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DRK-Kinderklinik Siegen: wenn Essen zur Krankheit wird, Essstörungenfälle nehmen zu.

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Das Interview führte Arnd Dickel DRK-Kinderklinik Siegen. von der

Von allen psychischen Erkrankungen besteht bei der Magersucht die höchste Sterblichkeit

Die Coronapandemie hat nicht nur unmittelbare Auswirkungen auf den Körper des Menschen, sondern häufig auch mittelbare Auswirkungen auf die Psyche – auch bei Kindern und Jugendlichen. Chefarzt Dr. Heiner Ellebracht, die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Friederike Schneider-Hanses sowie das Team der Kinder- und Jugendpsychiatrie der DRK-Kinderklinik Siegen wurden in den vergangenen zwei Jahren zunehmend mit ausgeprägten Essstörungen, insbesondere mit Anorexia nervosa (Magersucht), konfrontiert. Ein Interview.

Sowohl in den Statistiken der Krankenkassen als auch in den Belegungszahlen der Kinderklinik haben die Fälle der an Essstörungen erkrankten Mädchen anscheinend deutlich zugenommen. Wie erleben Sie das in der KJP? 

Friederike Schneider-Hanses: Uns wurden in den vergangenen Jahren, insbesondere nach Beginn der Coronapandemie, deutlich mehr Mädchen im Alter zwischen elf und 17 Jahren mit teilweise massiven Essstörungen, vor allem mit Magersucht, vorgestellt. Problematisch dabei ist, dass die Familien Hilfe suchen, die Behandlungskapazitäten jedoch begrenzt sind, bei gleichzeitig deutlich schwerwiegenderen Krankheitsbildern.

Wie erklärt sich die Zunahme durch die Coronapandemie? 

Schneider-Hanses: Durch die zeitweise massiven Kontaktbeschränkungen während der Pandemie wurden die Jugendlichen stark von ihrem Umfeld getrennt, so dass weder in der Schule noch im Freundeskreis erste Symptome bemerkt werden konnten. Häufig hatten Jugendliche in der Pandemie auch das Gefühl, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren. Deshalb haben sie versucht, über die Kontrolle ihres Gewichtes aktiv gegenzusteuern.

Ab wann sprechen Sie denn von einer Magersucht?

Dr. Heiner Ellebracht: Wenn Kinder und Jugendliche – meistens sind Mädchen deutlich häufiger betroffen als Jungen – über einen längeren Zeitraum nichts oder sehr wenig essen, sprechen wir von einer Essstörung. Dabei verlieren die Mädchen sehr viel Gewicht und haben gleichzeitig noch den drängenden Wunsch, immer mehr abzunehmen. Besorgniserregend ist dabei, dass sich in den vergangenen Jahren das Durchschnittsalter für den Erkrankungsbeginn deutlich nach unten verschoben hat.

Woran können Eltern denn erkennen, dass ihr Kind unter Magersucht leidet?

Schneider-Hanses: Natürlich ist das starke Untergewicht in Bezug auf die Körpergröße ein wesentliches Erkennungsmerkmal. Dabei spüren die Eltern meistens, dass dieser Gewichtsverlust mit einem ausgeprägt starken Willen der Kinder hervorgerufen wird. Oft spielen dabei auch absichtliches Erbrechen, gewichtsreduzierende Medikamente und stark übertriebene sportliche Betätigung eine wichtige Rolle. 

Ellebracht: Bemerkenswert ist auch die ausgeprägte Angst, an Gewicht zuzunehmen, was für eine stark gestörte Körperwahrnehmung spricht (ich bin zu dick, obwohl ich eigentlich schon viel zu dünn bin). Auch erleben wir in den Familien, dass sich sowohl die Eltern als auch das magersüchtige Mädchen selbst ständig mit dem Gewicht, der Ernährung, dem Körper und Essensfragen beschäftigen.

Für Außenstehende ist es oft schwer verständlich, warum Mädchen so massiv hungern. Was ist die Ursache für Magersucht?

 Ellebracht: Es würde uns die Arbeit sehr erleichtern, wenn es die eine Ursache gäbe. Meistens spielen aber viele Faktoren bei der Entstehung eine Rolle. Bekannt ist, dass die Mädchen häufig Schönheitsidealen, die sie in Filmen und vor allem in den Sozialen Medien sehen, hinterherrennen. Dabei erfahren sie häufig, dass ihr eigener Körper diesen verzerrten Idealvorstellungen nicht entspricht, was zur Ablehnung der eigenen Körperlichkeit führt. Ein anderer wichtiger Entstehungsfaktor zeigt sich in nicht funktionierenden familiären Interaktionen. Dabei spielt das Problem der Ablösung von den Eltern meist eine große Rolle.

 Schneider-Hanses: Häufig erleben wir bei den betroffenen Kindern emotionale Stresssituationen, oft auch verbunden mit einem sehr hohen Leistungsstreben. Bei unseren Patienten sind Essstörungen häufig mit Depressionen, Angststörungen oder Problemen bei der Bewältigung von Lebenskrisen verbunden. Mobbing in der Schule oder geringes Selbstvertrauen können Auslöser sein. Je weiter die Erkrankung fortschreitet, umso mehr bauen Kinder körperlich ab. Konzentration und Leistungsfähigkeit schwinden. Je geringer das Körpergewicht wird, desto mehr treten bedrohliche Probleme auf. Von allen psychischen Erkrankungen besteht bei der Magersucht die höchste Sterblichkeit.

Wie sollen sich Eltern verhalten, wenn sie bemerken, dass bei ihrem Kind eine Essstörung vorliegt? 

Schneider-Hanses: Zunächst einmal ist sehr wichtig, dass die familiäre Kommunikation aufrechterhalten bleibt, was sich jedoch manchmal schwierig gestaltet. Die Eltern bemerken, dass ihr Kind nichts oder sehr wenig isst. Das macht ihnen Angst. Zwangsmaßnahmen oder Aufforderungen („Du musst jetzt aber essen“) verschlimmern das Krankheitsbild oft. Kämpfe ums Essen sollten vermieden werden. Besser ist es nachzufragen, was das Kind bedrückt, ob es möglicherweise Stress verursachende Faktoren gibt, in der Schule, unter den Freunden. Oft spüren Eltern auch, dass sich die Gewohnheiten ihres Kindes stark verändert haben.

 Ellebracht: Bei den sich ändernden Gewohnheiten spielen das Internet oder auch die Sozialen Netzwerke (Facebook, Instagram, TikTok) eine wichtige Rolle. Über die Medien werden – wie schon gesagt – Körperbilder vermittelt, die mit der Realität wenig zu tun haben. Es geht aber noch schlimmer: In der letzten Zeit sind wir auf hochgefährliche Internetseiten aufmerksam geworden, in denen Wettkämpfe um ein möglichst niedriges Körpergewicht ausgetragen werden.

Und was sollen die Eltern tun, wenn bereits eine deutliche Essstörung vorliegt? 

Ellebracht: Dafür sind unsere Kolleginnen und Kollegen in den Beratungsstellen, in den niedergelassenen Praxen und unser Team in der DRK-Kinderklinik Siegen da. Langes Abwarten verschlimmert die Situation meist erheblich. Auch wenn die betroffenen Jugendlichen jegliche Behandlung ablehnen, dürfen sich Eltern nicht beirren lassen, da die Erkrankung durchaus schwere Komplikationen nach sich ziehen kann. Oft fehlt es Eltern an dieser Stelle an Durchsetzungskraft, dringend erforderliche therapeutische Hilfe zu suchen. Dies führt jedoch zu einer höheren Komplikationsrate und verlängert das Leid der Kinder unnötig.

Gibt es für die Betroffenen denn ausreichend Therapieplätze? 

Ellebracht: Schon vor der Pandemie hatten wir eine angespannte Lage. In fast allen Fachkliniken fehlt es an Therapieplätzen und an Personal. Auch in den Ambulanzen und den Praxen sieht es nicht viel besser aus. Wir wollen auf dem Wellersberg neu bauen, fast 30 neue Plätze sollen hier entstehen. Dazu braucht es aber Fördermittel, Spendengelder und Fachkräfte.

Schneider-Hanses: Wir sollten die Situation aber auch als Chance begreifen, um psychische Erkrankungen bei Kinder und Jugendlichen nicht zu stigmatisieren. Das gilt nicht nur für Essstörungen. Wir sehen bei Kindern und Jugendlichen Depressionen, Ängste und Störungen, die durchaus behandlungsbedürftig sind. Das betrifft aber nicht nur irgendwelche Problemkinder, sondern es kann jeden treffen. Es fehlt auch an Aufklärungskampagnen und an niederschwelligen Hilfsangeboten. Dranbleiben – das muss unser aller Motto sein. +

DR. HEINER ELLEBRACHT

Chefarzt, Stellvertretender Ärztlicher Direktor, Facharzt für Kinder-und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie-Lehrtherapeut (SG), Lehrender Supervisor (SG)



FRIEDERIKE SCHNEIDER-HANSES

Therapeutische Fachleitung P1, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin (VT)