Versunkene Heimat wurde lebendig

Ausstellung an Bord der »Westfalen« / Großeltern zeigten Enkeln die Orte ihrer Ahnen

mari Sondern. Etwas Wehmut lag im Blick von Willy Kebben, als er am Freitag auf der MS Westfalen die Fotogalerie betrachtete, die seine frühere Heimat vor dem Einstau des Biggesees zeigt. »Hier habe ich mit meiner Familie gelebt«, sagt der heute 75-Jährige und zeigt auf den Hof Ackerschott, der damals zu Alt-Listernohl gehörte. Gemeinsam mit 2550 anderen Bürgern musste der ehemalige Bauunternehmer Haus und Hof für die Wasserversorgung und -regulierung des Ruhrgebiets verlassen. »Die Städte Olpe und Attendorn wollten uns in Randgebiete verweisen«, erinnert sich Willy Kebben noch gut. »Doch wir haben als Dorfgemeinschaft gekämpft, um zusammen zu bleiben und haben es mit viel Kraft geschafft.« Neu-Listernohl wurde sein neues Zuhause. Im Laufe der Jahre hat er den Vorort von Attendorn auch als Heimat lieb gewonnen: »Neu-Listernohl ist ein schönes Dorf geworden und Heimat macht auch die Menschen aus, die um einen herum sind. Und wir Nachbarn sind ja zusammen geblieben.« Willy Kebben ist heute froh, dass alles so gekommen ist, denn die schöne Landschaft um den Biggesee fasziniert ihn immer wieder neu. Bei der Umsiedlung hatte er als damaliger CDU-Vorsitzender die Ehre, Bundeskanzler Konrad Adenauer zu begrüßen. »Ich habe ihm ein Foto überreicht, das ihn in Köln zusammen mit Kennedy zeigt. Die Begegnung hat eine Frau aus Neu-Listernohl fotografiert und das Bild zeigt die beiden Politiker in vertrauter Atmosphäre. Darüber hat sich Adenauer sehr gefreut.«

Mit Willy Kebben schwelgten mehr als 200 Bürgerinnen und Bürger in Nostalgie. Möglich gemacht hatte die Rückschau Wolfgang Keseberg, Chef der Personenschifffahrt Biggesee. Für die Fahrt mit dem MS »Westfalen« über den Biggesee hatte er mehr als 250 Bilder gesammelt, die er in der Galerie und in einem dicken Fotoalbum ausstellte. Es waren 23 kleinere Orte, die seinerzeit im Tal versanken. Namen wie Klinke, Alte Weuste, Schneppenohl und Langenohl sind der jüngeren Generation heute längst nicht mehr geläufig. Eine wahrlich nicht leichte Zeit für die Menschen, die ihre Heimat aufgeben mussten. Neben soziologischen Problemen galt es auch viele technische Fälle zu lösen. Der Waldbestand wurde gefällt und gerodet, Häuser und Höfe wurden abgerissen und neue Anlagen für alte Verkehrswege gebaut. Mit welchem Aufwand der Bau der Biggetalsperre dann betrieben wurde, zeigte ein Schwarz-Weiß-Film mit dem Titel »Ein Tal versinkt im See«, den Wolfgang Keseberg vom Ruhrtalsperrenverein ausgeliehen hatte.

Mit Seilwinden wurden die Lastwagen von Kranen ins Tal gehoben, um den Beton für die Innendichtung abzuladen. Besonders komplex gestalteten sich der Bau der Brücken und Dämme. Doch letztlich war es soweit: Am 5. November 1965 drückte der damalige Ministerpräsident Dr. Franz Meyers auf den Knopf, der die Schleusen schloss, damit sich das Wasser stauen konnte. Dieses Foto vom Knopfdruck Meyers’ hatte Johannes Keseberg, Vater von Wolfgang Keseberg, dabei. Für ihn war es eine Katastrophe, als er seinen Hof am Höhlchen aufgeben musste. Denn damit wurde ihm auch die Landwirtschaft, seine ganze Existenz, genommen. Stolz zeigt er ein Foto seiner früheren Heimat bei der Sonderner Talbrücke, und dabei schimmern seine Augen feucht. »Ich wollte gern am Sonderner Kopf einen neuen Hof aufbauen, wo ich eigenes Land hatte, doch mein Besitz wurde nach und nach beschlagnahmt, ich bekam in Sondern einen Hausplatz angewiesen und musste bei Hoesch in Attendorn arbeiten«, erinnert sich der heute 77-Jährige. Das war für ihn besonders schlimm, denn er hatte vier Kinder zu versorgen: »Von der Landwirtschaft konnte man als Selbstversorger mit 40 Morgen Land wenigstens noch leben, doch vom Fabriklohn blieb nichts übrig.«

Eineinhalb Jahre lang wohnte die Familie in einer Mietwohnung, bevor es ins eigene Haus ging. Dieses wurde zwar vom Ruhrverband finanziert, Johannes Keseberg musste aber später 35000DM Steuern nachzahlen. Der Familie ging es erst besser, als sie sich mit einem Imbissstand an der Sonderner Talbrücke, wo heute der Standort der Caféteria am Hafen ist, ein zweites Standbein schaffte. Heute hat Johannes Keseberg die schmerzliche Vergangenheit überwunden und erfreute sich, wie die übrigen Gäste, an der schönen Umgebung und dem See, die sich zu einem Urlaubsparadies entwickelt haben.

Zahlreiche Bürger sagten persönlich Danke bei Wolfgang Keseberg und seiner Familie für ein besonderes Erlebnis bei Kaiserwetter. Und manche Großeltern konnten ihren Enkeln zeigen, wo sie früher gelebt haben. Dabei wurden viele Erinnerungen wach. Willy Kebben sagte treffend: »Bilder geben der Erinnerung Leben.«

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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