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Gesundheits Kompass

Der Schmetterling

Die Schilddrüse ist ein unterschätztes Organ

Der Schmetterling

Für Liebhaber des bayerischen Brauchtums gehört das Kropfband zur Tracht wie der Gamsbart auf dem Hut. Damit haben die Bajuwaren aus der Not eine Tugend gemacht, denn früher war gerade in den Alpen der Kropf ein vertrautes Bild. Das liegt daran, dass Süddeutschland – wie übrigens auch das Siegerland – ein Jodmangelgebiet ist. Das Spurenelement Jod aber benötigt der menschliche Körper jedoch, um Schilddrüsenhormone aufzubauen. Doch kratzt der Kropf, hervorgerufen durch eine vergrößerte Schilddrüse, nicht nur am Schönheitsideal.Ihre Aufgabe ist es, bestimmte Hormone zu produzierenDie Schilddrüse zählt zu den so genannten endokrinen Drüsen, die ihre Stoffe direkt ins Blut, in die Lymphe oder ins Gewebe abgeben. Mit den abgegebenen Hormonen reguliert die Schilddrüse Stoffwechselprozesse, steuert bei Kindern die Organentwicklung und regelt den Aufbau der Muskulatur sowie des Nervensystems. Tritt eine Schilddrüsenunterfunktion oder Schilddrüsenüberfunktion auf, so folgen aus ihr eine starke Gewichtszunahme oder eine ­-abnahme, Abgeschlagenheit oder Nervosität, eine erhöhte oder eine geminderte Herzfrequenz, Verdauungs-­ und Schlafstörungen oder unregelmäßige Regelblutungen. Unterbleibt dann eine Behandlung, drohen Langzeitfolgen wie Herzprobleme oder Arteriosklerose.Ihren Namen verdankt die Schilddrüse ihrer Position: Das schmetterlingsförmige Organ liegt unterhalb des Kehlkopfs wie ein Schild vor der Luftröhre. Ihre Aufgabe ist es, bestimmte Hormone zu produzieren. Und das gelingt ihr nur dann, wenn dafür eine ausreichende Menge an Jod zur Verfügung steht. Die Schilddrüsenhormone halten dabei den Stoffwechsel fast aller Zellen aufrecht. Dafür docken sie an ihren Rezeptoren in den Kernen und den Mitochondrien an und sorgen dafür, falls zu viel vorhanden, dass die Zellaktivität zunimmt. Die Folge können eine erhöhte Herzfrequenz und ein steigender Blutdruck sein, die Gefäße erweitern sich und die Körpertemperatur steigt an.

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PROF. DR. FRANK WILLEKE

Chefarzt Chirurgische Klinik – Marien Kliniken – St. Marien-Krankenhaus Siegen

Volumenvergrößerung als Kompensation

Ganz von allein arbeitet die Schilddrüse nicht. Sie braucht Jod, um reibungslos zu funktionieren. Wird zu wenig Jod aufgenommen, produziert diese eine zu geringe Menge an Schilddrüsenhormonen. Die Hirnanhangdrüse versucht dann, das Organ zur Mehrarbeit anzuregen. Weil diesem aber zu wenig Jod zur Verfügung steht, kompensiert sie es dadurch, indem sie ihr Volumen vergrößert, um das wenige vorhandene Jod optimal auszunutzen – Knoten entstehen.

Der Jodmangel geht an dem Organ nicht ohne Folgen vorüber. Teile von ihr funktionieren gegebenenfalls langfristig nicht mehr einwandfrei. Sie sind dann als Verkalkungen, Zysten oder Knoten identifizierbar und können weder Jod sammeln noch in einem ausreichenden Maß Hormone produzieren.

Die Folge einer zu geringen Hormonproduktion ist, dass die Stoffwechselprozesse des menschlichen Körpers nur verlangsamt ablaufen: Die Verdauung funktioniert nicht richtig, dadurch kommt es zu Verstopfung, Heißhungerattacken und einer Gewichtszunahme. Der Herzschlag ist verlangsamt und die Libido nimmt ab. Darüber hinaus können sich Depressionen ausbilden und die Leistung sowie die Konzentration leiden unter der Unterfunktion. Oft fröstelt es die Patienten; sie haben eine trockene, kühle Haut, eine heisere, tiefe Stimme und dünner werdendes, mattes Haar. Wer an einer Schilddrüsenunterfunktion leidet, hat lebenslang Medikamente einzunehmen. Mediziner kontrollieren die Dosierung einmal pro Jahr. Auch leichte Unterfunktionen dürfen Patienten nicht außer Acht lassen: Da bei einer Unterfunktion der Stoffwechsel träge ist, steigen der Cholesterinspiegel und das Risiko einer Arteriosklerose nach und nach an.

Auch Überproduktion ist ein Problem

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Es ist jedoch auch möglich, dass manche Teile der Schilddrüse als „heißen Knoten“ über ihr Soll deutlich übererfüllen und sich der Kontrolle durch die Hirnanhangdrüse entziehen. Die Konsequenz: Der Stoffwechsel legt an Fahrt zu, was sich in Gewichtsverlust trotz guten Appetits, einem schnelleren, unregelmäßigen Herzschlag, Nervosität oder Zittern bemerkbar machen kann. Auch weitere Symptome wie eine ungewöhnlich warme, feuchte Haut, Haarausfall, Störungen des weiblichen Zyklus‘, Muskelschwäche, ­schmerzen und ­-trägheit deuten auf eine Überfunktion hin. Lässt sich ein Jodmangel ausschließen, ist eine Autoimmunerkrankung, die Immunhyperthyreose, als Ursache für die Überproduktion der Schilddrüse denkbar. Sie betrifft insbesondere Frauen zwischen 20 und 40 Jahren.

Schon leichte Überfunktionen sollten therapiert werden. Tabletten hemmen die Überfunktion so lange, bis sich der Hormonspiegel wieder eingependelt hat. Ein operativer Eingriff ist dann nötig, wenn der Knoten entfernt werden muss. Dafür muss zuvor der Hormonhaushalt medikamentös wieder auf das Normalniveau gebracht werden. Häufig kann nach einem Eingriff eine Unterfunktion eintreten, die ebenfalls zu behandeln ist. Insbesondere für ältere Patienten ohne ausgeprägte knotige Veränderungen der Schilddrüse kommt auch eine Behandlung mittels Radiojodtherapie in Betracht.

Kommen wir nun zum bayerischen Brauchtum zurück. Ein Kropfband ist eigentlich nur noch ein modisches Accessoire, denn der Jodmangel ist im Siegerland nicht mehr so ausgeprägt wie in den 1980erJahren, und deswegen gibt es mittlerweile so gut wie keine jungen Menschen mehr mit sichtbarem Kropf. Dennoch bleibt das Thema der Über­ und Unterfunktion der Schilddrüse weiterhin relevant. Es bleibt zu hoffen, dass nach den Corona­-Jahren das Kropfband beim kommenden Oktoberfest den Mund­-Nasenschutz wieder ablöst.

Schwangere sind besonders betroffen


Besonders gefährdet von einem Kropf sind Schwangere und Stillende, da sich ihr Jodbedarf um 50 Prozent erhöht. Mediziner empfehlen daher meist frühzeitig zur Nahrungsergänzung, um einen Schwangerschaftskropf zu umgehen. Noch vor zehn Jahren nahm nur jede fünfte Frau zusätzlich Jod ein, heute sind es über 70 Prozent, die auf Kombipräparate aus Jod und Folsäure zurückgreifen. +

HORMONPRODUZENT SCHILDDRÜSE

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+ Die Schilddrüse ist ein schmetterlingsförmiges Organ. Sie liegt am Hals unterhalb des Kehlkopfes vor der Luftröhre und ist für die Produktion der Schilddrüsenhormone verantwortlich. Daneben wird dort Calcitonin produziert, das für die Regulation des Kalzium­ und Phosphathaushalts bedeutsam ist. Die vier Nebenschilddrüsen liegen regelmäßig der Schilddrüsenhinterseite an, wenngleich ihre Lage insgesamt aber sehr variabel ist. Dort wird das Parathormon hergestellt, das auch für die Regulation des Kalzium­ und Phosphathaushaltes wichtig ist.