Zahlreiche Indizien
Von vorgetäuschter Vergewaltigung freigesprochen

Der Angeklagten wurde die Vortäuschung einer Vergewaltigung vorgeworfen.
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yve Olpe. Im Januar sorgte eine Pressemitteilung der Polizei über eine Vergewaltigung In der Trift in Olpe für Schlagzeilen. Beamte nahmen umfangreiche Ermittlungen auf, kontrollierten unter anderem Dienstzeiten von im nahen Umfeld tätigen Mitarbeitern und Fahrern, suchten nach Zeugen. Nur wenige Tage später dann die Wende. Polizei und Staatsanwaltschaft erklärten, dass die Frau die Vergewaltigung offenbar nur vorgetäuscht habe. Das hätten die Bewertung ihrer Aussage mit der Spurenlage sowie weitere Ermittlungsergebnisse ergeben.

,,Sie ist Opfer geworden''

Am Montag musste sich die 38-Jährige vor dem Amtsgericht Olpe verantworten. Und wieder wendete sich das Blatt. Vorsitzender Richter Richard Sondermann sprach die Frau auf Kosten der Landeskasse frei. „Sie ist Opfer geworden“, so Verteidiger Martin Kretschmer. Die Angeklagte gab Auskunft, stellte sich den Fragen von Sondermann und der Vertreterin der Staatsanwaltschaft. Sie sei an diesem Morgen früher als gewohnt zur Arbeit gefahren, habe Türen aufgeschlossen, Lichter angeschaltet und ihren PC gestartet. Plötzlich habe ein Mann vor ihr gestanden, leicht untersetzt, mit Schutzmaske, Cuttermesser und Handschuhen. „Ich habe gefragt, ob ich ihm helfen könne“, berichtete die Angeklagte. „Halt’s Maul, sonst tot“, habe der Unbekannte in slawischem Akzent geantwortet. Er habe ihr Hände und Beine mit Kabelbindern zusammengebunden, sie bäuchlings auf dem Schreibtisch liegend vergewaltigt und ihr mit dem Cutter Schnittverletzungen im Gesicht sowie am Gesäß zugefügt. Wahrgenommen habe sie auch die Verpackung eines Kondoms.

Woher wissen wir, dass die Vergewaltigung nicht stattgefunden hat?
Martin Kretschmer
Verteidiger

Bei der zweiten Vernehmung seien Zweifel aufgekommen, erklärte eine Polizistin im Zeugenstand – zum Beispiel, wie mit Handschuhen eine Kondompackung aufgerissen oder mit Kabelbindern gefesselt werden könne. Zudem machten es sich Vergewaltiger nicht selbst schwer, indem sie die Beine von Opfern fixierten. Ein Rechtsmediziner habe nicht ausschließen können, dass sich die Frau die Verletzungen selbst habe beibringen können. Zudem sei getestet worden, dass man sich mit Kabelbindern auch selbst die Hände am Rücken zusammenbinden könne.

Ein Arbeitskollege hat die Angeklagte gefunden

Erhärtet habe sich der Verdacht nach einer Hausdurchsuchung und der Sicherstellung des Mobiltelefons der Beschuldigten. Kurz vor der Tat habe sie bei Google unter den Stichwörtern „Nachweis einer Vergewaltigung“ oder „Gynäkologische Untersuchung nach einer Vergewaltigung“ gesucht. In der Wohnung seien Kabelbinder mit selber Chargennummer wie derer vom Tatort gefunden worden. „Das ist aber nicht besonders hilfreich“, hielt die Polizeibeamtin fest. Nach Auskunft des Herstellers seien die Kabelbinder millionenfach unter dieser Nummer produziert worden. Der Arbeitskollege der Angeklagten schilderte dem Gericht, wie er die 38-Jährige aufgefunden habe. „Ich dachte, sie sei bewusstlos.“ Er habe ihr die Kabelbinder entfernt, locker hätten diese jedenfalls nicht gesessen. Eigentlich habe seine Kollegin im Weiterbildungszentrum ein wichtiges Gespräch vorbereiten wollen, habe um 6 Uhr angefangen, um zeitig wieder bei ihrer Familie sein zu können.

Staatsanwaltschaft fordert Freiheitsstrafe

„Ich hatte um 10 Uhr eine Konferenz“, untermauerte der Mann der Beschuldigten. Seine Frau habe ihn beim Homeschooling des gemeinsamen Sohnes ablösen wollen. Ferner bekräftige er die Angaben seiner Frau bezüglich der Google-Suche. Sie sei in ihrer Jugend Opfer von Missbrauch geworden. Sie recherchiere diesbezüglich oft im Internet. Sie frage sich immer wieder, ob sie den Täter noch belangen solle, ob das überhaupt Sinn mache. Kurz vor der Vergewaltigung sei das Thema wieder akut gewesen.

Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft sah in ihrem Plädoyer den Vorwurf der Anklage jedenfalls als erwiesen an. Sie bezog sich auf die Ermittlungen und auf das Zeitfenster. Auch erscheine ihr es unlogisch, nach gynäkologischen Untersuchungen hinsichtlich einer Vergewaltigung zu suchen, wenn ein Missbrauch schon so viele Jahre zurückliege. Sie forderte eine Freiheitsstrafe von einem halben Jahr, die zur Bewährung ausgesetzt werde könne, sowie die Zahlung von 3500 Euro.

Verteidiger Martin Kretschmer fragte: „Woher wissen wir, dass die Vergewaltigung nicht stattgefunden hat? Und warum soll meine Mandantin sich selbst geschnitten haben und womit?“ Die Polizei habe am Tatort nichts gefunden, was darauf hinweise. „Wir haben hier Indizien, zahlreiche, aber keine durchschlagskräftigen“, so Richter Sondermann in seiner Urteilsbegründung. Die Google-Suche habe einen faden Beigeschmack, „aber letztlich kann ich nicht sagen, dass Sie die Vergewaltigung nur vorgetäuscht haben“.

Autor:

Yvonne Clemens (Redakteurin) aus Stadt Olpe

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