Werbung für Dialog und bäuerliche Landwirtschaft

Dr. Matthias Heider (MdB), Heribert Kamm, Dr. Peter Liese, Julia Klöckner, Sebastian Strumann, Henner Braach und Jochen Ritter (v. l.) stellten sich zum Gruppenbild.
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  • Dr. Matthias Heider (MdB), Heribert Kamm, Dr. Peter Liese, Julia Klöckner, Sebastian Strumann, Henner Braach und Jochen Ritter (v. l.) stellten sich zum Gruppenbild.
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win  Mit sechs Minuten Verspätung betrat am Dienstag die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Julia Klöckner (CDU), fast unbemerkt die urigen Räumlichkeiten von „Anteks Scheune“ in Hanemicke. Kein Applaus, kein Köpfedrehen – erst als CDU-Kreisvorsitzender Jochen Ritter ans Mikrofon trat und den Ehrengast begrüßte, bemerkte die Mehrheit der CDU-Mitglieder und Landwirte, die zu der Wahlkampfveranstaltung geladen waren, wer die Frau im leuchtend-orangen Blazer ist: Freundlicher Applaus brandete auf für die stellv. CDU-Bundesvorsitzende, die gekommen war, um Werbung zu machen: in erster Linie für Dr. Peter Liese, den NRW-Spitzenkandidaten der Union bei der Europawahl, aber ebenso für die bäuerliche Landwirtschaft, die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union – und für sich selbst und ihre Arbeit in Berlin. Angekündigt worden war eine „Podiumsdiskussion“, doch Liese und Klöckner redeten so lange, dass es für die anderen Diskutanten nur für kurze Stellungnahmen reichte.

Liese und Julia Klöckner kennen sich schon lange, unter anderem auch aus der gemeinsamen Arbeit im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK). Und auch politisch haben sie oft miteinander zu tun, seit ihrer Ernennung zur Ministerin verstärkt beim Thema Landwirtschaft und Ernährung

Liese machte deutlich, dass er den Ärger vieler Landwirte über die strengen Düngeverordnungen verstehe, aber andererseits sei der Schutz des Trinkwassers ein enorm hohes Gut. Beim Thema Wolf erklärte er, für ihn stehe der Schutz des Menschen und der Erhalt der Weidewirtschaft über dem Schutz des Wolfs, es sei für ihn unverständlich, dass andere europäische Länder weit rigider in Sachen Wolfsmanagement vorgingen als Deutschland.

In Brüssel werde gerade daran gearbeitet, die berechtigten Interessen von Landwirten wie Umweltschützern unter einen Hut zu bringen. Wichtig sei hier der Dialog.

Liese warb für die Teilnahme an der Europawahl, denn das geeinte Europa sei für Südwestfalen noch wichtiger als für viele andere Regionen. „Es geht bei dieser Europawahl um die politische Richtung und wir unterscheiden uns von unseren Mitbewerbern. Aber es geht auch darum, Europa gegen die Anti-Europäer zu verteidigen, und zwar die von links und die von rechts.“ Das Beispiel Nordirland zeige, dass schon die Diskussion über eine „harte Grenze“ zu einem Wiederaufflammen des Terrors sorge

Julia Klöckner festigte zunächst den ihr stetig anhaftenden Ruf als ehemalige Weinkönigin: Als nachträgliches Geburtstagsgeschenk hatte sie für Peter Liese mehrere Flaschen Rebensaft aus unterschiedlichen Weinbauregionen von Rheinland-Pfalz mitgebracht. Sie startete mit dem Thema Europa: Gerade als Rheinland-Pfälzerin wisse sie, was es heiße, mitten in Europa zu leben. „Daher wurde die Maut-Debatte bei uns auch ganz anders geführt als in Bayern.“ Soziale Gerechtigkeit dürfe freilich nicht heißen, alles gleichzumachen, sondern vielmehr, allen gleiche Chancen zu verschaffen. Gleiche Chancen bedeute für sie zum Beispiel, dass selbstverständlich der schnelle Mobilfunk vom 5-G-Standard „an jeder Milchkanne“ zur Verfügung stehen müsse, besser gesagt: an jedem Melkroboter. Um die Landwirtschaft als Beruf attraktiv zu halten, müsse das Berufsbild „spannend und sexy“ sein, und dazu gehöre eben der Melkroboter ebenso wie der moderne Freilaufstall.

Wie Liese griff sie das Thema Dialog auf: Derzeit sei festzustellen, dass eine regelrechte Radikalisierung durch das Land gehe, noch nie zuvor habe sie einen solchen Niedergang der Gesprächskultur erlebt, insbesondere in den sozialen Netzwerken, namentlich Facebook und Twitter. „Ausgleich und Kompromiss sind aus der Mode gekommen“, so Julia Klöckner. Sie wandte sich gegen die Ambivalenz in der Gesellschaft: Das „Bienenbegehren“ unterschreiben, gleichzeitig aber die nächste Kreuzfahrt buchen – das passe nicht zusammen. Andererseits mache auch der Stimmung, der Pflanzenschutzmittel als Ackergifte bezeichne. Sie sprach sich dafür aus, dass ein bundesweites Insekten-Monitoring für Fakten sorge. Landwirte, die mehr für Artenschutz und Tierwohl leisteten als andere, müssten dafür entsprechend entlohnt werden. Aber auch der Verbraucher sei hier gefragt: „Wer mehr Tierwohl will, darf das nicht sonntags fordern, aber montags bis samstags anders einkaufen.“ Sie versprach, sich für den Erhalt der bäuerlichen Landwirtschaft starkzumachen.

Als Diskutanten waren Henner Braach als Vizepräsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands, Sebastian Strumann vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) und Heribert Kamm, Landesinnungsmeister der Bäcker in Westfalen-Lippe, gekommen. Braach lobte die exakte Analyse, die Julia Klöckner vorgenommen habe. Auch habe er großes Verständnis für ihre Ankündigungen, dass Fördermittel mit entsprechenden Gegenforderungen verbunden seien: Das müsse bei öffentlichem Geld immer so sein. Die Landwirte hätten auch keine Angst davor, wenn denn gewährleistet sei, dass die Bemessung auf fachlichen Gründen basiere und nicht auf politischen. Leider sei aber oft das Gegenteil der Fall, und dann lande das Geld eben nicht beim Bauern, sondern bei Konzernen.

Strumann wies auf das aktuelle Datum hin: den „Natura 2000“-Tag, der auf das weltgrößte grenzübergreifende Schutzgebiete-Netzwerk hinweise, „ein europäischer Erfolg“. Gleichzeitig gelte es, darauf hinzuweisen, welche Naturschätze auf dem Spiel stünden. Etwa der Vogelschwund sei nicht wegzudiskutieren, zumal die Ursachen feststünden: „Die Lebensräume kommen abhanden.“ Die Gemeinsame Agrarpolitik müsse auch dies im Auge haben, und er sei ganz bei der Forderung, dass Landwirte, die mehr für Natur- und Umweltschutz leisteten als andere, dafür entsprechend zu entlohnen seien.

„Fordern ist leicht – aber dann kommt das Umsetzen.“ Heribert Kamm sprach sich dafür aus, dass die Politik dafür sorge, dass Klein- und Mittelbäckereien gegen die Konkurrenz der großen bestehen können. Dazu gehöre, dass die Vielzahl an Vorschriften zurückgefahren werde. Einfache Antworten seien nicht immer zielführend. Manche Vorschriften, er erinnerte an die Salzreduktion im Brot, seien eine „Gängelung des freien Unternehmertums“. Ein wichtiges Ziel der Politik müsse sein, die Wertigkeit von Lebensmitteln wieder nach vorn zu bringen – jeder Deutsche vernichte im Schnitt pro Jahr 55 Kilogramm Lebensmittel, hier gelte es gegenzusteuern.

Während die Gäste in „Anteks Scheune“ bei Kaffee und deftig belegten Broten weiter zusammensaßen, machte die Ministerin sich zu einem Anschlusstermin auf – mit dabei ein Geschenkkorb mit den „sieben Kostbarkeiten“ des Kreises Olpe: je einem Lebensmittel aus jeder Stadt oder Gemeinde.

Autor:

Jörg Winkel (Redakteur) aus Stadt Olpe

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