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GESUNDHEITS KOMPASS

Ein schmerzliches Thema

Ein schmerzliches Thema

Der plötzliche Kindstod kommt unerwartet

Nach dem Abendessen wickeln die Eltern ihr Kind, ziehen es um und bringen es ins Bett. Dann schläft es friedlich ein – und wacht nicht mehr auf. Eine Horrorvorstellung, die für manche Familien aber bittere Realität ist. Im Jahr 2020 verstarben laut der Gesundheitsberichterstattung des Bundes 84 Säuglinge oder Kleinkinder in Deutschland infolge des plötzlichen Kindstodes, der auch als „Sudden Infant Death Syndrome“ (SIDS) bezeichnet wird. Ein Tod, der plötzlich und unerwartet kommt und für den sich keine Erklärung finden lässt. Mediziner sprechen vom Plötzlichen Säuglingstod beziehungsweise Kindstod, wenn ein augenscheinlich gesundes Baby oder Kleinkind unerwartet und ohne erkennbare Ursache stirbt. Dabei treten die meisten Fälle im Alter von zwei bis vier Monaten auf. Mit zunehmendem Alter nimmt das Risiko dann stetig ab. Und: Jungen sind etwas häufiger betroffen als Mädchen.

Bislang keine eindeutige Ursache gefunden

Leider können diese plötzlichen Todesfälle bislang nicht auf eine eindeutige und einzige Ursache zurückgeführt werden. Fachleute gehen aber davon aus, dass verschiedene Faktoren zusammenkommen, wenn Babys an diesem Syndrom versterben. Als eine mögliche Ursache wird beispielsweise eine Unreife des Atemantriebs und eine schwerere Erweckbarkeit vermutet, die dann zu einem Atemstillstand führt. Auch so genannte Enteroviren, die Herzmuskelentzündungen oder Herzrhythmusstörungen hervorrufen, können bei Säuglingen in sehr seltenen Fällen einen plötzlichen Herztod auslösen, der dann als SIDS (fehl-) interpretiert wird.

Auch wenn die Gründe für den Plötzlichen Kindstod bisher nicht bis ins Detail bekannt sind, so haben wissenschaftliche Untersuchungen in den vergangenen Jahrzehnten viele Risikofaktoren aufgedeckt. Da sich viele dieser Risikofaktoren – wie beispielsweise Bauchlage, Rauchen oder Überwärmung – vermeiden lassen, wurden daraus entsprechende Empfehlungen abgeleitet. Seitdem diese Empfehlungen allen Eltern im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen im Krankenhaus oder beim Kinderarzt vermittelt werden, sind die Fallzahlen des SIDS dramatisch zurückgegangen – eine Entwicklung, die so schon zuvor in anderen europäischen Ländern nach Einführung der Richtlinien beobachtet worden war. Als „3-R-Faustregel“ zusammengefasst lassen sich die drei wichtigsten Regeln zur Vorbeugung ganz einfach merken: Rückenlage – Rauchfrei – Richtig gebettet!

Babys sollten in einem eigenen Bett schlafen

Über das gemeinsame Schlafen von Eltern und Kindern in einem Bett gibt es stattdessen widersprüchliche Aussagen. Eine neuere Studie aus Schottland zeigt, dass vor allem Säuglinge, die jünger als elf Wochen alt sind, ein erhöhtes Risiko für den plötzlichen Kindstod haben, wenn sie das Bett mit den Eltern teilen. Dagegen sind zum Beispiel in den USA beide Ansichten aufzufinden. Deshalb wird in Deutschland das Schlafen des Kindes im Zimmer der Eltern im EIGENEN Bett für die ersten Monate propagiert. Laut weiteren Studien soll das Saugen am Schnuller eine vorbeugende Wirkung vor dem SIDS haben.

„In Deutschland wird seit 1991 die Rückenlage als Schlafposition für den Säugling empfohlen“, weiß Markus Pingel, Ärztlicher Direktor, Chefarzt und Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin an der DRK Kinderklinik in Siegen. „Zwischen 1991 und 2002 hat sich die Zahl der Kindstodfälle auch in Deutschland von 1285 Fällen 1991 auf 84 Fälle im Jahr 2020 reduziert. Dies wird oft auf die Empfehlung der Rückenlage und andere Präventionsmaßnahmen zurückgeführt.“ Früher wurde gegen die Rückenlage beim Schlafen eingewendet, dass die Kinder in dieser Lage eine Schädelverformung („platter Hinterkopf“) entwickelten. Doch: „Untersuchungen an Kleinkindern belegen, dass von einer möglichen Deformation keine dauerhaften Veränderungen herrühren“, so Pingel. Diese korrigiert sich, wenn die Kinder beim Spielen in den Wachphasen auch regelmäßig auf den Bauch gedreht werden. Und: Sogenannte Schlafpositionierer (Babykissen) versprechen keinen Erfolg und können sogar das Kindstodrisiko erhöhen. Die Babykissen sollen verhindern, dass sich Säuglinge im Schlaf auf den Bauch drehen und damit eine Risikoposition für den plötzlichen Kindstod einnehmen.

Auch gilt: Frühchen haben ein höheres Risiko vom SIDS betroffen zu sein. „Aber auch für sie gelten die gleichen Regeln und Bedingungen wie für die anderen Säuglinge“, meint Markus Pingel. „Lediglich in ganz seltenen Fällen und bei strenger medizinischer Indikation kommen Atemmonitore zum Einsatz. Etwa bei starken Herzkreislauf- oder Atemproblemen. Oder wenn der Plötzliche Kindstod bereits bei einem Geschwisterkind aufgetreten ist.“ Aber: Trotz allem können Eltern weiterhin beruhigt schlafen. „Sie sollten einfach die Empfehlungen beherzigen und bei Auffälligkeiten ihre Kinderarzt-Praxis kontaktieren“.

CHEFARZT U. ÄRZTLICHER DIREKTOR MARKUS PINGEL

Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Neonatologie, Päd. Intensivmedizin, DRK-Kinderklinik Siegen



DIE WICHTIGSTE UND EFFEKTIVSTE VORSORGE IST DIE VERMEIDUNG DER BEKANNTEN RISIKOFAKTOREN.

Dazu gehören:
► rauchfreie Umgebung
► Rückenlage zum Schlafen
► Schlafen im Elternschlafzimmer
► passender Schlafsack
► keine Kopfbedeckung
► keine zusätzlichen Decken, Felle, Kissen
► feste, luftdurchlässige Matratze
► Schlafzimmertemperatur 16-18 Grad Celsius
► keine Bettumrandung (Nestchen)