noch nicht zugelassene Gentherapie „durchgeboxt“. Die Krankenkassen erklärten sich bereit, jeweils 1,9 Mill. Euro für die derzeit „teuerste Spritze der Welt“ zu zahlen.  Foto: Holger Böhler
  • Johannes Kaiser in seiner Anwaltskanzlei an der Bruchstraße in Olpe. Der in Brachbach wohnende Jurist hat in drei Fällen eine in Deutschland noch nicht zugelassene Gentherapie „durchgeboxt“. Die Krankenkassen erklärten sich bereit, jeweils 1,9 Mill. Euro für die derzeit „teuerste Spritze der Welt“ zu zahlen. Foto: Holger Böhler
  • hochgeladen von Holger Böhler (Redakteur)

hobö Olpe. Jeder kennt sie, die Berichte über Krankenkassen, die sogar wenig kostspielige Behandlungs- oder Therapiemethoden nicht bezahlen wollen. Vor diesem Hintergrund erscheint das, was Johannes Kaiser erreicht hat, geradezu sensationell. Der Rechtsanwalt aus Olpe rang in den vergangenen Wochen gleich mehreren Krankenkassen die Zusage ab, das derzeit teuerste Medikament der Welt für eine Gentherapie zu bezahlen. In einem Fall ist die Behandlung bereits erfolgt, in zwei weiteren Fällen steht sie bevor. Gegenüber der SZ erklärte Johannes Kaiser, wie es dazu kam, die Bezahlung der „teuersten Spritze der Welt“ durchzusetzen – und das nach seiner Einschätzung deutschlandweit zum ersten Mal.

Rückblick: Michael aus Ludwigsburg erblickte am 15.

hobö Olpe. Jeder kennt sie, die Berichte über Krankenkassen, die sogar wenig kostspielige Behandlungs- oder Therapiemethoden nicht bezahlen wollen. Vor diesem Hintergrund erscheint das, was Johannes Kaiser erreicht hat, geradezu sensationell. Der Rechtsanwalt aus Olpe rang in den vergangenen Wochen gleich mehreren Krankenkassen die Zusage ab, das derzeit teuerste Medikament der Welt für eine Gentherapie zu bezahlen. In einem Fall ist die Behandlung bereits erfolgt, in zwei weiteren Fällen steht sie bevor. Gegenüber der SZ erklärte Johannes Kaiser, wie es dazu kam, die Bezahlung der „teuersten Spritze der Welt“ durchzusetzen – und das nach seiner Einschätzung deutschlandweit zum ersten Mal.

Rückblick: Michael aus Ludwigsburg erblickte am 15. August 2018 als fröhliches und offensichtlich gesundes Kind das Licht der Welt. Nur sechs Wochen später bemerkten seine Eltern, dass er plötzlich kraftlos wirkte und seine Ärmchen fallen ließ. Wenige Tage später erhielten die Eltern die niederschmetternde Diagnose, derzufolge Michael an Spinaler Muskelatrophie (SMA) vom Typ 1 erkrankt ist. SMA ist genetisch bedingt und bewirkt einen fortlaufenden Verfall der Muskelkraft, was in fast in allen Fällen zum Tod nach nur zwei Lebensjahren führt. Das verantwortliche Gen bildet zu wenig Eiweiß, das für den Erhalt der Motoneurone notwendig ist. Als Folge verkümmern Nervenzellen, die für Muskelfunktionen wie Atmen, Schlucken, Sprechen und Gehen verantwortlich sind.

Die Familie sah für Michael nur eine Chance: eine ausschließlich in den USA zugelassene Gentherapie. Sie startete eine Spendenkampagne (helpmichael.de) und brachte auf diesem Wege sage und schreibe 1,3 Mill. Euro zusammen. Dies reichte aber immer noch nicht, um die Reise in die Vereinigten Staaten mitsamt der Behandlung zu finanzieren.

„Jeden Tag stirbt ein kleiner Teil von ihm“, wandte sich die Familie hilfesuchend an die Öffentlichkeit. Letztlich mit dem ersehnten Erfolg, denn in einem „Facebook“-Forum wurde Johannes Kaiser auf den verzweifelten Hilferuf von Michaels Familie aufmerksam. „Ich habe gedacht, da stimmt doch was nicht. Warum zahlt die Krankenkasse nicht?“, blickt der Rechtsanwalt, der seine Kanzlei an der Bruchstraße in Olpe betreibt, auf die erste Reaktion zurück. Er nahm Kontakt mit Michaels Familie auf, und beide Seiten kamen schnell überein, dass Johannes Kaiser den todkranken Jungen aus Ludwigsburg anwaltlich vertritt.

Der Jurist verweist in diesem Zusammenhang auf den sogenannten „Nikolaus-Beschluss“ – eine wegweisende Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 6. Dezember 2005. In dem zu Grunde liegenden Rechtsstreit begehrte ein gesetzlich krankenversicherter Patient eine Bioresonanztherapie. Die Bezahlung selbiger lehnte seine Krankenkasse mit dem Verweis auf gesetzlich vorgeschriebene Leistungsbeschränkungen ab. Der Rechtsstreit ging bis vor das Bundesverfassungsgericht, das schlussendlich in der Haltung der Krankenkasse sowie vorheriger gerichtlicher Instanzen einen Verstoß gegen Grundrechte und das Sozialstaatsprinzip sah. Wenn zugelassene Therapien nicht mehr griffen, dann müssten Krankenkassen als Ausfluss von Menschenwürde ausnahmsweise auch Kosten von noch nicht zugelassenen Therapien übernehmen, fasst Johannes Kaiser die Entscheidung des Bundesverfassungsgericht zusammen.

Der 1977 in Dortmund geborene Jurist konfrontierte die Krankenkasse in vielen Telefonaten und mit einem „platzierten sachgerechten Antrag“ auch mit dem „Nikolaus-Beschluss“. „Ich war mir sicher, dass wir das Ding gewinnen“, erklärt Kaiser im Gespräch mit der SZ zurückblickend. „Ich habe natürlich für beständigen Druck gesorgt und mit dem Gang vor Gericht gedroht – aber das alles so schnell ging, hat mich überrascht.“

Lediglich zehn Tage, nachdem Kaiser den Rechtsbeistand für Michael übernommen hatte, ging die Zusage der Krankenkasse ein, die Kosten für die Behandlung des Einjährigen mit dem Medikament „Zolgensma“ zu übernehmen. Hierbei handelt es sich um die besagte Gentherapie, die nur in den USA zugelassen ist.

Die Einmaldosis mit „Zolgensma“ des Schweizer Herstellers Novartis kostet 2,1 Mill. US-Dollar, umgerechnet also rund 1,9 Mill. Euro. Daher machte das Medikament als „teuerste Spritze der Welt“ Schlagzeilen. Auch ein Grund, warum der Transport des Medikaments sehr aufwändig ist und verschiedenen Berichten zufolge von Sicherheitsdiensten bewacht wird.

Die Familie von Michael schrieb in besagten Foren natürlich voller Freude: „Liebe Freunde und Retter von Michael, wir sind überwältigt! Soeben hat uns die Meldung erreicht, dass die Krankenkasse die Behandlungskosten für Michael mit dem Medikament ,Zolgensma’ übernimmt und sogar eine Behandlung in Deutschland ermöglicht!“

Die Spritze ist Michael im September verabreicht worden. „Der Behandlungseffekt hat uns alle umgehauen“, erinnert sich Kaiser. „Das hat meine Erwartungen bei weitem übertroffen.“ Schon wenige Tage nach der Behandlung musste Michael nicht mehr künstlich beatmet werden und konnte einige Wochen danach sogar sitzend mit einem Ball spielen.

Nach dem Erfolg für Michael gelangen Johannes Kaiser in den vergangenen Wochen gleich zwei Erfolge: für die drei Monate alte Calotta aus Rheinland-Pfalz und den sieben Monaten alten John aus Sachsen. Die Krankenkassen haben laut Kaiser auch für diese Babys die Kostenübernahme für die Gentherapie mit „Zolgensma“ zugesagt. Hier liefen noch Voruntersuchungen, ehe die Behandlung erfolgen könnten. Mit der derzeit „teuersten Spritze der Welt“ verknüpft man die Hoffnung, dass diese den derzeit noch todkranken Kindern ein ganz normales Leben ermöglicht.

„Natürlich ist das ein gutes Gefühl“, freut sich Johannes Kaiser über das Erreichte. Der Rechtsanwalt weiter: „Ich mag mir gar nicht vorstellen, was eine solche Diagnose für die Eltern bedeutet. Daher ist es auf jeden Fall berührend, wenn ich helfen kann.“ Obwohl der in Brachbach wohnende Anwalt außergerichtlich Erfolg hatte, wünscht er sich aus juristischer Sicht in einem gleichgelagerten Fall den Gang vor ein Gericht. „Eine eindeutige gerichtliche Entscheidung als Präzedenzfall wäre mir lieb. Denn es gibt viele Kinder, die nicht mehr lange auf eine Behandlung warten können.“ Derzeit gehe man von 50 Neugeborenen aus, die jedes Jahr in Deutschland mit der tückischen Krankheit SMA vom Typ 1 geboren werden.

In diesem Kontext freut sich der Fachanwalt für Arbeitsrecht, Versicherungsrecht und Sozialrecht selbstredend über die mediale Aufmerksamkeit. Sie helfe ihm als Anwalt sowie natürlich den betroffenen Kindern und Familien. Am Dienstag dieser Woche erhielt Kaiser im Übrigen, seinen nunmehr vierten Auftrag, in einem SMA-Fall anwaltlich aktiv zu werden.

Autor:

Holger Böhler (Redakteur) aus Wenden

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