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GESUNDHEITS KOMPASS

Der Tod aus dem Nichts

Der Tod aus dem Nichts

Rund 120.000 Bundesbürger sterben jährlich am plötzlichen Herztod

Niemand ahnt, dass Thorsten S.* (Name geändert) dem Tod ganz nahe gekommen ist. Die Spuren sind fast unscheinbar. Eine kleine, vier Zentimeter lange Narbe an der Brust. Darunter, gleich neben dem Herzen, ertastet man eine ganz kleine feste Beule. Es ist der Defibrillator, der nun in seiner Brust steckt und verhindern soll, dass sein Herz nochmals zu schlagen aufhört.

Ein paar Monate ist es her, da kippte der Manager eines mittelständigen Siegerländer Unternehmens in seinem Büro einfach um. Eine Warnung war dem Kollaps nicht vorausgegangen. Eben noch scherzte S. mit seiner Sekretärin herum, griff nach seinem Sakko, dann lag er auf einmal rücklings auf dem Teppich. Die Sekretärin, die den Sturz nur hörte, drehte sich um; sie konnte die Situation nicht richtig einschätzen und glaubte an einen seiner üblen Scherze. Erst als seine Lippen blau anliefen, bekam sie Angst. Und sie handelte: Sofort wählte sie die 112. Denn schnell war klar, dass dies keine gewöhnliche Ohnmacht war. Der Kreislauf von S. war innerhalb von Sekunden zusammengebrochen, seine Atmung stand still. Die Sekretärin begann mit der Herzmassage; wie durch eine Bestimmung geführt, hatte sie erst kurz zuvor an dem Wiederbelebungsworkshop beim Siegener Herz-Tag des Herz- und Gefäßzentrums Südwestfalen teilgenommen. Hätte sie auch nur einen Moment gezögert, wäre der Notarzt vergebens gekommen.

Die Attacke kommt stets unerwartet

„Plötzlicher Herztod“ lautete die Diagnose, die die Ärzte der Klinik von Prof. Dr. med. Michael Buerke später stellten. Nur durch die perfekt funktionierende Rettungskette konnte dem Manager geholfen werden. Dass S. überhaupt noch lebt und keine bleibenden Schäden davongetragen hat, ist eine große Ausnahme – die Diagnose plötzlicher Herztod wird meist postmortal erstellt. Rund 120.000 Bundesbürger sterben jährlich am plötzlichen Herztod. Plötzlich, da es fast nie Warnsignale gibt. Auch wenn der Betroffene bereits an einer Herzkrankheit leidet, kommt die Attacke stets unerwartet. Besonders beunruhigend dabei: Es trifft Menschen aller Altersgruppen.

Auslöser des plötzlichen Herztods ist in der Regel ein sogenanntes Kammerflimmern – nicht zu verwechseln mit dem Vorhofflimmern, der Gegenstand des Siegener Herz-Tages war. Der Herzmuskel schlägt dann so schnell, dass er nur noch zittert und kein Blut mehr durch den Körper schicken kann. So werden Gehirn und Muskeln nicht mehr mit Sauerstoff versorgt. Unversorgt führt dies nach fünf Minuten zu bleibenden Hirnschäden. Nach spätestens zehn Minuten ist der Mensch tot. „Zuerst wurde mir schwarz vor Augen und ich erlebte das, was man Nahtoterfahrung nennt“, berichtet S.. „Angst hatte ich nicht.“

Das Team in der Kardiologie unternimmt in solchen Situationen alles Menschenmögliche, um die Betroffenen ins Leben zurückzuholen. Denn häufig erwischt der plötzliche Herztod jene Menschen, die noch lange nicht ans Sterben denken. Meistens geschieht es vor dem 60. Lebensjahr. Eindeutig weist die Statistik den plötzlichen Herztod dabei als Problem der Männer aus: 2/3 beträgt ihr Anteil. Zusätzlich erschreckend: Viele von ihnen sind unter 40 Jahre alt. Letztgenannte Gruppe wirkt dabei äußerlich meist vollkommen gesund. Auch der 40-jährige Thorsten S. war sich über das Risiko, das er in seinem Herz trägt, keineswegs bewusst. „Ich hatte zwar ab und zu Herzrasen, aber dem habe ich keine große Bedeutung beigemessen.“ Stress gehöre einfach zu seinem Job, dachte er. Und so ließ er auch das Angebot, den sein Unternehmen ihm mit einem Checkup machte, verstreichen. „Nie habe ich damit gerechnet, dass ich einfach umfallen würde.“

Präventionsangebote nutzen

Zwar kann der plötzliche Herztod tatsächlich ohne irgendeine vorherige Erkrankung auftreten. In den meisten Fällen ist er aber die Folge einer nicht erkannten Herzkrankheit. Meist sind es lädierte Herzkranzgefäße, die den plötzlichen Herztod verursachen. Den entscheidenden Impuls liefert oft eine übermäßige körperliche oder psychische Belastung. Auch die üblichen Verdächtigen treten auf: Denn wer raucht, trinkt und übergewichtig ist, erhöht die Gefahr drastisch. Entzündungen und andere Erkrankungen des Herzmuskels und genetisch bedingte Herzrhythmusstörungen können auch ursächlich für den schnellen Tod sein. Ein wesentlicher Auslöser sind zudem verschleppte Viruserkrankungen. Viren können sich im Herz einnisten und den Herzmuskel entzünden. Meist heilt diese Entzündung folgenlos ab. Bei starker körperlicher Anstrengung kann es allerdings zum Kollaps kommen.

Wer sich schützen will, dem ist ein Besuch beim Kardiologen zu empfehlen. Ab dem 50. Lebensjahr sollten Männer alle zwei Jahre zur Herzuntersuchung, bei Frauen gilt dies ab dem 60. Lebensjahr. Ist eine familiäre Vorbelastung bekannt, sollte man bereits ab dem 40. Lebensjahr regelmäßig zur Vorsorge. Angebote wie unternehmensseitig angebotene Checkups sind als Angebot für besonders gestresste Menschen sicher eine sinnvolle Ergänzung. Wer vom Arzt als Risikopatient eingestuft wird, erhält regelmäßig vorbeugende Medikamente. Bei Hochrisikopatienten, die bereits einmal wiederbelebt werden mussten, wird ein Defibrillator implantiert. Dieses Gerät – kleiner als eine Streichholzschachtel – erkennt Rhythmusstörungen und beendet sie durch einen oder mehrere Stromstöße.

Das ist wie ein kräftiger Tritt in die Brust“, sagt Thorsten S. Nach dem plötzlichen Herztod hat ihm das kardiologische Team von Prof. Dr. Michael Buerke den „Defi“ implantiert. Schon zweimal hat das Gerät sein Herz seitdem wieder in Takt gebracht und ihn vor Schlimmerem bewahrt. 

CHEFARZT PROF. DR. MED MICHAEL BUERKE

Klinik für Kardiologie, Angiologie und Internistische Intensivmedizin, Marien Kliniken – St. Marien-Krankenhaus Siegen