»Theologie steckt in schwerer Krise«

Dr. Peter Lüning referierte über Gemeinsames und Trennendes der Konfessionen

win Olpe. Ökumene – ein altes und doch ständig aktuelles Thema. Zurzeit läuft in Olpe die Ökumenische Woche, und am Wochenende praktizierten die Pfarrer Bernd Woydack (Evangelische Kirchengemeinde) und Dechant Friedhelm Rüsche (katholische St.-Marien-Gemeinde) den »Kanzeltausch«: Rüsche sprach zu den Christen in der Evangelischen Kirche, Woydack predigte vor den Katholiken.

Vor nicht all zu langer Zeit war so etwas undenkbar. 1848 gruben Drolshagener Katholiken den Sarg des ersten evangelischen Christen aus, der auf »ihrem«–Friedhof bestattet worden war. Seitdem wurden große Fortschritte im Miteinander der beiden Konfessionen erreicht. Das Interesse an Ökumene ist groß.

Rund 80 Zuhörer fanden sich am Dienstagabend im Saal des Evangelischen Gemeindehauses ein, um sich einen Vortrag zum Thema »Ökumene« anzuhören. Dr. Peter Lüning vom Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik aus Paderborn, einer Einrichtung des Erzbistums, sprach zum Thema »Einheit ade? – Chancen und Risiken der Ökumene«. Dechant Rüsche und Pfarrer Woydack begrüßten die Gäste. Rüsche blickte zurück: Gerade in den 70er Jahren sei viel in Sachen Ökumene passiert, »jetzt aber klagen viele über Stillstand«.

Ökumene sei von Gott gegeben und könne nicht durch die Trennung der Kirchen verneint werden. Katholische wie evangelische Christen müssten mit Paradoxien leben, etwa, dass sie durch die Taufe zum einen in die Kirche Gottes aufgenommen würden, zum anderen in die jeweilige Konfession. Nach dem Zweiten Vatikanum habe sich viel bewegt, doch durch die zunehmende Säkularisierung liege die Ökumene selbst in früher sehr aktiven Gemeinden darnieder. »Die ökumenische Theologie steckt in einer schweren Krise«, so Dr. Lüning, »aber nicht nur die ökumenische, sondern die gesamte Theologie.« Im Gegensatz zu früheren Krisen bedrohe jetzt kein kämpferischer Atheismus die Kirche, sondern »schleichende Gottesbewusstseinslosigkeit«. Viele Gemeinden werden laut Lüning nur noch durch die Aktivitäten zusammengehalten, es herrsche das Denken »Kirche ja – Gott nein« vor. »Wenn wir die Ökumene wieder ins Bewusstsein bringen wollen, müssen wir das Gottesbewusstsein zurück in die Gemeinden bringen.« Noch bis in die 80er Jahre hätten Religionslehrer in den Schulen mit den Schülern über die Sinnfragen des Lebens sprechen können, »spätestens seit den 90ern stellen sich die meisten Schüler diese Frage nicht mehr«. Es gehe nur noch darum, wie am Monatsende die Tasche am Vollsten sei. Die Sinnfragen seien unter »dem Berg eines oberflächlichen Konsumismus verschwunden«.

Die dem Glauben völlig entfremdeten Menschen könnten allenfalls über Symbolik an das Christentum herangeführt werden, etwa durch das Kreuz, durch Wasser, Brot und Wein. Das Problem der Ökumene liege darin, dass gerade diese Symbole fest auf verschiedene Weise in die jeweiligen Konfessionen eingebunden seien. In der katholischen Kirche etwa sei das Kreuz mit dem Korpus Christi üblich, in der evangelischen Kirche ein schlichtes Kreuz ohne Korpus. Die Symbolik könne den Menschen zwar zurück zur Kirche bringen, aber führe ihn gleichzeitig in die jeweilige Konfession.

Einheit der Kirchen dürfe nicht Gleichmacherei bedeuten, »Einheit widerspricht Vielfalt nicht«. Wenn dieser Weg weiter verfolgt werde, dann bestehe auch weiterhin ein ökumenischer Dialog. Es müsse verschiedene Angebote des christlichen Glaubens geben. »Nicht jede Differenz muss überwunden werden«, warnte Dr. Lüning.

Anschließend nutzten die Anwesenden intensiv die Gelegenheit, Fragen zu stellen und zu diskutieren. Dabei ging es zum Teil hoch her. Manche Anwesende glaubten nicht, dass die Situation in den Schulen so drastisch sei wie vom Referenten geschildert. Mehrere Anwesende bestätigten aber, dass das Grundwissen in Sachen Religion und Glaube oft nicht nur gegen Null tendiere, sondern bei Null liege. Pfarrer Clemens Steiling kritisierte, dass der Referent alles in Schubladen einordne. Er widersprach Dr. Lüning, der behauptet hatte, die Jugend stelle keine Sinnfragen mehr.

Letztlich freute sich Gerd Schreiner, Vorsitzender des Dekanatsbildungswerks: »Ich habe seit Jahren nicht mehr erlebt, dass so hin und her diskutiert wurde. Ich finde das schön!« Applaus erntete Dr. Peter Lüning für sein Schlusswort: »Ich bitte beide Kirchenleitungen um mehr Mut zur Ökumene.«

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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