Von „auf Null“ bis zum „Drive-in“

Renate Zeppenfeld hat nach dem „Shutdown“ erstmal eine Grundreinigung vorgenommen – die blitzblank polierten Gläser sind nun mit einem großen weißen Tuch verdeckt, sie werden nicht gebraucht und erst dann wieder herausgeholt, wenn mit der Wiedereröffnung erneut alles auf Hochglanz gebracht werden muss. Doch wann das sein wird, kann derzeit niemand sagen. „Diese Ungewissheit bereitet mir Sorgen“, so die Chefin vom Hotel-Restaurant Zeppenfeld in Wenden.   Foto: yve
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  • Renate Zeppenfeld hat nach dem „Shutdown“ erstmal eine Grundreinigung vorgenommen – die blitzblank polierten Gläser sind nun mit einem großen weißen Tuch verdeckt, sie werden nicht gebraucht und erst dann wieder herausgeholt, wenn mit der Wiedereröffnung erneut alles auf Hochglanz gebracht werden muss. Doch wann das sein wird, kann derzeit niemand sagen. „Diese Ungewissheit bereitet mir Sorgen“, so die Chefin vom Hotel-Restaurant Zeppenfeld in Wenden. Foto: yve
  • hochgeladen von Yvonne Clemens (Redakteurin)

yve  Die rasche Ausbreitung von Covid-19 und der damit verbundene Corona-Shutdown war für die Gastronomiebetriebe in der Region ein tiefgreifender Einschnitt. Nur wenige Tage nach der Kontaktsperre blieben Restaurants, Kneipen und Cafés unter bestimmten Sicherheitsauflagen geöffnet, dann fiel der Vorhang – Kurzarbeit statt Kommunion, Hochzeiten, Geburtstage und Thekenbetrieb. Mehr als drei Wochen sind seitdem vergangen. Wie haben die Gastronomen diese Zeit erlebt? Was sagt ihr Blick in die Kristallkugel?

Die SZ fragte nach und erfuhr von tapferem Durchhalten, Großprojekten und Erfindergeist, aber auch von Sorgen und Ängsten wie bei Renate Zeppenfeld, Chefin des Restaurant-Hotels Zeppenfeld in Wenden. Ihr Gläserschrank ist abgehangen, kein frisches Bier verlässt mehr den Zapfhahn. Alles andere als Erholung sei die verordnete Zwangspause, erzählt die Betreiberin. „Damals habe ich die Betriebsferien abgeschafft, um Umsatzverluste zu vermeiden.“ Unter die abgesagten Buchungen seien viele Großveranstaltungen gefallen. Und insbesondere der Verzicht auf das Kommuniongeschäft bedeute starke wirtschaftliche Einbußen. „Das kann man nicht wieder aufholen.“

Minimal laufe der Hotelbetrieb, vier bis fünf Zimmer seien unter der Woche belegt. Zumindest an Ostern wird Renate Zeppenfeld ihre Küche wieder in Betrieb nehmen und einen Abholservice anbieten. Die Speisekarte ist auf der Homepage und in den sozialen Netzwerken veröffentlicht. „Mit so vielen Bestellungen habe ich gar nicht gerechnet.“ Die Menschen zeigten sich solidarisch. „Dafür bin ich sehr, sehr dankbar.“ Ob sie das „Essen to go“-Angebot nach den Feiertagen weiterführt, weiß sie noch nicht. „Ich überlege daran und informiere darüber rechtzeitig.“ Im Gespräch mit der SZ bedauerte Renate Zeppenfeld, dass sie so viel habe entsorgen müssen. Reichlich Lebensmittel seien zwar verschenkt worden, doch nicht wenig habe in den Müll wandern müssen. „Das glich schon einer Inventurliste.“ Und dann muss Renate Zeppenfeld grinsen. „Alle suchen nach Toilettenpapier, ich habe es bis auf unbestimmte Zeit abbestellt.“ Es ist die Ungewissheit, wie es in den nächsten Wochen weitergehe, die Renate Zeppenfeld wieder ernste Töne anschlagen lässt.

So sieht es auch Mario Girardi, der mit Francesco Ferrara das „Ristorante l’Isoletta“ in Olpe betreibt. Mit Skepsis blickt er den kommenden Schönwetter-Tagen entgegen. „Das Ostergeschäft und die Kommunionen fehlen uns, das ist immer unser Schwung, um den Sommer zu überstehen.“ Sein Lokal sei ja nicht mit einem Biergarten ausgestattet und Menschen bevorzugten es, in dieser Zeit draußen zu sitzen. Aktuell stehen die beiden Chefs alleine in der Küche. Sie kochen weiterhin, bringen die Speisen nur nicht mehr an die Tische, sondern an den mit einer Plexiglasscheibe versehenen Ausgang, wo Kunden sie abholen können. Lediglich 10 Prozent des normalen Umsatzes fließe damit in die Kasse. „Es sind eben die Getränke, an denen wir das meiste verdienen.“ Auch über die Osterfeiertage wird der Abholservice angeboten – „und Karfreitag gibt es leckeren Fisch bei uns“.

Auf Spargel setzt die Inhaberfamilie des Gasthofs Scherer in Schönau an Ostersamstag und -sonntag. Das Stängelgemüse hat Christoph Butzkamm zur abgespeckten Karte hinzugefügt. Bei Kerzenlicht und einem Glas Silvaner im Restaurant darf der natürlich nicht genossen werden. Doch die Familie Butzkamm hat sich etwas Pfiffiges einfallen lassen und ihren Gasthof für die Wochenenden in einen „Drive-in“ umfunktioniert. Am vergangenen Wochenende ist er in Betrieb gegangen. „Das lief überraschend gut. Die Autos kamen im Fünf-Minuten-Takt.“ Christoph Butzkamm wertet das als einen Erfolg, auch wenn der „Drive-in“ die Verluste selbstverständlich nicht kompensieren könne. Doch er freut sich über die gut gelaunten Kunden, die vorfahren. „Die Menschen finden das lustig, sie haben alle ein Lächeln im Gesicht.“ Und noch etwas Gutes gewinnt er der Lage ab. Es sei die Zeit für andere Dinge. So wurde im Gasthof Scherer fast in allen Räumen der Farbpinsel geschwungen und bereits eine neue Fläche mit Tännchen für den Weihnachtsbaumverkauf gepflanzt. Seine Mutter Ursula vermisst aber die Kontakte – „das ist schon komisch“.

Zeit ist auch der Faktor, den die Familie Koch von „Kochs Stadthotel“ in Olpe nutzt, um ihre Immobilie „aufzumöbeln“. „Wir renovieren das ganze Haus“, so Mitgeschäftsführer Thomas Koch. Einen Abholservice im Restaurant „Altes Olpe“ bietet er nicht an – das korrespondiere eher weniger mit dem Hauptklientel. Stattdessen hat er einen „Corona Special Service“ eingerichtet – Homeoffice in einem der Business-Zimmer. „Wir haben bereits Anfragen erhalten“, zeigt sich Thomas Koch optimistisch. „Wir müssen aus der Situation einfach das Beste machen.“

Diese Ansicht vertritt auch Andreas Runte, der mit seiner Frau Carola das „Haus Häner“ in Friedrichsthal bewirtschaftet. „Wir müssen mit der Situation leben. Wir kommen schon da durch.“ Seit 30 Jahren existiere das Haus und seit 18 Jahren werde es von ihm und seiner Frau betrieben. „Die nächsten Wochen halten wir auch noch durch. Wir gehen die Sache ganz ruhig an.“ Mit der Annahme des Abholservices an den Wochenenden ist er zufrieden. „Jedes Geld, was reinkommt, ist gut.“

„Was wird, kann keiner sagen, aber ich bin guten Mutes, dass es irgendwie weitergeht“, legt auch Thomas Schröder vom Hotel „Zur Brücke“ in Drolshagen Gelassenheit an den Tag. „Ein Geschäft machen wir zwar nicht, aber erledigen Dinge, die sonst liegenbleiben.“ Statt Essen auszugeben, hat auch er sich für umfangreiche Renovierungsmaßnahmen entschieden.

Einen Totalausfall indes bedeutet die Krise für die Inhaber des Sporthotels Wacker in Brün – so wie für viele andere Gaststätten im Kreis auch. Ab Donnerstag sei nur noch eine Telefonistin vor Ort, berichtet Emmelinde Wacker. Der Betrieb sei sozusagen „auf Null“ gefahren. Doch in ihrer Immobilie in Wenden, die das griechische Restaurant „Santorini“ beherberge, werde weiterhin zu den regulären Zeiten gekocht. Die Speisen verlassen hier via Abholservice das Haus.

Ein „Tropfen auf dem heißen Stein“ und nur 5 Prozent des normalen Umsatzes ist der Abholservice für Christian Siepermann vom Landhaus Berghof in Wenden an den Wochenenden. Obwohl das Angebot sehr gut angenommen werde. „Das läuft, das hätte ich gar nicht gedacht.“ Daran spüre er, dass den Menschen der Zusammenhalt wichtig sei. Auf das große Ostergeschäft verzichten muss auch er. Dennoch hat er die Menükarte auf diese hohen Feiertage zugeschnitten.

Einen vor über acht Jahren aufgegebenen Geschäftszweig wieder aufgenommen hat Christian Scholemann, der Chef von „Haus Wigger“ in Hützemert. Er beliefert wieder ältere Menschen aus der Umgebung, unter anderem auch die, die bewusst auf Außenkontake verzichten möchten. Der tägliche Abhol- und Lieferservice werde sehr gut angenommen. Seine Osterkarte hat er auf die Homepage gesetzt, und im Nu seien die Kapazitäten – zumindest für den Ostersonntag – ausgeschöpft gewesen. Sorgen habe er im Moment noch nicht. „Aber warten wir mal ab, wie die Lage in drei bis vier Monaten aussieht.“

Autor:

Yvonne Clemens (Redakteurin) aus Stadt Olpe

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