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Gesundheits Kompass

Perspektivwechsel

Von Herz zu Herz mit Demenz

Perspektivwechsel

Meine Freundin ist eine erstaunliche Frau. Sie lebt seit 40 Jahren alleine. Als alleinerziehende Mutter, die auch noch berufstätig ist, hat sie lange Zeit ihr Leben selbstbestimmt und mit Engagement geführt. Sie ist eigensinnig. Das muss sie auch sein, um Entscheidungen stimmig zu treffen, um auf sich aufzupassen und Haltung zu zeigen. Sie konfrontiert, eben weil sie ihre Grenzen setzt und weiß, was sie will. Für das, was in der Welt passiert, hat sie eine hohe Aufmerksamkeit und interessiert sich insbesondere für Kunst, Kultur und Politik. Sie hat einen kreativen Humor und immer wieder Lust auf Neues, sie zeigt Interesse an anderen Menschen und deren Lebenswelten. Es ist ein großes Geschenk für mich, dass ich Zeit mit ihr verbringen kann. Ich kenne sie seit ca. zehn Jahren und war von Anfang an erfreut über ihre Offenheit, Neugier und ihre Begeisterungsfähigkeit.       

Wir verstehen uns beide sehr gut. Ich hatte direkt den Eindruck, hier ist eine Frau auf Augenhöhe mit mir, die mir so ganz anders begegnet als viele Frauen, die ich bisher aus meinem Umfeld kenne. Es ist eine der wenigen Frauen, die mir ein Selbstverständnis für das Frauenbewusstsein zeigt und auch vorlebt. Sie ist mutig und weiß genau, was sie will. Vom Rheinland aus hat sie den Schritt gewagt und ist alleine ins Siegerland gezogen – in einen Altersgarten auf einen Demeter-Bauernhof.

Meine Freundin ist unheilbar erkrankt. Meine Freundin verschwindet langsam …

Im vergangenen Jahr hatte sie einige gesundheitliche Probleme. Sie hatte Schwindel, Schwierigkeiten mit ihrer Sehkraft und sie war zeitweise ruppig und schwierig. Da habe ich mir öfter mal gedacht, dass es mir mit ihr reicht. In der Zeit der Pandemie verschärften sich schließlich ihre Ängste, sodass ein Kontakt zwischen uns kaum noch möglich war.

Dann wurde sie „tüddelig“ und schließlich kam im vergangenen Jahr die Diagnose einer unheilbaren Erkrankung. Mit ihrem Gesundheitszustand ging es rapide bergab. Demenz ist dabei eine Begleiterscheinung. Als sie sich schließlich nicht mehr allein versorgen konnte und in einem Pflegeheim einen Platz bekam, konnte ich sie das erste Mal nach fast fünf Monaten wiedersehen. Ich kenne mich nicht aus mit Demenz oder den Auswirkungen dieser Krankheit. Bei ihr war es so, dass sie eine Ruhelosigkeit mit zunehmenden Ängsten entwickelt hatte und kaum noch ein Erinnerungsvermögen hatte.

Perspektivwechsel -2

HEIKE HENRICHS-NEUSER

MSc Psychologin
www.perspektivwechselsiegen.de

Als wir uns wiedersahen, erkannte sie mich nicht. Ich war die Freundin, das Schwesterchen und anderes – aber eben nicht die Heike, die ich bin. Das war in Ordnung. Ich hatte damit gerechnet. Sie hat mich während der Zeit als angenehme Frau empfunden, neben der sie entspannt sein kann. Ich wusste, dass jetzt in diesem Augenblick nur das zählt, was sie, meine einstige Freundin, braucht.

Beim Ankommen im Pflegeheim musste ich alles, was mich beschäftigt, abstreifen. Ich musste mich auf die kommende Situation einlassen. Erwartungen hatte ich keine. Ich hatte das Glück, dass meine Freundin weiterhin freundlich, neugierig und humorvoll war. Da war keine Aggression. Es ging von ihr eine Behutsamkeit, eine vorsichtige Zärtlichkeit aus. Sie nahm manchmal meine Hand, um Sicherheit zu haben und sich halten zu lassen. Diese Nähe war angenehm. Meine Freundin war anscheinend immer wieder sehr damit beschäftigt, ihre Eindrücke und Gedanken zu sortieren. Augenscheinlich spürte sie eine Unruhe in sich. Ich merkte, dass es das Beste ist, einfach nur zu reagieren, zu ermutigen und zuzustimmen, außerdem auf schöne Dinge hinzuweisen.

Meine Freundin hatte in der Vergangenheit sehr oft Zeit für mich und die Gabe einer aufmerksamen Zuhörerin, die genau verstehen wollte. Sie wollte begreifen, verstehen – und sie hat geduldig nachgefragt. Sie brauchte Ruhe und Zeit für das Zuhören. Sie hat mich bei meinen Erzählungen immer wieder gestoppt und sich die Umstände erklären lassen. Sie fühlte wirkliches Interesse an meinen Erlebnissen. Ich war dankbar für ihre Lebensklugheit und ihre Geduld. 
       

Perspektivwechsel -3

Die Besuche bei ihr entschleunigen mich. Ich will auf sie eingehen, vorsichtig wahrnehmen, was sie braucht und womit sie sich wohlfühlt. Dafür bekomme ich eine direkte Rückmeldung auf mein Verhalten. Sie braucht einen sensiblen und vorsichtigen Umgang mit sich und ihren Ängsten auf die Umwelt. Ihr würde sofort auffallen, wenn ich nervös wäre oder schlechte Laune hätte. Das wäre nicht hilfreich für die Zeit mit ihr. Liebevoll, weich und verletzlich ist sie mit ihrer Erkrankung. Ein kleiner Kern von ihr ist noch da. Sie hat Sinn für Details und Schönes. Ein paar Momente sind da, wenn sie sich mitteilen kann. Es gelingt ihr durch Reime und Wiedererkennen von Bildern.

Das Überraschende passierte, als meine Freundin an dem neuen Ort einem liebevollen Mann begegnete. Beide haben sich gefunden und verbringen nun so viel Zeit wie möglich miteinander. Egal, was sie miteinander reden – überwiegend ohne Bezug und Verstand –, sie schauen sich an und fühlen sich miteinander verbunden. Es scheint so, als ob sie sich von Herz zu Herz begegnen. Sie blicken sich an und Liebe ist da. Sie nehmen sich an die Hand und fühlen sich miteinander wohl. Beide sitzen miteinander da und fühlen sich geborgen. Wie schön ist das denn? Die Beiden sprechen zusammenhanglos, jeder auf seine Weise. Dieses herzliche Erlebnis hat mich sehr berührt.

Meine Freundin verliert allmählich den Bezug zu vielen Dingen. Sie empfindet keinen Raum, keine Zeit. Ich lerne noch mal intensiv von ihr, dass nur die gegenwärtige Präsenz zählt, abgelöst von äußeren Umständen. Sie ist im Hier und Jetzt. Wichtig ist ein beruhigender Mensch an ihrer Seite, der über eine angenehme Art mit ihr Kontakt aufnimmt, dann wird sie ruhig und vertraut. Jeder Besuch ist ein neues Erlebnis, weil ihr Zustand sich immer weiter verschlechtert.

Ich merke weiterhin, dass ich ihr guttue. Immer mehr ist es ein kleiner Abschied. Meine Freundin ist gegangen...

Es war ein Weg, der mich viel gelehrt hat. Abschied gehört zum Leben. Wir können uns dem stellen und uns daran entwickeln. Wenn wir uns dem stellen, dann werden Umstände im Außen unwichtig und wir gewinnen den Blick auf das Wesentliche. Wahre Begegnung entsteht von Herz zu Herz. Den anderen Menschen lassen, wie er ist, und sehen, was jetzt dran ist. Die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment ist das, was zählt. Der Weg mit meiner Freundin hat mich tief beeindruckt.