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Gesundheits Kompass

Wenn das Gehen zur Qual wird

Die „Schaufensterkrankheit“ ist das Ergebnis einer ungesunden Lebensweise

Wenn das Gehen zur Qual wird

Krampfartige Schmerzen beim Gehen, die im Ruhezustand nachlassen, sind ein typisches Symptom der Arteriellen Verschlusskrankheit (AVK), im Volksmund als Schaufensterkrankheit bekannt. Als Ursache gilt die Arteriosklerose. Wie man ihr vorbeugt oder sie behandelt, weiß Dr. Ahmed Koshty, Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie am Diakonie Klinikum Jung-Stilling Siegen.Arteriosklerose: Wenn die Blutgefäße verkalkenArteriosklerose: Wenn die Blutgefäße verkalken Die Arteriosklerose ist definiert als Verkalkung der Blutgefäße. Diese Verkalkung gehört zum natürlichen Alterungsprozess des Menschen, allerdings in unterschiedlichen Ausmaßen. Es gibt keinen konkreten Grund für die Arteriosklerose. Mit zunehmendem Alter steigt allerdings die Wahrscheinlichkeit, daran zu erkranken. Es gibt Risikofaktoren, die den Alterungsprozess der Blutgefäße beziehungsweise die Ablagerung des Kalkes an der Gefäßwand begünstigen – wie etwa Nikotinkonsum, ein erhöhter Cholesterinwert, die Zuckerkrankheit sowie Erkrankungen der Niere. Andere Faktoren, beispielsweise Gewichtszunahme oder Bluthochdruck, erhöhen ebenfalls das Arteriosklerose­Risiko.

Eine Verkalkung der Gefäßwand ist an sich keine Erkrankung und benötigt meistens keine Therapie. Wenn die Verkalkung allerdings sehr stark ausgeprägt ist, kann es zu Gefäßstenosen (Gefäßeinengungen) oder -­verschlüssen kommen – der sogenannten arteriellen Verschlusskrankheit (AVK). Der erste Hinweis auf eine Erkrankung der Beinschlagadern ist die sogenannte „Schaufensterkrankheit“. Diese hat ihren Namen durch folgende Symptome: Der Patient hat eine schmerzfreie Gehstrecke von rund 100 Metern, danach beginnt das Bein zu schmerzen, am häufigsten im Bereich der Wade(n). Nach einer kurzen Pause wird die Muskulatur im Bein wieder besser mit Blut versorgt und der Patient kann erneut 100 Meter schmerzfrei laufen. Geschieht dies etwa in einer Fußgängerzone, bleibt der Patient vor Schaufenstern stehen. Daher der Name „Schaufensterkrankheit“. Diese ist letztendlich das Ergebnis einer ungesunden Lebensweise wie Bewegungsmangel, Bluthochdruck, Übergewicht und Rauchen, sodass man sie als sogenannte Zivilisationskrankheit bezeichnen muss.

Die Gehstrecke verkürzt sich je nach Geschwindigkeit und Steigungswinkel. Beim Bergaufgehen treten die Schmerzen also deutlich früher auf, bereits nach wenigen Schritten. Läuft der Patient auf einer geraden Ebene, verlängert sich die Gehstrecke. Das ist im Alltag natürlich nicht immer zu realisieren, gerade in einer Stadt wie Siegen. Um die genaue Gehstrecke zu testen, braucht man eine sogenannte standardisierte Gehstreckentestung. Diese ist auf einem Laufband mit einer Geschwindigkeit von drei Stundenkilometern und einer Steigung von zwölf Prozent durchzuführen. Dies gilt in der Gefäßchirurgie als Standardmethode zur objektiven Bestimmung der Gehstrecke.

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DR. AHMED KOSHTY

Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie am Diakonie Klinikum
Jung-Stilling Siegen
Telefon: (0271) 333 4733
E-Mail: martina.kipping@diakoniesw.de

Die vier Stadien der Krankheit

Die Schaufensterkrankheit ist nur eine von vielen Erscheinungsbildern der Arteriellen Verschlusskrankheit (AVK). Diese wird in vier Stadien unterteilt.

+ Stadium I:
nachgewiesener Gefäßverschluss, jedoch ohne Beschwerden.
In diesem Stadium benötigt man keine Therapie, aber regelmäßige ärztliche Kontrollen.

+ Stadium II „Schaufensterkrankheit“:
a: eine leicht eingeschränkte schmerzfreie Gehstrecke von über 200 Metern
b: eine eingeschränkte Gehstrecke von unter 200 Metern

+ Stadium III:
die Schmerzen treten bereits in Ruhe auf, insbesondere nachts.
Dies ist ein typisches Bild: der Patient wird nachts aufgrund der Schmerzen wach und muss das Bein zur Schmerzlinderung aus dem Bett herunterhängen lassen.

+ Stadium IV „offenes Bein“:
das Gewebe stirbt ab und verursacht offene Wunden oder das Gewebe stirbt ab.  

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Ein erfahrener Gefäßchirurg kann die Diagnose schmerzfrei und innerhalb von wenigen Minuten feststellen. Die klinische Untersuchung basiert darauf, dass bei einem Gefäßverschluss der Blutdruck unterhalb der Einengung sinkt, sodass bei den betroffenen Patienten der Pulsschlag am Fuß nicht zu tasten ist. Ebenfalls sinkt der Blutdruck am Fuß im Vergleich zu dem systemischen Blutdruck (dem Blutdruck am Oberarm). Mit einem Dopplergerät kann der Gefäßchirurg die Blutdrücke am Fuß und am Oberarm messen und miteinander vergleichen. Ist der Blutdruck am Fuß unter 90 Prozent des systemischen Blutdrucks, so spricht man zunächst von einer AVK. Je nach Beschwerden wird der Patient in das entsprechende Stadium eingeteilt.

Eine weitere schonende und anerkannte Methode zur Feststellung der arteriellen Verschlusskrankheit ist die sogenannte Duplexsonographie. Diese ist eine Ultraschalluntersuchung der Gefäße. Hiermit werden die Geschwindigkeit und die Durchflussmenge des Blutes dargestellt und gemessen. Hierdurch kann man feststellen, ob eine Engstelle (Stenose) oder ein Gefäßverschluss vorliegt.

Bildgebende Untersuchung wird empfohlen

Um die Lokalisation und das Ausmaß des Verschlusses zu definieren, empfehlen die Leitlinien für Gefäßchirurgie die Durchführung einer bildgebenden Untersuchung, etwa einer CT­-Angiographie. Diese ist eine Darstellung der Gefäße in einem Computertomographen unter Kontrastmittelgabe, oder die MR­-Angiographie (Gefäßdarstellung im Magnetresonanztomographen). Diese beiden Methoden sind schmerzlos und zuverlässig mit einer Genauigkeit von nahezu 100 Prozent. Das Ziel dieser Untersuchung liegt darin, dass man das genaue Ausmaß der Läsionen, wie beispielsweise die Länge und den Grad des Verschlusses, darstellt. Auch kann man hier die Gefäßwand genau beurteilen.

Eine weitere Untersuchung, die in den Hintergrund gerückt ist, ist die sogenannte direkte Angiographie. Diese ist eine invasive Untersuchungsmethode, wobei man mit einem Katheter das Gefäß direkt untersucht. Diese ist mit einer Herzkatheteruntersuchung vergleichbar. Hierbei wird Kontrastmittel über die Leiste in das Gefäß injiziert und mittels Röntgengerät dargestellt. Der Nachteil dieser Methode liegt in der Invasivität, also das ein operativer Eingriff erforderlich ist. Jedoch wird bei bestimmter Indikationen immer noch auf diese Methode zurückgegriffen, etwa bei ausgeprägten Verkalkungen von Gefäßen oder am Ende einer Operation, um das Ergebnis zu kontrollieren.

Die Behandlung – nicht immer ist eine OP nötig

Die Behandlungsmöglichkeiten der arteriellen Verschlusskrankheit beziehungsweise der Schaufensterkrankheit sind groß und hängen immer von verschiedenen Faktoren ab. In erster Linie von den Beschwerden des Patienten, der Lokalisation und der Ausdehnung der Läsion sowie des zu erwartenden Langzeitergebnisses der entsprechenden Behandlungsmethode.

In der Regel gilt: keine Beschwerden heißt keine Operation. Bei Patienten, die einen Verschluss haben, der zufällig entdeckt worden ist, bedeutet das nicht unbedingt eine Operation. Wenn der Patient mit seiner Gehstrecke zufrieden ist und keine Lebenseinschränkungen hat, sollte man auch in diesem Fall keine Operation durchführen. Ausnahmen sind Patienten mit Zuckerkrankheit, da diese Patienten unter einer sogenannten Polyneuropathie leiden. Polyneuropathie bedeutet, wenig oder kein Gefühl im Unterschenkel und in den Füßen, sodass diese Patienten die Beschwerden nicht unbedingt bemerken. Diese Patienten sollten regelmäßig kontrolliert werden.

Bei bestehenden Beschwerden erstrecken sich die Behandlungsmöglichkeiten von konservativ-­abwartend bis hin zu einer Operation. Die konservative Therapie ist bei leichten Beschwerden empfohlen. Diese besteht aus verschiedenen Faktoren, wie der Minimierung der Risikofaktoren, also Rauchverzicht, Gewichtsabnahme oder der Einnahme cholesterinsenkender Medikamente. Auch ein Geh­ und Gefäßtraining, etwa tägliche Spaziergänge, ist sinnvoll.

Weitere Medikamente und Infusionen können die Gehstrecke verlängern und die Beschwerden verbessern. Die konservative Therapie wird in der Regel bei nicht ausgeprägter Arterieller Verschlusskrankheit durchgeführt und hängt auch von der Bereitschaft des Patienten ab, seinen Lebensstil zu ändern. Die Verbesserung erwartet man bei der konservativen Therapie nicht sofort. Dies ist ein langer Prozess, allerdings ist der Erfolg wissenschaftlich nachgewiesen.

„Kombination der Therapiemöglichkeiten

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Bei ausgeprägten Beschwerden, zum Beispiel einer nur sehr kurzen schmerzfreien Gehstrecke oder bereits vorhandenen Ruheschmerzen, empfiehlt sich eine sofortige Hilfe im Sinne einer invasiven Therapie. Diese wird in zwei Formen unterteilt. Die Kombination von beiden Therapiemethoden ist natürlich auch möglich. Die erste Therapiemethode ist die endovaskuläre (minimalinvasive) Therapie. Diese Art von Behandlung sollte bei jedem Patienten zuerst in Erwägung gezogen werden, da sie schonender für den Patienten ist und in Lokalanästhesie durchgeführt werden kann. Ob der Patient minimalinvasiv behandelt werden kann, hängt von der Länge der Läsion und den Langzeitergebnissen ab. Die minimalinvasive Therapie wird in der Regel durch einen Stich in der Leiste durchgeführt und das Gefäß durch Aufdehnen eines Ballons geweitet und/oder durch ein Metallgerüst (Stent) von innen heraus gestützt. Die Langzeitergebnisse bei kurzen Gefäßverschlüssen sind hervorragend.

Eine weitere Möglichkeit der minimalinvasiven Therapie ist eine sogenannte Gefäßfräse. Dies ist ein Gerät, das sich mittels eines kleinen Bohrkopfes durch das Gefäß arbeitet und dadurch den Kalk entfernt. Danach wird mit dem Ballon nachdilatiert.

In den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie steht, dass die minimalinvasive Therapie bei guter Durchführbarkeit die erste Behandlungslinie sein sollte.

Die Möglichkeiten der Behandlungen offen-­chirurgisch ist groß und beginnt bei der Kalkausschälung und Erweiterungsplastik bis hin zur Anlage eines Bypasses mit körpereigener Vene oder mit Kunststoffprothese. Diese Methode ist solide und verspricht eine sofortige Besserung der Beschwerden, ist allerdings mit einer Narkose verbunden.

Die körpereigene Vene ist dem Kunststoff im Langzeitergebnis überlegen und sollte immer bevorzugt werden. +